08.10.2004 · Mit seinem Film „Terminal“ unternimmt Steven Spielberg einen weiteren Versuch, als Komödienregisseur zu reüssieren. Doch noch keine Komödie hat so selbstherrlich gegen ihre eigene Logik verstoßen.
Von Andreas KilbWenn Steven Spielberg dereinst nicht als großer Komödienregisseur in die Filmgeschichte eingehen wird, liegt es jedenfalls nicht daran, daß er sich damit keine Mühe gegeben hätte. Seit "1941", seinem ersten (und heftig gescheiterten) Versuch mit dem Genre, hat Spielberg immer wieder einmal einen Anlauf zum Komischen genommen, teils ganz direkt wie zuletzt in "Catch me if you can", teils über den Umweg des Kinder- oder Saurierfilms wie in "Hook" oder "Lost World".
Es ist nur so, daß die Komödie ihm widersteht. Spielberg, der Alleskönner, der Kinozar, wirft sich mit aller Macht dagegen, aber die Tür zum Reich der Pointen geht nicht auf. Sie öffnet sich nur dann und wann einen Spalt breit, immerhin weit genug, daß man sehen kann, was dahinter liegt: wunderbare, herzerweichende, allesversöhnende Geschichten. Geschichten, wie sie einst Frank Capra erzählt hat oder Preston Sturges in seiner besten Zeit.
Die Suche nach der Vaterfigur
Andererseits hat Steven Spielberg einige der schönsten Vater-Sohn-Geschichten des Kinos erzählt, was ja auch kein geringes Verdienst ist - von "Unheimliche Begegnung" und "Das Reich der Sonne" über "Indiana Jones 3" und "A. I." bis wiederum "Catch me if you can". Der Witz dieser Geschichten liegt oft darin, daß der Vater abwesend oder krank oder sonstwie geschwächt ist, so daß der Sohn sich eine andere Vaterfigur suchen oder sogar schaffen muß, je nachdem, was die Umstände gerade hergeben. Jedenfalls wird die Welt bei Spielberg nicht heil, bevor nicht der Held seine Eltern oder Ersatzeltern wiedergefunden und sich mit ihnen versöhnt hat, was immer auch anschließend noch folgen mag. Bei Spielberg, der selbst eine größtenteils vaterlose Kindheit verbracht hat, hängt an all diesen Stories auch ein autobiographisches Interesse - der Wunsch, wenigstens auf der Leinwand zu retten, was im wirklichen Leben nicht zu retten war.
Steven Spielbergs neuer Film "The Terminal" beginnt nun damit, daß Tom Hanks mit einer Blechdose im Handgepäck am Kennedy Airport in New York ankommt, in der, wie man später erfahren wird, das Vermächtnis seines verstorbenen Vaters steckt. Und Tom Hanks, der hier Viktor Navorski heißt, will dieses Vermächtnis erfüllen. Deshalb kommt er nach Amerika. Er trägt sozusagen das Allerheiligste der Spielberg-Welt mit sich herum, in einer Dose, wie sie den Doktor Freud entzückt hätte. Und dann passiert etwas, was normalerweise nicht passieren kann: Navorski bleibt stecken. Am Flughafen. Im Terminal. An der Schwelle zu New York. In die Stadt hinein darf er nicht. Und zurück, nach Hause, läßt man ihn auch nicht. Denn in Krakosien, dem Land, aus dem Viktor Navorski stammt, hat sich ein Putsch ereignet; die neue Regierung aber wird von den Vereinigten Staaten nicht anerkannt, so daß sein Paß hier wie dort ungültig ist. Er sei inakzeptabel, bekommt Navorski zu hören, und bald glaubt er es auch selbst.
Im Glashaus der Globetrotterei
Wenn man diesen Film verstehen will, hilft es wenig zu wissen, daß der echte Viktor Navorski Merhan Karimi Nasseri heißt, seit sechzehn Jahren in einer Wartehalle des Pariser Flughafens Charles de Gaulle haust und mit dem Honorar der Firma Dreamworks noch viele weitere Jahrzehnte als staatenloser Transitpassagier durchhalten will. Statt dessen muß man sich fragen, was Spielberg an dieser Geschichte einer Gefangenschaft im Glashaus der Globetrotterei eigentlich interessiert.
Der humanitäre Aspekt? Wohl kaum, denn Viktor Navorski ist weder arm noch politisch verfolgt, und über seine Familie daheim in Krakosien erfährt man nicht mehr, als daß er sich um sie sorgt. Die zvilisatorische Allegorie? Auch das nicht, denn obwohl Dixon (Stanley Tucci), der Chef der Grenzschutzbehörde, als Inbild eines amerikanischen Karrierebeamten erscheint, trifft man seinesgleichen auf anderen Airports ebenso, und auch das multikulturelle Bodenpersonal ist keine Besonderheit von New York.
Eine Welt im kleinen
Was ist es dann? Es ist der Raum. Der Transitraum, in den Viktor Navorski hineingestoßen wird, das Terminal als Metapher und Lebensform. Eben weil dieser Raum so überschaubar und zugleich so vielgestaltig ist, bietet er alle Möglichkeiten einer Welt im kleinen: Gänge, Fallen, Verstecke, Arbeitshöllen und Liebesparadiese. Nur für das epische Actionkino, dessen Virtuose Steven Spielberg heißt, ist er viel zu eng. Aber auf das Spektakel hat es Spielberg diesmal auch nicht abgesehen. Statt dessen will er die Geschichte eines Mannes erzählen, der sich in der Enge einrichtet, aus seinem Mißgeschick Funken schlägt und nebenbei sein Glück findet.
Also die klassische Story aller romantischen Komödien, von Capras "It's a Wonderful Life" bis "Forrest Gump" und "Schlaflos in Seattle", um nur zwei der Filme zu nennen, in denen Tom Hanks dem Genre bereits sein Gesicht geliehen hat. Und wie in "Forrest Gump" läuft auch in "The Terminal" alles darauf hinaus, daß alles irgendwie weiterläuft: für Navorski, für Dixon und für den Rest der Welt. Nur daß Spielberg, anders als sein Kollege Zemeckis, kein Regisseur ist, der sich ganz in den Dienst einer Geschichte stellt. Ihn reizt weniger das Schicksal Navorskis als der Ort, an dem es sich ereignet: das Flughafenterminal. Und damit beginnen die Probleme seines Films.
Alternder Engel
Denn in romantischen Komödien hängt viel davon ab, daß die Komik sich nicht im Anekdotischen verliert, sondern eine Richtung hat, ein Ziel. Für "The Terminal" haben Spielbergs Drehbuchautoren Andrew Niccol und Sacha Gervasi eine Liebesgeschichte erfunden, in deren Mittelpunkt die Stewardeß Amelia (Catherine Zeta-Jones) steht, ein alternder Engel, der für seine Flügel einen geeigneten Abstellplatz sucht. Es dauert eine Weile, bis Amelia begreift, daß Viktor Navorski dieser Platz sein könnte, aber dann fügt sich alles zwanglos zusammen, der Ort, die Blicke, die Stimmung, das Licht.
Schließlich werfen Amelia und Viktor ihre Beeper, deren Pfeifen und Klingeln sie an die Welt außerhalb des Terminals bindet, hinunter aufs Rollfeld - und genau in diesem Augenblick bricht Spielberg die Szene ab. Er möchte Navorski allein nach Krakosien zurückschicken, mit dem letzten noch fehlenden Musiker-Autogramm für die väterliche Sammlung in der Blechdose unter dem Arm. Und er will das Terminal, dieses Utopia im Westentaschenformat, nicht zur Kulisse einer Love-Story machen, an die er nicht glaubt. Es hat schon viele verpatzte Komödien im Kino gegeben, aber noch keine, die so selbstherrlich gegen ihre eigene Logik verstieß.
Mit der Capra-Nachfolge wird es für Spielberg also nichts. Aber es gibt ja noch Steven, den Meister des Gigantenfilms. Als nächstes will er den "Krieg der Welten" auf die Leinwand bringen. Da ist er wieder in seinem Element.