03.09.2005 · Katrina hat nicht nur Häuser und Infrastruktur zerstört, der Sturm hat es sogar geschafft, das Ritual des Politikerinterviews zu erschüttern. Die amerikanischen Medien finden in der Katastrophe eine neue Rolle.
Von Nils MinkmarKatrina hat nicht nur Häuser und Infrastruktur zerstört, der Sturm hat es sogar geschafft, das Ritual des Politikerinterviews zu erschüttern. Am vergangenen Donnerstag saß die Senatorin von Louisiana, Mary Landrieu, vor den Kameras von CNN und wollte "erst einmal damit beginnen" sich zu bedanken: beim Roten Kreuz, beim Präsidenten, bei den ehemaligen Präsidenten, bei Helfern und deren Familien, bevor sie überleiten wollte, sich zu belobigen für die einzigartigen Maßnahmen, die soeben "ganz unbürokratisch" beschlossen worden waren, und ob er, der Moderator Anderson Cooper, davon schon gehört hätte.
Statt zu nicken und ein weiteres Stichwort zu geben, sagte Cooper, ein sonst stets sachlicher Mann mit besten Nerven: "Ich habe nichts davon gehört, weil ich vier Tage lang in den Straßen von Mississippi unterwegs war und herumliegende Leichen gesehen habe. Also jetzt zu hören, wie sich Politiker selbst loben, sich gegenseitig auf den Rücken klopfen ... Gestern wurde die Leiche einer Frau in dieser Stadt von Ratten angefressen, weil sie schon über 48 Stunden herumlag und es keine Möglichkeiten gab, die Leiche irgendwo zu lagern. Spüren Sie gar nichts von der Wut da draußen, Senator?"
Die Politiker trifft nicht nur der Hurrikan unvorbereitet
Dieser Ton ist neu. Im amerikanischen Frühstücksfernsehen wurde der Vorsitzende des nationalen Katastrophenschutzes, Michael Wood, kaum besser behandelt, und auch er war völlig unvorbereitet - nicht nur auf den Hurrikan, vor allem auf die Fragen der Medien hinterher. Als er verkündete, den Tausenden im Convention Center werde nun sehr bald geholfen werden, man habe sie aber erst gestern entdeckt, wurde es der Moderatorin zuviel: "Das kann doch nicht wahr sein. Wir, CNN, berichten seit zwei Tagen von dort. Wieso wissen wir, daß dort Menschen Zuflucht gefunden haben, und nicht Ihre Behörde? Wieso konnte in Banda Aceh nach zwei Tagen Hilfe angeworfen werden und in New Orleans nicht einmal nach fünf?"
Als Wood danach etwas von offensichtlichen Kommunikationsschwierigkeiten murmelte, ließ ihn die Frau gar nicht mehr zu Wort kommen: "Heute ist Freitag. Heute ist Freitag. Was haben Sie die ganze Zeit eigentlich gemacht?" Herr Wood hatte aber noch einige Interviews vor sich, so mit Paula Zahn ("Wollen Sie mir erzählen, daß Sie eben erst erfahren haben wollen, daß es im Convention Center nicht ausreichend Wasser gibt? Wir berichten darüber seit Tagen!") und Ted Koppel ("Wir berichten über die Krise nun schon so lange, und Sie wollen uns erzählen, Sie wissen von nichts?"). Allerdings hat Michael Wood noch einen Freund: "Du machst einen tollen Job, Woodie", rief ihm George Bush gestern zu.
Momente der Wahrheit
In den Nachrichten ging es zeitweise so lautstark zu wie sonst nur in Nachmittagstalkshows. Wo dem Fernsehen gern vorgeworfen wird, die Zuschauer zu narkotisieren und eine gewisse Glätte über die Ereignisse zu legen - hier konnte man erleben, wie Medien aufrüttelten, statt zu beruhigen, nachfragten, statt Botschaften zu übermitteln, immer noch mehr grausige Nachrichten suchten, statt die Zuschauer mit heiteren Bildern und Anekdoten zu besänftigen.
Momente der Wahrheit: Wo weder Politiker noch Behörden ein Interesse daran haben konnten, die ärmsten, orientierungslosesten Sturmopfer in den Vordergrund zu stellen, entwickelten sich die Reporter von CNN zu außerordentlich direkten Anwälten der Opfer. Und nicht nur das Fernsehen entwickelte sich zu einem der wichtigsten Überlebensgarantien für die Vergessenen, auch lokale Zeitungen wurden zu Lebensmitteln.
Zeitungen veröffentlichen zum Teil als Blog, als PDF, manches gedruckt
Als die ersten Exemplare frischer Tageszeitungen wieder bei den Opfern in Biloxi verteilt werden konnten, gab es Freudentränen. Auch die Zeitung für New Orleans, die "Times-Picayune", legt eine Energie und einen Einfallsreichtum an den Tag, die Polizei und Hilfsdienste erst noch entwickeln müssen. Peter Kovacs und seine Redaktion haben sich nach Baton Rouge verlagert, ihre eigenen Wohnhäuser sind größtenteils zerstört. Das Blatt erscheint zum Teil in Form von Blogs, zum Teil als PDF-Datei, und manchmal wird sogar etwas gedruckt. Oft ist es die einzige nachvollziehbare Überblicksdarstellung und Lagebeschreibung, die die Opfer des Hurrikans erreicht.
Viele Überlebende wollen aber auch reden, die Reporter werden zu Zeugen, und daß jemand zuhört und berichtet, wird ebenso wichtig wie die ersehnten Nahrungsmittellieferungen. "Erzählen Sie es allen, daß wir vergessen wurden", bestürmten weiße ehemalige Hausbesitzer die Reporterin Kathleen Koch.
Die Dinge laufen nicht wie üblich
Immer öfter machen sich die Reporter auch auf die Suche, auf die Suche nach anderen Helfern. Und der Unterton der Berichterstattung lautet: Wenn wir, ein Fernsehsender, es schaffen, unsere Teams ins Notstandsgebiet zu schicken, was hält dann den Katastrophenschutz ab, uns zu folgen?
Doch selbst wenn man Profi-Retter vor der Kamera hat, laufen die Dinge nicht wie üblich, alle Rollenverteilungen sind aufgehoben. Selten hat man so viele gestandene Polizisten heulen sehen wie dieser Tage. In manchen Bezirken von New Orleans sind über sechzig Prozent der Polizisten desertiert - auch das ein Umstand, der nur durch hartnäckiges Nachfragen der Medien zu Tage gefördert wurde. Man versteht aber auch warum: Der Afrika-Korrespondent von CNN, Jeff Koinange, wurde eingeflogen, um nachts durch Canal Street mit der Polizei auf Streife zu gehen, aber die Beamten trauten sich nicht, die Wache zu verlassen. Die Gangs draußen waren besser bewaffnet.
Die üblichen narrativen Strukturen der Fernsehbeiträge funktionierten nicht mehr. Manche armen Opfer waren nur bedingt entzückt darüber, vor einer Fernsehkamera zu stehen. Unvergeßlich ist diese junge Mutter vor dem Astrodome, Shayonne Green, vielleicht Anfang Zwanzig, einen Säugling auf dem Arm, deren Gesichtsausdruck zwischen Apathie und Verzweiflung changierte. Ihre ganze Familie ist verschwunden, sie ist gerettet, in Houston, aber ohne Geld, ohne Plan. Immerhin steht sie vor einer Kamera und ist mit dem berühmten Talkmaster Larry King verbunden, der ihr warme Worte spendet, ohne erkennbare Reaktion. Dann will Jesse Jackson sie sprechen. Er hat einige seiner bewährten Trostsprüche für sie parat, warnt sie davor, gewalttätig zu werden. Shayonne starrt weiter in die Kamera und weint. Jackson legt nach: Hilfe ist unterwegs, Hoffnung liegt in der Luft und noch ein ganzer langer moralstützender, erbaulicher Vortrag. Aber es macht nichts, keine Reaktion bei der Angesprochenen, nur ein etwas zu lautes und ratloses "Okay".
Nicht mal Berichte über Tiere - sonst stets ein beliebter Stimmungsaufheller - können für Ablenkung von den grimmigen menschlichen Schicksalen sorgen. Weil Hunde und Katzen nach irgendwelchen Katastrophenschutzvorschriften zurückgelassen werden müssen, so war in verschiedenen Berichten zu hören, schreien die Kinder, die es in die Busse geschafft haben, oft stundenlang nach ihren Haustieren.