Home
http://www.faz.net/-gs6-pl1l
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kino Aberwitz der Bourgeoisie: "Schau mich an!" von Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri

16.11.2004 ·  „Lust auf anderes“ hieß vor fünf Jahren Agnès Jaouis erste Regiearbeit. Diese Lust - „Schau mich an!“ - hat weiterhin Bestand. Keine Regieallüren, keine Pointensucht, aber ein Blick für menschliche Schwächen, der sich sehen lassen kann.

Von Hans-Dieter Seidel
Artikel Lesermeinungen (0)

Dieser Kosmos scheint uns nur zu vertraut: Menschen, die einander anlächeln, aber das Gegenüber in Wahrheit gar nicht wahrnehmen; Worte, die zwar gehört, aber nicht aufgenommen werden; Empfindungen, die kaum die Sekunde überdauern, in der sie ausgelöst wurden. Zwar spielt der Film "Schau mich an!" unverkennbar mitten in der typisch französischen Bourgeoisie, und nirgends wohl kann sich die Bosheit eleganter geben, kommt die Egomanie beiläufiger daher. Aber was das Drehbuchgespann Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri, zwei Menschenkenner hohen Grades, voller Scharfsinn diagnostiziert hat und was Agnes Jaoui als Regisseurin mit Charme und Ingrimm zugleich in Szene setzte, trifft im Grunde jede bürgerliche Attitüde, die nur zu gerne dem Schein in seinen vielfältigsten Drapierungen erliegt. "Comme une Image" heißt der Film im Original, und genau um dieses Bild geht es, das der andere von uns bekommen soll und das uns, während wir uns darum bemühen, prompt unfähig macht, uns erst einmal selber zu erkennen.

Nirgendwo ist solches Blendwerk besser zu studieren als im Kulturbetrieb. Die Lebens- und Arbeitsgefährten Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri, als Schauspieler mindestens so zu schätzen wie als Autoren, hätten sich hervorragend in ihrem eigenen Metier bedienen können, doch das literarische Treiben, das sie als Fundament ihrer "comedie humaine" wählten, taugt natürlich nicht minder, von schnödem Schein und Lüge zu künden. Bacri selbst verkörpert den umschwärmten Schriftsteller Etienne Cassard, einen ungemein eitlen Egozentriker, der seine Selbstgefälligkeit als Schwermut tarnt und ein Meister darin ist, andere vor den Kopf zu stoßen. Wie verletzend diese Spielart der Ignoranz sein kann, fühlt am empfindlichsten Cassards Tochter Lolita, die von der Bürde ihres Namens schier erdrückt wird und sich als pummeliges Menschenkind mit Mißtrauen gegen jeden zu wappnen gelernt hat, der ihr freundlich zu begegnen sucht, weil sie stets den Verdacht hegt, eigentlich sei ihr Vater gemeint. Tatsächlich ist derartiger Argwohn mehr als berechtigt. Die längste Zeit, so mußte Lolita (Marilou Berry) glauben, schien nicht einmal ihre Gesangslehrerin von der Strahlkraft der schönen Stimme ihrer Elevin, die sich mit Schubert-Liedern müht, so recht überzeugt, doch kaum hat die von Agnes Jaoui gespielte Musikpädagogin Sylvia mitbekommen, wer Lolitas Vater ist, erhält deren Interesse an der Schülerin sichtlich einen ganz anderen Schwung.

Vom Aberwitz des Selbstwertgefühls wird in dieser Tragikomödie keine Figur verschont, aber am schlimmsten sucht er Sylvias Ehemann Pierre heim, einen Schriftsteller, der jeden Glauben an sich selbst hat fahrenlassen und nicht einmal von seiner Agentin mehr für voll genommen wird. Kaum jedoch sieht sich Pierre (Laurent Grevill) in den Pariser Hofstaat aufgenommen, den Cassard mit mürrischer Gönnermiene um sich duldet, schlägt sein Ego Purzelbäume.

Anläßlich einer Wochenendeinladung in Cassards Landhaus, zugleich Lolitas erster öffentlicher Auftritt als Sängerin in der Dorfkirche, läßt der Film erstens sehen, was Cassards zweite Ehefrau (Virginie Desarnauts), die kaum älter als Lolita, aber dreimal so attraktiv ist, von ihrem Ekel daheim zu erdulden hat. Zum zweiten läßt der Film bei dieser Gelegenheit ausgiebig die Schmeichler und Vasallen, die Buckler und Unterwürfigen paradieren, daß die Funken stieben. Selbst wenn sie, rollengemäß, einen leicht bitteren Zug um ihren Mund legt, kann Agnes Jaoui nicht verleugnen, daß ein rechter Kobold in ihr steckt - und dieses Übermütige, das gleichwohl niemals gedankenlos ist, macht die Tragikomödie, so schmerzliche Passagen auch in ihr verborgen sein mögen, zu einem einzigen Vergnügen.

Die Menschen, hat Bacri in einem Gespräch zum deutschen Filmstart an diesem Donnerstag verlauten lassen, fänden immer gute Gründe, sich zu unterwerfen. Und: "Macht verdirbt nur den, der sich davon beeinflussen läßt." Derlei Apercus offenbaren, mit welch unverkrampftem Witz und mit wieviel Weitsicht die Dinge und Menschen sich hier ins Werk gesetzt sehen: kritisch, aber niemals denunzierend; entlarvend, aber keinen Augenblick überheblich. Und daß es einzig die von der Regisseurin übernommene Figur ist, die am Ende dieses pointierten Reigens zur Besinnung kommt, ist gewiß kein Zufall. Keiner bleibt von Blessuren verschont, Menschenverachtung und verzeihliche Schwächen feiern Triumphe, aber wenigstens Sylvia zieht die Konsequenz - und wenn Lolita Glück hat, könnte das zu ihrem Besten sein.

"Lust auf anderes" hieß vor fünf Jahren Agnes Jaouis erste Regiearbeit. Diese Lust, man sieht und hört es beglückt, hat weiterhin Bestand. Keine Regieallüren, keine Pointensucht, aber Dialoge, die knistern, szenische Arrangements, die leben, und eine Probe aufs darstellerische Ensemble, das es nicht nötig hat, mit Starnamen zu prunken. Daß Bacri und Agnes Jaoui ursprünglich vom Theater herkommen, es zahlt sich jeden Moment als Wahrhaftigkeit aus, die sich im Kino der häufig nur gleißenden Effekte leider immer rarer macht.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 13