05.03.2006 · Jon Stewart ist vielleicht der unbekannteste Oscar-Gastgeber aller Zeiten, und einer der größten Außenseiter. Er wird das größte Publikum seines Lebens haben - doch nervös ist er nicht.
Jon Stewart sagt, er sei nicht nervös, und womöglich stimmt das sogar. Was soll ihm schon passieren: Daß er hinterher nur noch auf kleinen Kabelsendern zu sehen sein wird? Das ist schon heute der Platz seiner Sendung, der Nachrichtenparodie „The Daily Show“. Daß das Publikum nicht über seine Witze lacht und er verzweifelt Witze über seine nicht funktionierenden Witze machen muß? Das ist David Letterman als Oscar-Gastgeber 1995 passiert, und irgendwie hat seine Karriere das als Talkmaster überlebt. Daß Millionen Zuschauer enttäuscht sein werden? Die meisten haben ihn eh noch nie gesehen.
Nervös sind höchstens die anderen. Die vielleicht wissen, daß sich die Oscar-Verleihung, wenn sie ihren Bedeutungs- und Quotenverlust aufhalten will, etwas trauen muß, denen die Radikalität eines Jon Stewart aber suspekt ist. Die ihn diese Woche bei Larry King erlebt haben, wo er sehr ernsthaft seine Verzweiflung über den Zustand der Politik in den Vereinigten Staaten beklagte und auch auf mehrmalige Nachfrage nicht zugeben wollte, daß solche Katastrophen doch genau das sein müßten, was sich ein Satiriker wünscht. Die ihn gesehen haben, wie er als Gast in der schlimmen CNN-Politik-Streitshow „Crossfire“ aus der Komiker-Rolle fiel und die beiden Moderatoren für alle Zeit als gefährliche Idioten entlarvte.
Aber all das wird er mit dem Oscar nicht tun. „Ich bin kein Anarchist, ich bin Komiker“, sagt Stewart, und: „Es ist doch nur Comedy.“
Stimme gegen den Mainstream
Das ist natürlich eine Untertreibung. Manchmal werden ihm und seiner kleinen Show eine Bedeutung zugeschrieben, als wäre er der letzte Clown, der in einer Diktatur die Dinge noch beim Namen nennen darf - so groß ist die Erleichterung, daß jemand die schädlichen Politik- und Medienrituale entlarvt, und so groß das Unbehagen, daß eine Witzshow fast eine der relevantesten politischen Sendungen geworden ist - als lauteste und gleichzeitig angesagteste und lustigste Stimme gegen den Mainstream.
Jon Stewart ist vielleicht der unbekannteste Oscar-Gastgeber aller Zeiten, und einer der größten Außenseiter. Seinen Part übernehmen klassischerweise Schauspieler mit Comedy-Talent wie Steve Martin, Billy Crystal, Whoopi Goldberg, aber nicht jemand, dessen größte Rolle (als Freund von Goldie Hawn in „Club der Teufelinnen“) komplett herausgeschnitten wurde. Er kann Pointen auf Kosten der Filmindustrie machen, die mehr sind als routinierte Posen der Selbstironie, und er kann Kommentare über den Zustand des Landes und die überproportional nominierten Minderheitenfilme abgeben, die mehr sind als hohle Provokationen.
Jon Stewart wird heute das größte Publikum seines Lebens haben, aber es wird nicht seine wichtigste Show sein. nig