16.12.2009 · Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ ist ein Buch voll magischer Worte und Bilder. Und natürlich unverfilmbar. Der Regisseur Spike Jonze und der Schriftsteller Dave Eggers haben es trotzdem mit Erfolg auf die Leinwand gebracht.
Von Volker WeidermannDas ist natürlich großer Unsinn, und überflüssig ist es auch und ärgerlich und dämlich und überhaupt: Wer kommt denn eigentlich auf so was? Eine meisterhafte Geschichte, deren ganze Meisterhaftigkeit in der Kürze liegt, in der unglaublichen Verknappung einer ganzen Welt auf 333 Wörter, eine solche Geschichte so lange mit neuen Wörtern aufzufüllen, mit neuen Erfindungen, Ideen, Umwegen und Abwegen, bis man sie endlich Roman nennen kann oder Drehbuch und einen ganzen Film daraus macht.
Maurice Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen“ aus dem Jahr 1963 ist ein Kinderbuch voll magischer Worte und magischer Bilder. Einige Sätze daraus vergisst man nie: „Genau in der Nacht wuchs ein Wald in seinem Zimmer - der wuchs und wuchs, bis die Decke voll Laub hing und die Wände so weit wie die ganze Welt waren.“ Es ist der Moment des Austritts aus der strengen Ordnungswelt der Erwachsenen hinüber in die Welt der Wilden Kerle. Wo alles möglich ist. Auch dass ein kleiner Junge namens Max im Wolfspelz die wildesten Kreaturen der Welt zähmt mit einem Zaubertrick, indem er einfach nur in ihre gelben Augen starrt, „ohne ein einziges Mal zu zwinkern“, und schon bekommen sie Angst und ernennen ihn zu ihrem König.
Und er nutzt seine Herrschaft nur für eine einzige, phantastische Sache: Krach zu machen. Krach, Krach und Krach, auf sechs Seiten ohne Worte. Und als er schließlich, von all dem Krach vollkommen erledigt, als König den Erwachsenen spielt, der die Wilden Kerle ohne Essen ins Bett schickt, einfach nur so - Willkürherrschaft, Terrorherrschaft, Elternherrschaft -, da ist der Spaß vorbei, und die Sehnsucht grenzenlos. Doch es gibt einen Weg zurück, das ist ja das Unglaublichste, und der Wald ist weg und das Essen ist da, „und es war noch warm“.
Gelungenes Wagnis
Ja, diese Geschichte ist damit auserzählt. Trotzdem gibt es schon seit fast dreißig Jahren den Plan, das Buch zu verfilmen (eine Oper gibt es schon), aber es scheiterte immer wieder - meistens an der Frage, was man denn alles zeigen könnte, in Spielfilmlänge. Bis man sich endlich für den Regisseur Spike Jonze („Being John Malkovich“) entschied und der sich wiederum für das Drehbuch einen Schriftsteller aussuchte, der überhaupt keine Drehbucherfahrung hatte, aber dafür einer der besten und wachsten amerikanischen Autoren der Gegenwart ist: Dave Eggers. Eggers, 38, der mit dem todtraurigen Schachtelroman „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ über den Tod seiner Eltern berühmt wurde und mit der Adaption der Geschichte des Flüchtlingsjungen Valentino Achak Deng in seinem Roman „Weit gegangen“ ein Meisterwerk geschaffen hat, war genau der richtige Mann für dieses eigentlich unlösbare Problem.
Erstens weil die Protagonisten seiner Bücher meistens etwas ausgesprochen Maxhaftes haben, und zweitens weil er ein Adaptionskünstler ist, der sich immer wieder Geschichten leiht und sie zu neuen, anderen, großen Geschichten macht, zu seinen Geschichten im Geiste der alten. Spike Jonze musste die dann eigentlich nur noch ausstatten, mit riesenhaften Flauschkerlen mit großen Augen, weichem Herzen, kleinem Geist, Treuherzigkeit, Gewaltbereitschaft, Lärmbereitschaft und der überraschenden Größe, einen sehr kleinen Jungen in einem weißen Fellkostüm zu ihrem König zu ernennen. Ein schöner Film, mit einigen überwältigenden Bildern und sympathischen Wilden in einer fremden Kindheitswelt. Doch noch interessanter als der Film ist das Buch von Eggers und wie es ihm gelingt, auf 267 Seiten die alte Geschichte nicht einzuengen, sondern innerlich zu weiten und neu zu erzählen.
Herzschlag im Ohr
Anfangs ist der Ärger groß: Nein, man musste eigentlich nicht wissen, dass die Eltern von Max geschieden sind, dass der Vater meist zweimal pro Woche anruft, manchmal aber auch nicht, dass seine Mutter einen neuen Freund hat, Gary, den Max natürlich hasst, den er sich dringend aus dem Haus hinauswünscht, der aber nicht geht, sondern immer mehr Raum einnimmt und so tut, als gehöre er dazu. Aber bald schon stößt sich die Geschichte ab von diesen Alltagsrealitäten, hinüber in jene andere Wirklichkeit. Er muss einfach hinaus, aus dieser engen Welt der Verbote, der Welt, in der schon seine fünfzehnjährige Schwester Claire vergessen hat, was es heißt, Kind zu sein, was es heißt, keine Regeln zu wollen, unbegrenzt spaßbereit zu sein und kampfbereit. Zack, gegen die Mädchen, eine kleine Schlacht, aber nein, aber nein, wollen sie wieder nicht: „Mädchen waren solche Mädchen“, denkt er noch. Ein Gedanke, der sich als gründlich falsch erweist, denn sie bringen ihn etwas später fast um, in einem gigantischen Schneeberg, in den sie ihn hineingetrieben haben, diese Mädchen. Für die Verzweiflung, die Angst, die Empörung über seine Schwester und die Einsamkeit, die dieser Todesangst folgt, findet Eggers Bilder, wie für einen Film aus der Maxseele heraus: „Sein Herz hatte sich anscheinend gespalten, war nach Norden gewandert und schlug ihm jetzt in beiden Ohren.“
Es ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Familie in seine eigene Phantasiewelt. Eine Schwester hat er nicht mehr, beschließt er für sich, zerstört ihr Zimmer, setzt alles unter Wasser und steht schon schnell vor den womöglich unabsehbaren Folgen seiner Taten: „Die Möglichkeit, dass er das Haus ruiniert haben könnte, verlieh dem Tag plötzlich eine Unendlichkeit, die das Licht in ihm erstickte.“
Ins grenzenlose Weite
Und genau in diese Unendlichkeit segelt er dann hinein. Es ist eine Flucht, wie auch in Sendaks Buch. Der neue Max macht sich auf dem Weg zu seinem Vater am anderen Ufer des Sees, und er segelt und segelt - wie wird der Vater stolz auf ihn sein! -, doch das Ufer entfernt sich, anstatt näherzukommen. Verrückt. „Er würde seinem Vater das mit dieser seltsamen elastischen Ausdehnung der Bucht unbedingt erzählen müssen!“ Der Verstand verliert den Grund, die Welt erscheint plötzlich grenzenlos - wird das nicht langweilig werden, so ganz ohne Grenzen, ohne irgendwas? „Seinem Verstand gingen die Dinge aus, über die er nachdenken konnte. Bis zum Mittag dachte er über alles nach, worüber er je nachgedacht hatte.“ Und erst, als alles gedacht war, worüber zu denken war, nachdem alle alten Gedanken, die aus dem früheren Leben, durch- und durchgedacht waren, ist der Raum frei für neue Gedanken, für eine neue Welt. Die Welt dieser wunderlichen Pelztiere, über die Max staunt und staunt. Herrlich geht es zu auf dieser Insel der neuen Möglichkeiten: „So ein tolles Chaos hatte er wirklich noch nicht gesehen.“ Sie werfen sich durch die Luft, zerstören hier ein bisschen, beleidigen sich, schlagen sich, bekriegen sich und trotzdem - das ist nun wirklich bemerkenswert - langweilen sie sich miteinander. Müde rufen sie sich zu: „Na los, wir rasten noch mal richtig aus, wer macht mit?“
Bald schon finden sie in Max ihren neuen Herrn, der ihr langweiliges, wildes Leben in völlig neue Bahnen führt. Den Knirps im Wolfspelz, den sie natürlich erst mal aufessen wollen, weil er so saftig aussieht, wie ein kleines Eichhörnchen. Eggers baut die magischen Formeln aus dem Vorlagebuch organisch passend in den Roman ein, jenes „Seid still!“, das die Kerle schweigen lässt - nach kleinen, gefährlichen Zweifeln natürlich, und dann vor allem Max rettende Idee, die ihn zum Herrscher der Welt machen wird, und er spricht jetzt von sich in der dritten Person. Wer war er, der saftige Neuankömmling im Wolfspelzchen? Sprich, Max, besser jetzt, sofort: „,Er war . . .' Und wieder tastete Max in der samtigen Dunkelheit seines Verstandes herum und fand, kaum zu glauben, ein Juwel. ,Er war ihr König', antwortete Max.“
Die alte, ewigschöne Welt
Dave Eggers hat Sendaks Vorlage auf wunderbare Weise ernst genommen, wie er auch den kleinen, weißen Helden und die Kerle ernst nimmt, er hat jedem von ihnen einen Charakter und ein Herz gegeben und vermeidet die Position des distanzierten Neuerzählers durch Staunen und die Erfindung neuer Bilder einer alten Geschichte.
Am Ende kehrt Max auch bei ihm nach Hause zurück, verwandelt, immer noch sehnsüchtig, aber wie neu im alten Leben: „In gewisser Weise fühlte er sich zu groß für dieses Haus. Aber gleichzeitig hatte er das Gefühl, ganz neu hineinpassen zu können.“
Wer sich zu groß fühlte, mit der Zeit, für den alten Sendak, für den wurde jetzt ein neues Haus gebaut, von Spike Jonze, von Dave Eggers und auch von Sendak selbst, der das alles aus der Ferne und, wie man hört, mit Sympathie begleitet hat - und nun passt auch ein alter Leser wieder neu hinein - in diese alte, ewigschöne Welt von Max und den wilden Kerlen.
Volker Weidermann Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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