Home
http://www.faz.net/-gs6-oaeg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kino Außer Atem: Das französische Kino steckt in der Krise

29.12.2003 ·  Europas stärkste Filmindustrie schwächelt. Die produzierten Filme will nicht nur in Deutschland niemand sehen. Aber wenn die Kinos in Frankreich leiden, verschwinden nicht bloß Leinwände.

Von Andreas Kilb
Artikel Lesermeinungen (0)

Unter den fünfzig erfolgreichsten Filmen, die zur Zeit in deutschen Kinos laufen, finden sich vier französische Produktionen. Die erste, Cédric Klapischs Komödie "L'Auberge espagnole", hatte bisher hundertfünfzigtausend Besucher, die zweite, Raymond Depardons Wüstenmärchen "Vom Westen unberührt", gut zehntausend, die beiden anderen, Patrice Chéreaus "Sein Bruder" und Jean-Claude Brisseaus "Heimliche Spiele", unter sechstausend.

Das ist ein Debakel, nicht nur im Vergleich mit 2001, dem Jahr, in dem "Amélie" abräumte, sondern auch verglichen mit früheren Kinojahren, in denen ein stetiger Strom französischer Spiel- und Dokumentarfilme nach Deutschland floß, Filme von Chabrol, Tavernier, Besson, Rivette und anderen. Gut, es gab auch in diesem Jahr einen neuen Chabrol ("Die Blume des Bösen"), es gab den berechenbaren Erfolg von Ozons "Swimming Pool" (fünfhunderttausend Zuschauer) und den überraschenden von Nicolas Philiberts "Sein und Haben" (zweihundertfünfzigtausend Zuschauer), aber als Ganzes gesehen war das französische Kino in Deutschland ein Flop.

Europas stärkste Filmindustrie schwächelt

Und nicht nur in Deutschland: Nur 48 Millionen Kinobesucher, zwölf Prozent weniger als 2002, haben im abgelaufenen Jahr außerhalb Frankreichs französische Filme gesehen, meldet der Pariser "Figaro". Dieser Rückgang, unter anderen Umständen ein Klacks, trifft das französische Kino im Augenblick besonders schwer, denn Europas stärkste Filmindustrie schwächelt. Etwa 174 Millionen Kinokarten wurden zwischen Januar und Dezember 2003 in Frankreich verkauft, ein Minus von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Marktanteil einheimischer Produktionen stagniert bei gut einem Drittel.

Damit steht der französische Film immer noch deutlich besser da als der deutsche, der sich in diesem Jahr, trotz "Lenin" und dem "Wunder von Bern", wieder mit einem Marktanteil unter zwanzig Prozent zufriedengeben muß; und die deutschen Kinobesitzer, deren Umsätze 2003 um zehn Prozent zurückgingen, würden sicher gern mit ihren Kollegen von jenseits des Rheins tauschen. Aber die Krise, die in Deutschland wenigstens teilweise durch gezielte Subventionen und Marktbereinigungen aufgefangen werden kann, schlägt im hochgezüchteten französischen Förderungssystem auf ganz andere Weise durch.

Keiner spricht vom Internet

Von den knapp fünfhundert Millionen Euro, die der staatlichen Filmförderung jährlich zur Verfügung stehen, stammt immerhin ein knappes Viertel aus Abgaben der Lichtspieltheater, mehr als doppelt soviel wie in Deutschland. Wenn also die Kinos in Frankreich leiden, verschwinden nicht bloß Leinwände, es bricht auch ein Teil der nationalen Filmkultur weg. Dazu kommt die Finanzkrise des Pay-TV-Senders Canal+, der seit den achtziger Jahren das Zugpferd der französischen Kinoproduktion war.

Heute leidet der Sender unter derselben Malaise wie seine früheren Konkurrenten, die Kinos. Vor allem die rasante Ausbreitung der DVD, die bald in jedem zweiten französischen Haushalt vorhanden sein wird, macht den klassischen Anbietern zu schaffen. Neue Fristenregelungen bei der Vermarktung sollen ihnen nun helfen, ihre Spielräume zu verteidigen; eine Verdoppelung der Video- und DVD-Abgabe zur Filmförderung ist bereits Gesetz. Anders sieht es bei der zweiten großen Bedrohung der Kinobranche aus, dem illegalen Herunterladen von Filmen aus dem Internet. Von ihr ist in den französischen Zeitungen noch wenig die Rede. Um so mehr werden wir in Zukunft von ihr hören.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2003, Nr. 302 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge

Tom Tablet

Von Marcus Jauer

Was hört man da aus Berlin? Das traditionelle Klassenbuch soll vom Tabletcomputer ersetzt werden? Die Eltern erhalten bei jedem Tadel sofort eine SMS. Der Erfahrungsraum von Kindern ist in Gefahr. Mehr 1 6