04.05.2006 · Der mit dem Auslands-Oscar gekrönte Film „Tsotsi“ zeigt uns, daß die sozialen Dramen in Südafrika sich nicht mehr zwischen Schwarzen und Weißen abspielen, sondern zwischen Armen und Reichen.
Von Verena LuekenAuf dem Papier spricht alles dafür, daß uns in diesem Film eine Geschichte nah an der südafrikanischen Wirklichkeit erzählt wird, die wir im Kino nicht häufig vor Augen bekommen: Als Vorlage diente ihm ein gepriesener Roman von Athol Fugard, der aus den fünfziger Jahren in die Gegenwart versetzt wurde, als Schauspieler wurden junge Talente aus Johannesburg verpflichtet, wo zumindest teilweise auch gedreht wurde, ihre Sprache ist Tsotsi-Taal, der Slang der Townships, die Musik Kwaito, die ebenfalls aus der städtischen Subkultur von Johannesburg kommt, eine südafrikanische House-Variante mit treibenden Beats, die wesentlich die schwarze Jugendkultur der Nach-Apartheid-Zeit bestimmt. Auch das Geld kam zum Teil aus Südafrika. Authentizität schien garantiert.
Was ist passiert, daß es anders kam? Wahrscheinlich nur, daß der Regisseur Gavin Hood, der auch das Drehbuch geschrieben hat, zuviel Herz hat - und deshalb eine Erlösungsgeschichte erzählt, in der uns nicht mehr zugemutet wird als in vielen anderen auch. Und zuwenig Mumm, uns eine Welt zu öffnen, in der Verbrecher als Verbrecher altern, statt als jugendliche Gangster im Erwachsenwerden Läuterung zu erfahren.
Ein halbes Kind
Tsotsi heißt in der Sprache, die in diesem Film gesprochen wird, „Gangster“, wobei der Titelheld, der seinen Geburtsnamen abgelegt und diesen generischen Namen angenommen hat, noch ein halbes Kind und vom Unterweltglamour so weit entfernt ist wie von einer glücklichen Jugend. Presley Chweneyagae spielt ihn als verschlossenen, oft etwas dumpf wirkenden Einsamen, für den Gewalt ein selbstverständliches Ausdrucks- und Verständigungsmittel ist. Mit seiner Bande, zu der Aap (Kenneth Nkosi), Boston (Mothusi Magano) und Butcher (Zenzo Ngoobe) gehören, findet er nichts dabei, in der U-Bahn einen älteren Mann abzustechen, der ein paar Scheine in der Tasche hat. Überaus empfindlich aber reagiert Tsotsi, wenn er auf seine Vergangenheit, seine Familie angesprochen wird.
Boston müßte das wissen, aber er fängt dennoch damit an, woraufhin ihn Tsotsi fast totschlägt. Und davonrennt, durch vermüllte Senken am äußersten Rand der Stadt, vorbei an vergessenen Rohrteilen, in denen Kinder hausen, wie früher auch er, und immer weiter, bis er ein wohlhabendes Viertel erreicht, wo sich eine Gelegenheit bietet, die er nicht ungenutzt vorüberziehen lassen kann. Im strömenden Regen versagt einer jungen Frau, die ihren Wagen in die Einfahrt ihres luxuriösen Einfamilienhauses fahren will, die Fernbedienung zum Öffnen des Tors. Tsotsi schießt sie nieder und stiehlt das Auto. Erst nach einer Weile schreit das Baby auf dem Rücksitz, das Tsotsi in der Eile nicht gesehen hatte.
Er staunt und ändert sich
Warum Tsotsi das Baby stiehlt und in einer Papiertüte in seine Blechhütte trägt, während er das Auto stehenläßt, bleibt das Geheimnis des Drehbuchautors, der auf diese Weise allerdings den Einstieg in die Erlösungsgeschichte geschafft hat, denn in Gesellschaft des kleinen bedürftigen Wesens entdeckt Tsotsi langsam wieder menschliche Regungen in sich. Bisher war er in düsteren Gegenden unterwegs, in die kein Farbklecks fiel, jetzt verschafft er sich Zugang zum Haus von Miriam (Terry Pheto), einer Madonnengestalt mit Kind in seiner Nähe, die das Baby versorgen soll. Und Miriam trägt nicht nur leuchtend farbige Tücher, sondern bastelt auch Mobiles aus buntem Glas. Tsotsi staunt und ändert sich.
In all seiner schlichten Vorhersehbarkeit zeigt uns „Tsotsi“ aber immerhin, daß sich die sozialen Dramen in Südafrika nicht mehr zwischen Schwarzen und Weißen abspielen, sondern zwischen Armen und Reichen. Und ein wenig sehen wir auch von Johannesburg, vor allem von seinen Rändern, an denen Geschichten wie diese für Hoffnung sorgen mögen.