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Kino Brückenschlag nach Frankreich: "Marseille" von Angela Schanelec

23.09.2004 ·  Diese Regisseurin ist etwas Besonderes. Angela Schanelec gestaltet die Räume wie ein Bühnenbild, sie läßt die Bilder so lange wirken wie eine Fotografie und schickt so das Auge in minimalistischen Arrangements auf die Reise.

Von Peter Körte
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Der japanische Architekt Tadao Ando will demnächst eine Brücke bauen, die den Rhein zwischen Deutschland und Frankreich überspannt - aber nur zur Hälfte. Er wird seine Gründe haben. Wenn man sich die Filme von Angela Schanelec anschaut, könnte man ein ähnliches Projekt erkennen. Nicht nur dort, wo die Filme zwischen Frankreich und Deutschland spielen wie "Plätze in Städten" oder jetzt "Marseille", ist eine Art des Sehens und Erzählens, eine Geduld und Genauigkeit, ein Umgang mit Schauspielern und Orten zu spüren, die man bei Regisseuren wie Pialat oder Rohmer findet. Es gibt allerdings auch Szenen, in denen sich das Beiläufige verliert, in denen das Schwere nicht mehr leicht wirkt und die Statik des Brückenschlags nicht mehr stimmt.

"Marseille" ist Angela Schanelecs vierter langer Film. Die Zweiundvierzigjährige hat in Frankfurt Schauspiel studiert und an verschiedenen Theatern gespielt, sie hat danach die Filmhochschule in Berlin besucht, und sie arbeitet unbeirrt an einer Sprache, an einem Idiom, das den Respekt für ihre Charaktere zum Ausdruck bringt. Sie rückt ihnen nicht zu nah, und deshalb ist das, was man eine Geschichte nennt, meist nur in Fragmenten vorhanden. Selten hat man so viele Halbprofile und Hinterköpfe gesehen wie in "Marseille". Die Kamera rückt die Schauspieler weniger ins Bild, als daß sie Menschen zuschaute und zuhörte, so wie man eher unabsichtlich Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei Frauen im Schwimmbad oder zwischen einem jungen Mann und einem jungen Mädchen an der Bar wird.

Das ist natürlich nicht realistisch; es ist eine Stilisierung, weil die Bilder mit einer wunderbaren Präzision kadriert sind, weil ein Licht und eine Atmosphäre in ihnen herrschen, die mehr sind als der flüchtige Passantenblick in einen Alltag. Alles hat seine spezifische Farbtemperatur: das harte Februarlicht in Marseille, die Grün- und Gelbtöne, wie sie nur nachts im Neonlicht entstehen, das Graublau der Fotografien, welche die Fotografin Sophie neben einen Stadtplan von Marseille an die Wand hängt.

Angela Schanelec gestaltet die Räume wie ein Bühnenbild, sie läßt die Bilder so lange wirken wie eine Fotografie und schickt so das Auge in diesen minimalistischen Arrangements auf die Reise. Die Montage ist elliptisch. Nicht der Augenblick und der Vollzug der Handlung zählen, sondern das Danach. Eben sitzt Sophie noch mit Franzosen in einem Tanzlokal, dann steht sie an einer Fußgängerampel in Berlin. Sie zieht mit dem jungen Mechaniker Pierre los; was passiert, bleibt offen. Sie fährt aus der Stadt, um das Umland von Marseille zu erkunden, und man sieht nur von einem Hügel auf eine stark befahrene Autobahn. Sie bemerkt, daß Zelda, in deren Appartement sie in Marseille wohnt, nie in ihrer Berliner Wohnung war, aber sie geht dem nicht nach.

Maren Eggert als Sophie arbeitet nach innen. Sie ist so unauffällig, daß man sie inmitten der Passanten nicht bemerken würde. Manchmal sehen wir sie mit der Kamera in der Hand, manchmal ahnen wir auch, was sie fotografiert, so wie wir ahnen, was in ihr vorgeht. Ihr Gesicht und ihre Körpersprache verraten, daß sie mit sich beschäftigt ist. Sie steckt die Hände in die Manteltaschen, sie verschränkt die Arme. Ihr Mienenspiel verrät kaum mehr, als daß sie weniger die Welt, als ihre Reaktion auf die Welt wahrnimmt. Es ist genau diese Einsamkeit, die bei Angela Schanelec den Grundton ausmacht. Es geht nicht um große Geheimnisse; nur darum, daß einer dem anderen bei aller Nähe zugleich auch undurchschaubar bleibt.

Dann bricht der Film auf einmal ein. In Berlin sieht man ein befreundetes Paar mit Kind, die Frau (Marie-Lou Sellem) ist Sophies beste Freundin, den Mann (Devid Striesow) findet Sophie anziehend. Die Kamera folgt ihm zu einem Fototermin in einer Fabrik und ihr auf eine Theaterprobe. Da wird nicht viel erzählt, aber es geschieht in demselben Tonfall wie zuvor. Da schafft sich der Minimalismus selbst ab. Und daß ein Paar, wenn es sich morgens anzieht, wenn die Putzfrau schon durchs Zimmer läuft, ausgerechnet über Tschechow reden muß, das hat einen leichten Stich ins Kunstgewerbliche.

Sophie fährt wieder nach Marseille. Sie wird überfallen, nachdem sie im Morgengrauen angekommen ist, aber den Überfall sieht man nicht. Sie geht zur Polizei und wird von einem Beamten befragt, aber den Beamten sieht man nicht, nur den Dolmetscher. Als der Beamte fragt "Was fotografieren Sie?", entsteht eine lange Pause. "Die Straßen", sagt sie dann, "les rues", sagt der Dolmetscher. Vielleicht auch das Meer. In den letzten Bildern sieht man den Strand. Sophie in ihrem gelben Kleid ist ein langsam verblassender Punkt, der Widerschein der Sonne färbt den Horizont blaßgelb, bis schließlich alles in Graublau daliegt. Und da ist die Statik wieder intakt.

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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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