04.09.2003 · Der seltene Fall eines Films, der einen tief bewegt, ohne daß auf der Leinwand irgend etwas Gewaltiges geschähe - außer daß ein Mensch vom Leben Abschied nimmt, einer von vielen, einer wie wir.
Von Andreas KilbJede Geschichte, heißt es, hat einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluß. Am Ende des Anfangs von "Mein Leben ohne mich" erfährt Ann, daß sie noch zwei Monate zu leben hat. Davor hat man gesehen, daß sie mit ihren zwei kleinen Kindern und ihrem arbeitslosen Mann in einem Trailer auf dem Grundstück ihrer Mutter in einem Vorort von Vancouver wohnt. Und daß sie die geduldigste Tochter, die liebevollste junge Mutter, die zärtlichste Ehefrau ist, die man sich vorstellen kann.
Ann (Sarah Polley) ist dreiundzwanzig. Vor ein paar Jahren gab es in Deutschland einen Film, der "23" hieß und davon erzählte, wie sich die alltäglichsten Dinge im Kopf zu einer Weltverschwörung verdichten können. "Mein Leben ohne mich" ist die Umkehrung dieser Paranoia: der Film blickt mit einem Gottvertrauen auf die Welt, das man kindlich nennen müßte, wenn es nicht der Blick einer Sterbenden wäre, den er reflektiert. Die Regisseurin Isabel Coixet kommt aus Barcelona, und so trägt ihre Fremdheit in der Sprache und im Alltag von Kanada ihren Teil zu der Verzauberung bei, die "Mein Leben ohne mich" auf seine Zuschauer überträgt. Dazu kommt das schlafwandlerisch kühle Spiel von Sarah Polley, die seit Atom Egoyans "Süßem Jenseits" von 1997 eine der interessanteren Erscheinungen im Weltkino ist, ein Amalgam aus Mädchenhaftigkeit und Stärke, an dem alles Süßliche und Sterbenskitschige abprallt. Sie wickelt diesen Film um ihren Finger, ohne daß man es merkt.
Der Mittelteil der Geschichte beginnt damit, daß Ann sich eine Liste der Dinge macht, die sie vor ihrem Tod noch tun will: Geburtstagsgrüße für ihre Töchter aufnehmen, eine neue Frau für ihren Mann finden, noch einmal zum Strand fahren und picknicken, mit einem Fremden schlafen, um zu sehen, wie es sich anfühlt... So schreibt sich der Film seinen eigenen Aufgabenzettel, und es gelingt ihm, tatsächlich alle diese Wünsche zu erfüllen, ohne daß es pedantisch oder aufgesetzt wirken würde, nicht zuletzt dank eines Schauspieler-Ensembles, das bis in die Nebenrollen - Deborah Harry als Anns Mutter, Amanda Plummer als Kollegin, Maria de Medeiros als Zufallsbekanntschaft, Mark Ruffalo als Mann im Waschsalon - großartig besetzt ist.
So gehört "Mein Leben ohne mich" zu den seltenen Filmen, die einen tief bewegen, ohne daß auf der Leinwand irgend etwas Gewaltiges geschähe - außer daß ein Mensch vom Leben Abschied nimmt, einer von vielen, einer wie wir. Es gibt ein paar allzu glatte Wendungen in dieser Geschichte, ein paar unscharfe Bilder und Schnörkel am Rande, aber all das wirft den Film nicht aus dem Takt, weil das Schwanken zum Rhythmus der Erzählung gehört: das Hin und Her zwischen Trotz und Melancholie, zwischen Lebensgier und Todesangst. Das Lied, das der Fremde aus dem Waschsalon auflegt, als er mit Ann zum ersten Mal allein im Auto sitzt, bringt diese Stimmung am besten auf den Punkt. Es ist ein alter italienischer Schlager von Gino Paoli: "Senza fine". Senza fine, ohne Schluß.
Der Schluß der Geschichte müßte davon handelt, wie Ann stirbt. Aber man sieht es nicht. Sie verschwindet einfach aus den Bildern, und ihre Stimme spricht weiter. Sie erzählt, wie alles sich gefügt hat nach ihrem Tod, und es ist, als wäre das ihr eigentlicher Triumph: daß die Trauer nicht das letzte Wort hat, daß die Wunde sich schließt und das Leben weitergeht. Senza fine.