12.06.2008 · Im Kinofilm „Sex and the City“ liest Carrie ihrem Mr. Big im Bett aus dem Buch „Love Letters of Great Men“ vor. Hunderte Kinobesucher wollten nun das Buch erwerben - das es aber gar nicht gibt. Wie konnte man sich dieses Geschäft entgehen lassen?
Von Jörg ThomannDie 145 Minuten, die der Kinofilm „Sex and the City“ dauert, mögen manchen Zuschauern ziemlich lang erscheinen. Für andere hingegen ist die Zeit gut angelegt, weil ihnen hier die mondänsten Damenhandtaschen, Designerkleider, Notebooks und Handys im Schnelldurchlauf vorgeführt werden. Dass die Marken stets auffällig ins Bild gerückt werden, erleichtert den anschließenden Einkauf.
Alles, was wir bei „Sex and the City“ sehen, können wir kaufen - fast alles, um genau zu sein. Tatsächlich hat der neue Film in einem Fall seine konsumfreudige Zielgruppe in die Irre geführt, und zwar dorthin, wo sie möglicherweise nicht allzu häufig anzutreffen ist: in Buchhandlungen. Das gedruckte Wort spielt ja in „Sex and the City“ nicht die allergrößte Rolle, abgesehen natürlich von jenen Kolumnen, an denen Carrie Bradshaw ständig schreibt, jedenfalls in jenen Momenten, in denen sie nicht gerade mit ihren Freundinnen in der Bar sitzt, auf Partys geht, sich mit Männern trifft oder sich von ihnen trennt.
Hunderte von Anfragen
Es kommen im Kinofilm neben Frau Bradshaw aber noch andere Autoren zu Wort, die Beethoven heißen oder Napoleon. Carrie nämlich hat aus der Bibliothek ein Buch ausgeliehen mit dem Titel „Love Letters of Great Men“, und aus diesem liest sie zu Beginn des Films ihrem Mr. Big vor - im Bett, wo man doch von den Protagonisten weit unkultivierteres Treiben erwarten würde. Später streiten sich die beiden, doch am Ende gewinnt er ihr Herz zurück, indem er Briefe aus ebenjenem Buch in E-Mails abschreibt. Noch ergreifender wäre es gewesen, er hätte eigene Worte gefunden, doch er heißt ja nicht Mr. Great.
Überraschend ist dabei nicht nur, wie unverhohlen das mancherorts noch immer unter Feminismusverdacht stehende „Sex and the City“ große Männer feiert. Noch weit verblüffender ist, dass es das so liebevoll zur Schau gestellte Buch in Wirklichkeit gar nicht gibt - wie zahlreiche Interessenten erfahren mussten, als sie sich auf die Suche nach dem Werk begaben. Er habe Hunderte von Anfragen nach dem Buch erhalten, erklärte der Sprecher des Online-Buchhändlers AbeBooks.com, Richard Davies. Ein Band mit ähnlichem Namen, das erstmals 1924 erschienene, 2007 neu aufgelegte „Love Letters From Great Men and Women: From the Eighteenth Century to the Present Day“, wiederum schaffte es bis gestern auf Rang 114 der amerikanischen Amazon-Liste.
Kaum zu glauben, dass sich die große Verwertungsmaschine „Sex and the City“ ein solches Geschäft hat entgehen lassen. Angesichts der immensen Nachfrage darf man nun gespannt sein: Wer bringt am schnellsten ein gleichnamiges Buch heraus? Es winken stattliche Einnahmen und eine Einladung bei Oprah Winfrey oder zumindest Elke Heidenreich. Selbst der Aufbau-Verlag sollte sich mit den Erlösen locker sanieren können.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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