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„Der Meister des Kreises“ : Kameramann Michael Ballhaus ist tot

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Einer der Großen des Films: Michael Ballhaus, geboren am 5. August 1935 in Berlin, gestorben in der Nacht zu diesem Mittwoch, im Mai 2004 in einem Kinosaal in München Bild: Picture-Alliance

Er erfand den berühmten Ballhaus-Kreisel und drehte unter anderem für Fassbinder und Scorsese. Jetzt ist der legendäre Kameramann Michael Ballhaus gestorben.

          Michael Ballhaus war der Mann für die komplizierten Fälle. Keine Kamerafahrt war ihm zu wild, keine Perspektive zu vertrackt. Mit seinem Innovationsgeist gelang ihm eine fabelhafte Karriere in Amerika. Sein Erweckungserlebnis waren die Dreharbeiten zu Max Ophüls' "Lola Montez", die er als Achtzehnjähriger am Set verfolgen konnte, weil der Regisseur mit einer Cousine seiner Mutter befreundet war. Seitdem zog es ihn hinter die Kamera.

          Ballhaus wurde am 5. August 1935 in Berlin geboren. Als Sohn des Schauspielerehepaars Oskar Ballhaus und Lena Hutter wuchs er dort bis zu seinem siebten Lebensjahr und dann im fränkischen Wetzhausen und Coburg auf, wo seine Eltern ein Theater führten. Nach dem Abitur absolvierte er eine Fotografenlehre und arbeitete zunächst als freier Bühnenfotograf sowie als Kameramann beim Südwestfunk in Baden-Baden.

          1969 an der Kamera bei Dreharbeiten zum Film „Wir zwei“, links der Regisseur Ulrich Schamoni Bilderstrecke
          1969 an der Kamera bei Dreharbeiten zum Film „Wir zwei“, links der Regisseur Ulrich Schamoni :

          Sein erster Kinofilm war 1968 die Dieter-Hallervorden-Komödie "Mehrmals täglich". Anfang der siebziger Jahre lernte der Kameramann den Regisseur Rainer Werner Fassbinder kennen und machte bis 1978 mit dem exzentrisch-genialen Regisseur 15 Filme, darunter “Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972).

          Für Fassbinders "Martha" (1973) hatte er erstmals versucht, durch eine 360-Grad-Fahrt um die Akteure eine für die jeweilige Sequenz adäquatere visuelle Form der Darstellung zu finden. Die 360-Grad-Rundfahrt fand als „Ballhaus-Kreisel“ Einzug in die Fachsprache; auch seine eleganten und zügig ausgreifenden Kamerabewegungen und das stilisierende Licht galten fortan als Ballhaus Markenzeichen. Zusammen mit Fassbinder bildete Ballhaus, den man als "Meister des Kreises" und der "entfesselten Kamera" feierte, das Star-Team des Neuen Deutschen Films. Kurz vor Beginn der Dreharbeiten zu Fassbinders "Berlin Alexanderplatz", der als Mehrteiler im Herbst 1980 im Fernsehen ausgestrahlt wurde, kam es zum Bruch. Ballhaus und seine Frau Helga, die als Schauspielerin und Ausstatterin bei vielen Filmen mitwirkte, hätten Fassbinders Kokain-Exzesse nicht mehr ertragen, hieß es später.

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          Nachdem Ballhaus mit nahezu allen deutschen Spitzenregisseuren, darunter Herbert Vesely, Johannes Schaaf und der Theatermann Peter Stein, zusammengearbeitet hatte, hielt er sich 1982 zu Außenaufnahmen für Peter Lilienthals "Dear Mr. Wonderful" in New York auf. In Amerika wurde John Sayles auf ihn aufmerksam und verpflichtete ihn 1983 für seinen Film "Baby, It's You". Über 30 Filme drehte er bis 2006 in den Vereinigten Staaten, wurde dreimal für den "Oscar" nominiert ("Broadcast News", "The Fabulous Baker Boys" und "Gangs of New York") und zweimal in Folge (1989 und 1990) von der Filmpresse Hollywoods zum "Kameramann des Jahres" gewählt. Auch für Musikvideos mit Madonna, Prince und Bruce Springsteen stand Ballhaus hinter der Kamera.

          Kameramann : Michael Ballhaus ist tot

          Ein herausragendes Team bildete er mit Starregisseur Martin Scorsese, für den er erstmals 1984 für "After Hours" die Kamera führte. Für Scorsese wurde Ballhaus der "Haus- und Hof-Kameramann", und mit ihm konnte er jene Art von Filmen realisieren, die ihn am meisten interessieren, Filme über große Gefühle und ihre Rituale, ihre zerstörerische und ihre visionäre Kraft. Die Zusammenarbeit mit Scorsese wurde nach Ballhaus‘ eigener Einschätzung von Film zu Film intensiver, kreativer und von zunehmender persönlicher Freundschaft gekennzeichnet. Als 1989 der Film "The Fabulous Baker Boys" (dt. Die fabelhaften Baker Boys) von Steven Kloves in Amerika anlief und Ballhaus zum besten Kameramann des Jahres gekürt und zum zweiten Mal für den Oscar vorgeschlagen wurde, galt er endgültig als Kameramann mit Kultstatus. Seine Kamerafahrt in einem Kreis um Michelle Pfeiffer, die im roten Glitzerkleid singend auf einem schwarzen Flügel lag, wurde zur Filmlegende.

          In den neunziger Jahren führte Ballhaus die Kamera bei Francis Ford Coppolas Horrorfilm "Bram Stoker's Dracula", bei der Verfilmung des Edith-Wharton-Romans "Zeit der Unschuld" und bei Wolfgang Petersens Thriller "Outbreak". Noch immer liebte Ballhaus, so schrieb die Süddeutsche Zeitung, "besonders schwierige, vermeintlich unmögliche Einstellungen, für deren Realisation es auch profunder technischer Kenntnisse und Erfahrungen bedarf". Seiner großartigen Kameraführung schrieben Kritiker auch den Erfolg von Mike Nichols' "Primary Colors" um den Wahlkampf Bill Clintons und Barry Sonnenfelds Komödie "Wild Wild West" (1999) zu, wobei Ballhaus hier nachträglich den Einsatz digitaler Technik als "sterbenslangweilig" kritisierte.

          Als Höhepunkt seiner Karriere bezeichnete er die Zusammenarbeit mit Scorsese in dessen groß angelegtem Versuch, die blutigen Bandenkriege im New York der Jahre 1846 bis 1863 als Beispiel für die gewalttätigen Ursprünge Amerikas (und vielleicht jeder Zivilisation) zu interpretieren. Das 100-Millionen-Dollar-Epos "Gangs of New York" mit Leonardo DiCaprio enthält Sequenzen von archaischer Kraft und trug dem Kameramann, der sich in der amerikanischen Tradition viel eher als "Director of Photography" verstand, eine dritte Oscar-Nominierung ein.

          Ballhaus beendete seine Filmkarriere in Amerika mit dem 2005 erneut mit Scorsese gedrehten Remake des Hongkong-Thrillers "Infernal Affairs" unter dem Titel "Departed". Overhead-Shots, Detailaufnahmen und meisterhafte Lichtführung kennzeichneten auch diesen 38. Film in 25 Jahren Amerika - den siebten Dreh zusammen mit Scorsese in Starbesetzung (Leonardo DiCaprio und Jack Nicholson) und mit einem 100-Mio.-Dollar-Budget. Danach kehrte B. 2007 - als erster Deutscher von der American Society of Cinematographers für sein Lebenswerk ausgezeichnet - zurück nach Berlin.

          Nach seiner Rückkehr nach Berlin blieb B. gelegentlich auch noch als Produzent und Regisseur tätig und drehte zusammen mit dem jungen Kameramann Ciro Cappellari den Dokumentarfilm "In Berlin" (2009), der Großstadt-Impressionen und Interview-Passagen mit vornehmlich bekannten Bürgern der Stadt verwebt. Im Herbst 2008 startete er eine Kampagne zum Klimaschutz, den "Michael Ballhaus Klimaschutz e. V." 2013 fügte er seinem Lebenswerk von rund 80 Kinofilmen noch einen letzten Titel, "3096 Tage", hinzu. Dabei stand er für seine zweite Frau, die Regisseurin Sherry Hormann, hinter der Kamera, um das Drama der im Kellerverlies über acht Jahre gefangenen Natascha Kampusch zu beleuchten, in, so die Filmkritik, intensiven, jedoch nicht voyeuristischen Bildern.

          2014 zog sich B. aus dem Filmgeschäft zurück und machte publik, dass er seit einigen Jahren am Grünen Star leide und fortschreitend erblinde. Mit seiner 2014 erschienenen Autobiographie "Bilder im Kopf" blickte er auf die bewegte Geschichte seines Lebens zurück. Nun ist er im Alter von 81 Jahren gestorben.

          Quelle: bähr/Munzinger

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