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Kino Blindheit macht lieb: "Erbsen auf halb 6" von Lars Büchel

03.03.2004 ·  Ein Film über Blinde. Der Regisseur aber, so scheint es, hat eine doppelte Optik. Ein Auge ist auf die Geschichte gerichtet, ein anderes auf die Virtuosität, mit der Lars Büchel sie erzählen will.

Von Andreas Kilb
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Einmal laufen in diesem Film die beiden Liebenden durch ein Rapsfeld. Es ist Sommer, der Raps leuchtet gelb, das Feld dehnt sich bis zum Horizont. Und die Liebenden sind blind. Sie rufen nacheinander, oder besser: Lilly ruft nach Jakob, während Jakob schweigend vor ihr zu fliehen versucht, mit ausgestreckten Armen blindlings durch den Raps. Er geht in die Irre, so wie auch Lilly sich verirrt, wenn sie dem Geräusch seines Atems folgt, seinem Gemurmel, einem Rascheln im Feld. So umkreisen und verfehlen sie sich, bis sie sich endlich in die Arme laufen, der Mann widerstrebend, die Frau zornig; und doch sind sie ein Liebespaar. Das sieht man. Das weiß man.

Das könnte eine große Szene sein: die blinde Liebe, die Liebe unter Blinden. Sie wäre groß, wenn sie mit denen, die sie zeigt, auf Augenhöhe bliebe - oder doch in Höhe des Gehörs und des Tastsinns. Aber der Blick, den der Regisseur Lars Büchel auf diese Szene richtet, ist seinen Figuren immer weit voraus. Er betrachtet sie von ganz oben oder tief unten, in extremen Totalen oder Nahaufnahmen, er interessiert sich mehr für das Muster ihrer Schritte im Raps als für die Schritte selbst. Büchel, so scheint es, hat eine doppelte Optik: Ein Auge ist auf die Geschichte gerichtet, ein anderes auf die Virtuosität, mit der er sie erzählen will. Der Film eines Könners, das sollte "Erbsen auf halb 6" werden. Es ist ein angestrengter Könnerfilm geworden, eine jener knalligen Talentproben, an denen im deutschen Kino derzeit kein Mangel herrscht.

Talentiert ist auch der Theaterregisseur Jakob (Hilmir Snar Gudnason), bevor er bei einem Autounfall sein Augenlicht verliert. Lilly (Fritzi Haberlandt), seine gute, von Geburt an blinde Fee vom Rehabilitationszentrum, will ihm helfen, sich wieder in der Welt zurechtzufinden. Er stößt sie zurück, sie heftet sich an seine Fersen. Er fährt zu seiner todkranken Mutter nach Rußland, sie folgt ihm, wiederum verfolgt von ihrem Verlobten (Harald Schrott) und ihrer Mutter (Tina Engel), die beide gute Augen haben und wenig Intuition.

Wenn man weiß, daß die Autorin Ruth Toma auch die Drehbücher zu "Gloomy Sunday" und zu "Solino" geschrieben hat, kann man sich ungefähr vorstellen, wie die Sache weitergeht. Es gibt ein paar Metaphern, die die Handlung strukturieren, Regentropfen, Fahnen im Wind; und viel talentiertes Gefuchtel mit Plot und Subplot, das der Story weder auf die Sprünge hilft noch ihr ganz den Garaus macht. Es ist eher so, als sähe man die Liebesgeschichte durch einen Schleier filmischer Ideen, die wenig oder gar nichts mit ihr zu tun haben. In einem normalen Melodram ist das in Ordnung, in einem Film über Blinde ist es unverzeihlich. Gerade weil es ums Nichtsehenkönnen geht, muß jeder Blick stimmen.

"Erbsen auf halb 6" ist nicht der Film eines Könners, aber der einer Könnerin. Sie heißt Fritzi Haberlandt, und die Selbstverständlichkeit, mit der sie Lillys Blindheit spielt, verschlägt einem die Sprache. Wenn sie in die Kamera sieht, ist es, als hätte sie ihren Blick nach innen gedreht. Sie schaut nicht, sie lauscht; ihr ganzer Körper ist ein einziges Lauschen und Tasten, ein Horchen und Fühlen in die Dunkelheit hinein.

Der Titel übrigens verdankt sich einer Technik, mit der sich Blinde über ihr Essen verständigen. Auf dem Menüteller des deutschen Films liegt "Erbsen auf halb 6" auf zehn vor zwei - im oberen Drittel, aber mit fallender Tendenz.

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