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Kathryn Bigelow Die freie Radikale

08.03.2010 ·  Dass Kathryn Bigelow die erste Frau in der Geschichte der Academy Awards ist, die einen Oscar für die beste Regie gewinnt, ist hochverdient: Keine andere Regisseurin hat sich so konsequent durch alle Genres gearbeitet. Porträt einer Vielseitigen.

Von Verena Lueken
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Sie kam mit ihrem Film aus einem Preisregen zur Oscar-Verleihung. „The Hurt Locker: Tödliches Kommando“ hatte zuvor so ziemlich alles gewonnen, was die Gemeinschaft der Filmschaffenden an Regisseure zu vergeben hat: die Kritikerpreise von Boston, Chicago, Kansas, Las Vegas, London, Los Angeles, New York, Toronto, Vancouver und Washington; außerdem die Auszeichnungen der Fernseh- und Radio- sowie der Online-Kritiker, dazu die Preise der Regisseurs- und der Produzentengilde, zwei Handvoll Festivalpreise und noch einige mehr. Dass Kathryn Bigelow die erste Frau in der Geschichte der Academy Awards sein würde, die einen Oscar für die beste Regie mit nach Hause nehmen könnte, war daher mit einiger Sicherheit vorauszusehen. Ihr Oscar als Koproduzentin des besten Films (der auch noch in einigen technischen Kategorien siegreich war und insgesamt sechs Oscars gewann) nicht unbedingt.

Kathryn Bigelow ist nicht erst seit der Oscar-Nacht eine Ausnahmeerscheinung im Filmgeschäft. Sie fing als Malerin an, studierte am San Francisco Art Institute, gewann mit Zwanzig ein Stipendium ans Whitney Museum in New York, wo sie in den frühen siebziger Jahren – sie ist Jahrgang 1951 und in San Carlos in Kalifornien geboren – Lehrer wie Richard Serra oder Robert Rauschenberg hatte. In New York entschloss sie sich auch, auf die Filmschule der Columbia University zu gehen, von wo aus ihre Regiekarriere begann.

Die Wahrheit interessiert sie mehr als der Schmerz

Regisseurinnen im kommerziellen Kino sind gegenüber ihren Kollegen hoffnungslos in der Minderzahl, Frauen, die Genrefilme drehen, gibt es nur wenige. Kathryn Bigelow ist die vielseitigste, auch die radikalste unter ihnen. Sie hat einen Vampir-Western („Near Dark“, 1987) gedreht, der sie schlagartig bekannt machte, und einen Polizei-Thriller („Blue Steel“, 1989), mit dem sie ihren Ruf festigte und dem Genre einen ganz eigenen Touch gab, weil ihr Polizist eine Polizistin ist und ein fetischistisches Verhältnis zu ihrer Waffe hat. Es folgte ein Surferfilm („Point Break“, 1991), der aus dem Teenie-Schwarm Keanu Reeves einen Star machte und Patrick Swayze die wahrscheinlich beste Rolle seines Lebens schenkte; „Strange Days“, gemeinsam geschrieben mit ihrem damaligen Ehemann James Cameron, war 1995 ihr Beitrag zum Science-Fiction-Fach, ein Film mit einer in einer einzigen Einstellung gedrehten Verfolgungsjagd, die später immer wieder imitiert wurde. Mit „The Weight of Water“ (2000) drehte sie einen Mystery-Thriller, „K 19“ war drei Jahre später ihr U-Boot-Film, bis 2008 schließlich der Kriegsfilm entstand, für den sie jetzt so vielfach ausgezeichnet wurde.

Bei all der Unterschiedlichkeit der Geschichten interessiert Kathryn Bigelow immer eines: das Medium an seine Grenzen zu treiben, dorthin, wo aus Film kinetische Energie wird. Ihre Filme sind gewalttätig, sie schaut nicht weg, wenn es weh tut. Eigentlich, sagt sie, interessiere sie Gewalt nicht besonders. Aber die Wahrheit. Und so sieht „The Hurt Locker“ dann auch aus – letztlich geht es immer nur um zwei Punkte: die Bombe und den, der sie entschärft. Es ist der Film, den der Irak-Krieg verdient.

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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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