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Kino : Aus der Depression geritten: "Seabiscuit " von Gary Ross

Der amerikanische Regisseur hat Laura Hillenbrands Bestseller über ein Pferd adaptiert. Es ist nicht irgendein Pferd. Es ist das Pferd, das in den dreißiger Jahren mehr Zeitungsspalten füllte als Roosevelt oder Hitler.

          Am Tag, als Johnny Cash gestorben war, saß der Regisseur in einem Berliner Hotel und wußte von nichts. Doch Gary Ross ist keiner, dem es die Sprache verschlägt. Als er zu Beginn des Interviews von Cashs Tod erfuhr, fand er aus dem Stegreif die passenden Worte. Er sprach von dem Mann, der den Entrechteten eine Stimme gegeben habe, er sprach vom Outlaw, er endete mit den Worten "ein großer Verlust" und fand die Überleitung zu seinem Film gleich selbst, weil "Seabiscuit" auch von Außenseitern und Kämpfern erzählt. Gary Ross ist 47, er ist in Hollywood aufgewachsen, er hat in Teams gearbeitet, die für Clinton und Dukakis Reden schrieben, er hat vor fünf Jahren mit dem Film "Pleasantville" als Regisseur debütiert, und er würde nie bestreiten, daß Erfahrungen mit politischer Rhetorik nützlich sein können, wenn man ein großes amerikanisches Epos inszeniert, das in den Zeiten der Depression spielt.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ross hat Laura Hillenbrands Bestseller über ein Pferd adaptiert. Es ist nicht irgendein Pferd. Es ist das Pferd, das in den dreißiger Jahren mehr Zeitungsspalten füllte als Roosevelt oder Hitler. Ein Pferd, in dem die Nation etwas suchte und wiedererkannte: eine Demokratie für ein Pferd, das seine zweite Chance nutzte, das sich durch harte Arbeit rehabilitierte, nachdem es schon zum Abdecker sollte. Man ist für "Seabiscuit - Mit dem Willen zum Erfolg" verloren, wenn man nicht entweder ein Herz für Pferde hat oder aber für jene großen, naiven epischen Bögen des Hollywood-Kinos. Man kann dem Film nicht ernsthaft vorhalten, daß er so etwas wie eine schlichte Moral ausspricht; diejenigen, die sich darüber beschweren, sind meist dieselben, die sich sonst über Hollywoods versteckte Moral beklagen. Und der böse Satz, "Seabiscuit" sei "Rocky" für einen Vierbeiner, erklärt auch wenig, weil das Muster gar nichts darüber sagt, wie einer es variiert.

          "Seabiscuit" hat alles, was ein Epos braucht: den kleingewachsenen Vollblüter, der gequält, entdeckt und zum Hoffnungsträger wurde, der seinen Ostküstenrivalen 1938 in einem historischen Rennen schlug, dem halb Amerika am Radio folgte; die nostalgisch glänzenden und die schwarzweißen Bilder aus einem Amerika, die uns eine sonore Erzählerstimme erläutert; er hat Rennszenen, wie man sie im Kino noch nicht gesehen hat, und er hat die Männer, die zu Agenten des Zeitgeistes taugen.

          Der Jockey (Tobey Maguire) ist zu groß und auf einem Auge blind; seine Eltern haben ihn als Kind zur Arbeit in einen Rennstall geschickt, weil sie ihn nicht mehr ernähren konnten. Der Besitzer (Jeff Bridges) war der erfolgreichste Cadillac-Händler Amerikas; er hat seinen Sohn bei einem Autounfall verloren und sich danach den Pferden zugewandt. Der Trainer (Chris Cooper) spricht am liebsten nur mit den Tieren; als Cowboy hat er sich eine Nische gesucht, nachdem die letzte Frontier, die wilde Weite des Westens, verschwunden ist.

          Jeder von ihnen tut das Seine, und gegen Maguire, Bridges und den großartigen Cooper ist auch gar nichts einzuwenden - außer daß ihnen die Schablonen des Drehbuchs und das Tempo der Entwicklungen viel zuwenig Raum lassen. Und wenn es am Ende heißt: "Wir haben dieses Pferd nicht geheilt. Es hat uns geheilt, und wir haben einander geheilt", dann spricht der Film auf einmal mitten in die Gegenwart hinein. Wie er die individuelle Seelenarbeit stellvertretend für ein ganzes Land vollzieht, wie er Mikro- und Makrokosmos bruchlos überblendet, bis man im Niemandsland zwischen Pathos und Kitsch angekommen ist, das kann eben nur Hollywood, wenngleich man schon nach einer halben Stunde merkt, daß der Film im Grunde drei Stunden dauern müßte, um nicht irgendwann seinen Rhythmus zu verlieren.

          Allerdings hat "Seabiscuit" auch ein Problem, das man als Liberty-Valance-Syndrom bezeichnen könnte, nach John Fords berühmtem Western aus dem Jahre 1962, in dem der noch berühmtere Satz fällt: "Wenn die Legende Wirklichkeit wird, drucken wir die Legende." Aber wenn die Wirklichkeit selbst schon wie eine Legende aussieht, was tut man dann, damit sie wie eine reale Story wirkt? Gary Ross ist viel zu smart, um die Tücken nicht zu sehen, aber er ist auch viel zu sehr Rhetoriker, um im Interview auf die Antwort zu verzichten, er habe "ganz einfach ernst und aufrichtig Menschen und ihre Gefühle gezeigt". Daß man die Anstrengung in diesem "ganz einfach" ständig spürt und den unbedingten Willen zu Nostalgie und Naivität ständig sieht, das ist halt jene seltsame Dialektik von Leben und Legende, der man nicht entgeht, indem man sie ignoriert.

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