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Systematischer Missbrauch : Der tiefe Sturz des Harvey Weinstein

Harvey Weinstein mit seiner Frau Georgina Chapman auf einer Oscar-Party im Frühjahr 2013. Bild: Reuters

Harvey Weinstein war einer der mächtigsten Männer Hollywoods und ein Filmproduzent wie aus dem Kino: brutal und genialisch. Nach Belästigungs- und Vergewaltigungsvorwürfen ist seine Karriere beendet. Was folgt auf diesen Absturz?

          So liest sich die Traumbesetzung für einen großen Film: Angelina Jolie und Ashley Judd, Gwyneth Paltrow und Mira Sorvino, Rosanna Arquette und Rose McGowan, Asia Argento, Judith Godrèche, Léa Seydoux. Nicht einmal Woody Allen oder Quentin Tarantino bekämen sie alle auf einmal zusammen. Es ist aber auch kein Traum, sondern ein Alb, es ist ein Film, den niemand sehen will. Es ist eine schmierige, eine widerliche Geschichte aus dem wirklichen Leben. Es ist die Geschichte vom tiefen Sturz des Harvey Weinstein, eines der mächtigsten Männer Hollywoods, eines Produzenten mit zahllosen Oscar-Nominierungen, eines Liberalen und langjährigen Unterstützers der Demokraten. Mit dessen Namen Filme wie „Pulp Fiction“, „Der englische Patient“, „Shakespeare in Love“, „The King’s Speech“ verbunden sind, um nur einige wenige zu nennen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und diese Schauspielerinnen sind nur die prominentesten unter den Frauen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten von ihm sexuell belästigt, vergewaltigt und teilweise damit bedroht wurden, er werde ihre Karriere ruinieren, wenn sie sich an die Öffentlichkeit wandten. Die Zahl der Assistentinnen und weniger bekannten Starlets ist ungleich größer. Ganz zu schweigen von denen, die anonym bleiben oder sich gar nicht äußern wollten, weil Weinsteins Anwälte sie zu Abfindungen und strikten Verschwiegenheitserklärungen gedrängt haben.

          Ein bleibender Eindruck

          Die „New York Times“ und das Magazin „New Yorker“ haben diese Geschichte eines notorischen und systematischen Missbrauchs in der vergangenen Woche enthüllt, es gibt Schnittmengen zwischen beiden Storys, und das untermauert nur, wie erdrückend die Beweislage ist. Weinsteins Firma, die Weinstein Company, sah sich genötigt, ihn zu feuern, seine Ehefrau, die Modedesignerin Georgina Chapman, erklärte, sie habe ihn verlassen. Hillary Clinton sagte, sie sei „schockiert und entsetzt“. Das Ehepaar Obama, dessen älteste Tochter ein Praktikum in Weinsteins Firma absolviert hat, verurteilte sein Verhalten und forderte, er müsse zur Rechenschaft gezogen werden. Und eine wachsende Schar von bekannten Schauspielerinnen, deutlich weniger Schauspielern, Regisseuren und Studiomanagern hat sich von ihm öffentlich distanziert: Meryl Streep, die ihn 2012 im Überschwang mal „Gott“ genannt hatte, Jennifer Lawrence, Jessica Chastain, Glenn Close, George Clooney, Kevin Smith. Alle haben sie ihm in ihren Karrieren viel zu verdanken.

          In ihrem Film „Scarlet Diva“ aus dem Jahr 2000 spielte Asia Argento nach, was ihr drei Jahre zuvor mit Weinstein geschehen war.
          In ihrem Film „Scarlet Diva“ aus dem Jahr 2000 spielte Asia Argento nach, was ihr drei Jahre zuvor mit Weinstein geschehen war. : Bild: Screenshots FAS

          Es ist ein Skandal, wie ihn Hollywood in seiner skandalhaltigen Geschichte lange nicht erlebt hat, es ist auch schon lange keine Person des öffentlichen Lebens in Amerika derart tief gefallen. Weinstein selbst gibt sich reuig und halbwegs zerknirscht, er hat sich entschuldigt und angekündigt, sich einer Therapie unterziehen zu wollen. Eine Sprecherin ließ zugleich jedoch verlauten, er sei immer davon ausgegangen, die sexuellen Akte seien einvernehmlich vollzogen worden. Wenn man die Schilderungen der betroffenen Frauen liest, ist das nichts als Hohn.

          Es ist nun eine naive Erwartung, dass Männer, die etwas bewegt haben in Politik, Wissenschaft, Sport oder Kultur, auch sympathisch sein müssten und womöglich moralische Vorbilder. Wer Harvey Weinstein mal erlebt hat, und sei es nur aus der Halbdistanz, auf der Terrasse des Hotels „Excelsior“ in Venedig, der konnte ahnen, dass es auch als Mann nicht angenehm sein muss, seinen Unwillen zu erregen. Aggressiv wie ein Keiler bahnte er sich da mit vorgeschobenem Kopf und wuchtigen Schritten seinen Weg und faltete einen Kellner, der sich ihm servil näherte, zusammen. Das war vor knapp zwanzig Jahren ein zufälliger, aber bleibender Eindruck.

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