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Kino Dänenkino: Natasha Arthys "Alt, neu, geliehen und blau" und Christoffer Boes "Reconstruction"

11.06.2004 ·  Neben der iranischen ist die dänische zur Zeit die interessanteste nationale Kinematografie. Das liegt nicht nur an Lars von Trier und seinem "Dogma"-Mitstreiter Tomas Vinterberg. Auch andere versuchen mit Erfolg, die neuen Rezepturen für den filmischen Alltagsgebrauch nutzbar zu machen.

Von Andreas Kilb
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Neben der iranischen ist die dänische zur Zeit die interessante nationale Kinematografie. Das liegt nicht nur an Lars von Trier und seinem "Dogma"-Mitstreiter Tomas Vinterberg, sondern auch an Regisseurinnen wie Lone Scherfig, Susanne Bier und Annette K. Olesen, die das "Dogma"-Prinzip weiterentwickelt und zum Teil auch wieder hinter sich gelassen haben. Während von Trier immer tiefer in die Laborgeheimnisse des Kinos eindringt - in seinem neuen Projekt "The Five Obstructions", das demnächst bei uns anläuft, führt er noch nicht einmal mehr selbst Regie, sondern gibt nur noch die Regeln vor -, versuchen andere, die neuen Rezepturen für den filmischen Alltagsgebrauch nutzbar zu machen. Sie erzählen Geschichten, die nach "Dogma" aussehen, ohne dogmatisch zu wirken.

Im besten Fall passen Handlung und Haltung darin zusammen wie Schlüssel und Schloß; im schlimmsten Fall, wenn die Kargheit nur eine Pose, der Kunstverzicht bloß ein Armutszeugnis der Regie ist, bleibt immer noch die Story, das Sujet. Denn die dänischen Filmemacher erzählen, als gäbe es nichts, was man im Kino nicht erzählen kann. Themen, Dramen, Tragödien, die es bei uns nur zum "Fernsehfilm der Woche" bringen, kommen in Dänemark auf die große Leinwand, von wo sie dann auf dem Verleihweg zu uns gelangen. Im Spiegel dieser Filme kann man sehen, wozu das deutsche Kino fähig wäre, wenn ihm das Fernsehen den notwendigen Spielraum ließe.

"Alt, neu, geliehen und blau" ist ein Spielfilm von Natasha Arthy, deren Erstling "Miracle" ebenfalls in Deutschland verliehen wurde. Der Kinotrailer verkauft Arthys Film als lebensfrohe Komödie mit tragischen Zutaten, aber eigentlich wirkt "Alt, neu..." eher wie eine Tragödie, die sich ins Komische rettet, wenn ihr gerade nichts einfällt. Es geht um zwei Schwestern, Katrine und Mette, die denselben Mann lieben. Als Thomsen vor zwei Jahren nach Afrika verschwand, haben die beiden ganz unterschiedlich darauf reagiert: Katrine (Sidse Babett Knudsen) hat einen neuen Freund, den sie heiraten will, während Mette (Lotte Andersen) suizidgefährdet in der Psychiatrieabteilung des Krankenhauses liegt. Als Thomsen (Björn Kjellman) eines Tages wieder vor Katrines Tür steht, geht alles sehr schnell: ein Blickwechsel im Wohnungsflur, eine durchgesoffene Nacht, und Katrines Heiratspläne beginnen zu wackeln. Aber Thomsen hat Aids. Wie der Film mit dieser Nachricht umgeht, ist typisch für seinen Schlingerkurs, denn er schickt den Mann und die Frau erst auf eine fröhliche Spritztour durch Kopenhagen, wo sie nach altem Brauch etwas Altes, Neues, Geliehenes und Blaues für die Hochzeit organisieren, bevor Katrine die schlimme Wahrheit enthüllt. Da kippt die Stimmung, aber nicht das Bild. Denn Natasha Arthy hat für das, was sie zeigen will, keine eigene visuelle Sprache, sie hält nur immer irgendwie die Handkamera darauf, egal, ob der Moment rosarot oder tiefschwarz gefärbt ist.

Arthy liest die "Dogma"-Maximen als Gebrauchsanweisung, nicht als Herausforderung. Deshalb hat ihr Film bei aller Buntheit etwas Monotones. Man sieht sich schnell satt an diesen Hochzeitsvorbereitungen, auch wenn die gezielten Peinlichkeiten, auf die das Geschehen immer wieder zutreibt, den Trott durchbrechen. Der Gipfel des Peinlichen ist erreicht, als am Traualtar Katrines Handy klingelt. Es ist Thomsen. Er singt ein Liebeslied. Jetzt müßte man gerührt sein. Aber da rächt sich die Unentschiedenheit des Films: Die Braut wird weich, der Zuschauer bleibt hart. Vielleicht würde man als Däne anders über "Alt, neu, geliehen und blau" urteilen. Es gibt eben seelische Zollgrenzen, von denen das Schengener Abkommen nichts weiß.

Ein anderer Fall ist Christoffer Boes Kinodebüt "Reconstruction". Dieser Film steht von Anfang an unter ästhetischem Hochdruck. Man sieht gleich, wieviel erfindungsreiche Puzzelei Boe aufgewendet hat, um diese körnigen Bilder, diese Stop-motion-Effekte, diese kühl verträumte Stimmung hinzukriegen und Kopenhagen wie einen eleganten Außenbezirk der Megalopolis aus "Blade Runner" aussehen zu lassen. Die Hingabe, mit der Boe die Filmbilder lyrisch verfremdet, erinnert an den Hongkongchinesen Wong Kar-wai, und von Wong könnte auch die Liebesgeschichte stammen, die "Reconstruction" erzählt.

Eine Liebe im Konjunktiv: Alex (Nikolaj Lie Kaas), ein Fotograf, trifft die schöne, rätselhafte Aimee (Marie Bonnevie), die mit ihrem Ehemann August zu einem Kongreß angereist ist, und verbringt die Nacht mit ihr. Aber vielleicht hat er sich das alles auch nur eingebildet, denn August ist Schriftsteller, und die Story, die er auf den Notizzetteln des Tagungshotels entwirft, sieht der von Alex und Aimee zum Verwechseln ähnlich. So ist der Erzähler immer mit im Bild, was seine Geschöpfe aber nicht hindert, sich immer tiefer in die Phantasmagorie ihrer Gefühle zu verstricken. Als Alex nach der Liebesnacht nach Hause kommt, ist seine Wohnung verschlossen, die Tür auf Zwergenmaß geschrumpft, und seine Freundin Simone, die ebenfalls von Marie Bonnevie gespielt wird, erkennt ihn nicht wieder. Wie ein Gespenst läuft Alex durch die Straßen: Die Parallelwelt, in der er mit Aimee lebt, hat keinen Ausgang in die Wirklichkeit. Der Schrecken, der im Begriff vom amour fou mitschwingt, wird hier zum Bild, auch wenn der wirkliche Horror dieser Liebe schon durch die Form, in der sie erzählt wird, aufgehoben ist.

Denn in "Reconstruction" ist alles Rekonstruktion, Leidenschaft aus zweiter Hand: Emotion, ein Mosaikspiel. "Wenn er von Liebe spricht, meint er die Erinnerung", heißt es einmal bei Kierkegaard, und dieser Erkenntnis gibt Christoffer Boe eine filmische Form. Man könnte darüber auch ein Gedicht schreiben. Aber "Reconstruction" dauert neunzig Minuten, und dafür ist sein Faden eine Spur zu dünn. Das ist der einzige Makel dieses Films, der eine Schönheit besitzt, von der das Kino der Dogmatiker nichts ahnt.

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