03.11.2004 · Wenn Tolstoi sich geirrt hätte, wäre Rudolf Thome wahrscheinlich arbeitslos. "Glückliche Familien sind alle gleich; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich", schrieb der Autor von "Anna Karenina" vor mehr als hundert Jahren.
Von Peter KörteWenn Tolstoi sich geirrt hätte, wäre Rudolf Thome wahrscheinlich arbeitslos. "Glückliche Familien sind alle gleich; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich", schrieb der Autor von "Anna Karenina" vor mehr als hundert Jahren. Deshalb ist es natürlich nur ein Witz, wenn sich die Familie Bogenbauer-Süßmilch gleich zu Anfang von Thomes neuem Film als beispielhaft glückliche deutsche Familie in eine9r Talkshow versammelt. Vier halbwüchsige Kinder, die Mutter Zahnärztin, der Vater Philosophieprofessor, das ist das telegene Glückssystem.
Jenseits des Fernsehstudios ist es ein System mit Schatten. Liebeskummer, mehrfacher Ehebruch, Schwangerschaft, Tod. Thome braucht die Idylle für die Risse und die Risse für die Beziehungsfeinarbeit. Seine Helden reißen die Risse auf, wenn sie sie zu überdecken versuchen. Das ist so etwas wie das Lebenshandwerk des gutsituierten Berliner Mittelstands, und Rudolf Thome ist seit fast fünfundzwanzig Jahren dessen verläßlichster Chronist - ganz ohne seelenquälerischen Ernst, so spielerisch, wie es die Namen seiner Helden andeuten. Bogenbauer (Karl Kranzkowski) und Süßmilch (Hannelore Elsner) heißen sie diesmal oder Sven Hedin, der Forscher, der in die Ferne zieht und den Hanns Zischler mit der Selbstverständlichkeit eines Stammgastes spielt, der in fast jedem Thome-Film wie von selbst seine Rolle findet, mal im Zentrum, mal am Rand. Diese Namen erinnern an Schelmenromane oder Märchen, obwohl es sich bei Thomes Filmen eher um menschenfreundliche Menschenversuche handelt. Dazu paßt es, wenn Zischlers Forscher das Gewimmel der Welt mit einem Ameisenhaufen vergleicht und findet, daß es von oben aus doch ganz gut aussähe.
Thome arbeitet allerdings lieber in Augenhöhe. Sein Film zeigt den zu Tode fotografierten Potsdamer Platz zwar nicht gänzlich neu - aber als Teil von Thomes Welt. Er ist ein großer Eingemeinder, und die schönsten Bilder des Films wirken nicht gesucht, sondern gefunden. Nach dem Tod des ältesten Sohnes, nach dem Nervenzusammenbruch der Mutter steht die Rumpffamilie im Wohnzimmer vorm Fenster - und wird auf einmal zum Schattenriß. Thome führt solche Bilder nicht mit großer Geste vor, sie scheinen sich einfach zu ergeben. Zugleich ist er ein großer Entdecker und Wiederentdecker, vor allem von Schauspielerinnen. Wenn man Hannelore Elsner bei Thome zusieht, kann das unmöglich dieselbe Frau sein, die montags zur Prime time in der Endlosschleife ermitteln muß.
Thome hat seine Zeitreisentrilogie, deren zweiter Teil "Frau fährt, Mann schläft" ist, auch für sie geschrieben. Nicht als Science-fiction, sondern als Exkursion in den Alltag. Menschen reisen durch die Zeit, die ihr Leben ist. Das Vergangene kommt wieder, es löst sich schmerzhaft ab, die Gegenwart verschwimmt, die Zukunft ist sprunghaft, statt einfach nur die nächste Markierung auf der Zeitachse zu bilden. Thomes Filme haben dabei immer etwas Unaufgeregtes, selbst dann, wenn sie von Krisen und Katastrophen erzählen. Er verteilt seine Sympathien gleichmäßig: mehr Mitleid für die Männer, mehr Bewunderung für die Frauen. Thomes mittelalte Männer richten sich im Leben ein wie in einem bequemen Sessel, sie inventarisieren ihr Glück. Sie packen ihren Laptop aus und zeigen stolz Familienfotos wie in "Rot und Blau", sie geben einem Talkmaster bereitwillig Auskunft übers Glück wie Bogenbauer, als wäre die Zeit ein langer, ruhiger Fluß. Den Frauen dagegen schlägt die lange Dauer aufs Gemüt. Ihr Rhythmus heißt Umbruch, Aufbruch, Abbruch, Zusammenbruch. Und wenn der Philosoph am Ende die neue Situation mit seinen alten Kategorien bewältigen will, läßt seine Frau ihn spüren, daß das Alte nicht mehr geht, auch wenn das Neue ihr selbst noch gar nicht so klar ist.
Thome beherrscht dieses Spiel mit offenen Konstellationen wie kein anderer im deutschen Kino. In seinen Filmen gibt es keinen großen Knall, keine tränenselige Versöhnung, keine definitive Lösung. Manchmal hat man das Gefühl, Thome wundere sich selbst, daß und wie es immer wieder weitergehen kann. Dieses leise Staunen hat er sich in mittlerweile 22 Spielfilmen erhalten. Die deutsche Filmförderung interessiert ihn nicht mehr, weil sie ihn ignoriert. Preise braucht er auch nicht, nur ein Publikumserfolg wie damals mit "Berlin Chamissoplatz" wäre mal wieder ganz schön, sagt Thome.
Er hat seine Nische gefunden. Die ARD-Tochter Degeto finanziert im wesentlichen seine Filme, und weil er ein schneller Arbeiter ist, würde er das jahrelange Brüten über einem Projekt gar nicht aushalten. "Warten, warten: das ist etwas, was ich überhaupt nicht kann" steht auf seiner Website. Deshalb wartet er auch nicht auf seinen 65. Geburtstag am 14. November. Er bereitet lieber seinen nächsten Film mit Hannelore Elsner vor, Arbeitstitel: "Du hast gesagt, daß du mich liebst". Frau spielt, Mann dreht. So kann's weitergehen.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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