18.09.2009 · Rekonstruktion, Autobiographie, Schlüsselfilm über die polnische Nachkriegszeit - das alles ist Andrzej Wajdas faszinierendes Drama „Das Massaker von Katyn“. Unter den von den Sowjets ermordeten Opfern war auch der Vater des Regisseurs.
Von Andreas KilbAm Ende, als die Züge mit den Gefangenen entladen werden, als die schwarzen Lastwagen und die großen Bagger anrücken und die Henker mit den Armeerevolvern ihr grausiges Handwerk beginnen, ist dieser Film ganz einfach und klar. Man sieht, wie die Männer mit den grünen Uniformen, viele von ihnen im Generals- und Majorsrang, aus den Lastwagen gezogen werden, wie sie mit zitternden Lippen ihr letztes Vaterunser sprechen, während man ihnen Stricke um Hals und Hände bindet, wie der Genickschuss ihre Köpfe zerfetzt und sie mit blutiger Stirn vornüberfallen, bis ihre Körper in frisch ausgehobenen Gruben in langen Reihen neben- und übereinanderliegen. Planierraupen beginnen damit, die Leichen mit Erde zu bedecken. So, sagt der Film, ist es gewesen, so geschah es in Katyn im Frühjahr 1940, und kein Fragen und Zweifeln löscht diese Bilder wieder aus.
Zuvor aber, eineinhalb Stunden lang, hat der Film selbst gefragt, gezweifelt und argumentiert. Er hat Figuren und Dialoge, Wochenschaubilder und Spielszenen zu einem vertrackten Mosaik aus Fiktionen und Dokumenten zusammengesetzt, um der geschichtlichen Wahrheit auf den Grund zu gehen – und so eine ganz andere Geschichte über Katyn erzählt. Nicht die Geschichte des Massakers, sondern die seiner Interpretation, seiner Indienstnahme, seiner Entstellung. Die Geschichte einer Lüge, die auf den Massengräbern wuchs. Und die Geschichte des Staates, der auf dieser Lüge gegründet wurde: die Geschichte des sozialistischen Polen. Der Film zerfällt in zwei Teile, eine lange Erzählung der Lebenden und eine kurze Erzählung der Toten, und es ist gerade diese Uneinheitlichkeit, diese dramaturgische Unwucht, die Andrzej Wajdas „Massaker von Katyn“ so faszinierend macht.
Unter den vielen Traumata der polnischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist Katyn eines der schrecklichsten. Im April und Mai 1940 ermordeten und verscharrten Einheiten des sowjetischen Innenministeriums NKWD in dem westrussischen Ort und in zwei anderen Gefangenenlagern etwa fünfzehntausend polnische Armeeangehörige und Zivilisten: Lehrer, Journalisten, Schriftsteller, Anwälte, Chirurgen, Ingenieure – die Hälfte des Offizierskorps und die Blüte der polnischen Intelligenz. Als die deutsche Wehrmacht die Massengräber im Wald von Katyn Anfang 1943 entdeckte, berief sie eine internationale Expertenkommission ein, an der auch Exilpolen teilnahmen, und schlachtete deren Ergebnisse für ihre antibolschewistische Kriegspropaganda aus.
Die offizielle Geschichtsdoktrin
Nach der Rückeroberung des Gebiets Ende 1943 stellte die Sowjetunion eine eigene Untersuchungskommission zusammen, die das Massaker mit Hilfe gefälschter Beweise den Deutschen in die Schuhe schob. Im kommunistischen Ostblock wurde diese Lüge zur offiziellen Geschichtsdoktrin. In Polen war selbst die Erwähnung des Ortsnamens jahrzehntelang verboten. Erst 1990 gestand Michail Gorbatschow offiziell die sowjetische Täterschaft ein. Zwei Jahre später übergab der russische Präsident Jelzin dem polnischen Staat eine Akte, in der die Schuld Stalins und seines NKWD-Chefs Lawrenti Berija dokumentiert ist.
Unter den Toten von Katyn war auch Leutnant Jakub Wajda, der Vater des Regisseurs. Seine Witwe, eine Lehrerin, klammerte sich viele Jahre lang an die Illusion, ihr Mann würde eines Tages heimkehren. Der Film erzählt, wenn auch mit anderen Namen und familiären Konstellationen, ihre Geschichte. Sie beginnt Ende September 1939, als sich flüchtende Zivilisten auf einer Flussbrücke in Ostpolen zusammendrängen. Die Lage ist aussichtslos: Im Westen steht die Wehrmacht, im Osten die Rote Armee. Aber Anna (Maja Ostaszewska) zieht weiter, um ihren Mann Andrzej (Artur Zmijewski), einen Offizier der polnischen Armee, vor dem Abtransport in ein russisches Gefangenenlager ein letztes Mal zu sehen. Drei Jahre später, als bekannt wird, was in Katyn geschah, stellt Anna erleichtert fest, dass sich der Name ihres Mannes nicht auf der Liste der Toten befindet. Den Grund dafür haben wir in einer Parallelhandlung erfahren: Andrzej hat sich von einem Kameraden dessen Pullover mit eingesticktem Namen schenken lassen. Seine Frau ahnt davon nichts.
Nach dem Krieg taucht jener Armeekamerad (Andrzej Chyra), der sich den polnischen Einheiten der Roten Armee angeschlossen hat, bei Anna auf, um ihr den Tod ihres Mannes zu verkünden und ihr seinen Schutz anzubieten. Sie weist ihn ab. Er übergibt seine Beweisstücke – darunter das Tagebuch des Toten – einer Widerstandsgruppe. Kurz darauf, nach einem Streit im Offizierskasino über die Schuld an den Massakern, erschießt er sich. Einige Wochen später erhält Anna das Tagebuch Andrzejs.
Das Drama einer vergeblichen Hoffnung
Das ist der eine, längere Strang der Geschichte. Der andere, ein wenig kürzere handelt von der Frau eines Generals (Danuta Stenka), deren Mann ebenfalls in Katyn ermordet wurde. Die Gestapo will ihre Trauer für Propagandazwecke ausnutzen. Sie verweigert sich. Nach Kriegsende kommen ihre Kinder, die im polnischen Widerstand gekämpft haben, nach Krakau zurück. Ihr Sohn stirbt auf der Flucht vor einer russischen Armeepatrouille. Um seinen Grabstein zu bezahlen, verkauft seine Schwester ihr blondes Haar an eine Schauspielerin, die ihre Haare in Auschwitz verloren hat. „Wer die Haare eines anderen trägt, übernimmt seine Last“, sagt der Friseur, der den Schopf abschneidet.
In solchen Szenen überschreitet die Symbolik des Films die Grenze zum Zwanghaften. Man sieht, wie Wajda sich müht, den Blick von seiner eigenen Biographie auf das kollektive Schicksal umzulenken, wie er Figuren erfindet, um Standpunkte zu erläutern und nicht, weil sie dramaturgisch notwendig wären. Da ist eine Kunstprofessorin, die offenbar nur auftaucht, damit sie verkünden kann, es werde ein freies Polen niemals mehr geben; oder jener Arzt, der die Dokumente von Katyn einmauern lässt, um sie vor den Häschern des kommunistischen Staates zu verstecken. Solche Menschen hat es hunderttausendfach in der Nachkriegsgeschichte Polens gegeben, und es gibt sie hundertfach in Wajdas Filmen seit „Der Kanal“ und „Asche und Diamant“. Hier aber wirken sie aufgesetzt. Am Ende ist „Das Massaker von Katyn“ doch allein Annas Geschichte: das Drama einer vergeblichen Hoffnung und einer unerträglichen Wahrheit.
Diese Wahrheit zeigen die letzten zwanzig Minuten des Films. Was kein Zeuge je erzählt, kein Kameraauge erblickt hat, wird in ihnen mit quälender Gründlichkeit enthüllt, vom Kaliber der Mordwaffen bis zum Abdruck der russischen Armeestiefel in der Blutlache, die sich am Boden des Erschießungskellers gebildet hat. Man kann diese Bilder übertrieben grausam finden, maßlos in ihrer Akribie. Aber um ihretwillen ist „Das Massaker von Katyn“ gedreht und produziert worden. Polen hat auf diesen Film sechzig Jahre lang gewartet. Im Vergleich dazu sind zwanzig Kinominuten ein Wimpernschlag.