27.01.2006 · „Es geht um das ganze Leben“: Juliette Binoche über die Schauspielerei und ihren neuen Film „Caché“, deprimierende Komödien, weinende Frauen und ihre kurze Karriere als Taschendiebin.
„Es geht um das ganze Leben“: Juliette Binoche über die Schauspielerei und ihren neuen Film „Caché“, deprimierende Komödien, weinende Frauen und ihre kurze Karriere als Taschendiebin.
F.A.Z.: Wenn Sie an „Die Liebenden von Pont-Neuf“ zurückdenken, was sehen Sie da?
Es war eine Art Depression. Ich weiß nicht: Vielleicht braucht man Depression nach großer Anspannung. Wenn ein Schauspieler so viel gibt und sich in eine Welt hineinversetzt, dann braucht er Zeit, um die Spannung wieder absinken zu lasen. Depression ist also durchaus Teil des Prozesses, sie ist nicht nur negativ, sondern auch nötig. Um helle Farben herauszuarbeiten, braucht man auch dunkle Flächen. So wie jeder weiß, daß es die reinste Illusion ist, sich dauernd gut fühlen und erfolgreich sein zu müssen.
Manchmal wird die Schauspielerei zu schwierig, sowohl physisch als auch emotional. Man hat einerseits in den Rollen eine so große Welt in sich, daß es überwältigend ist. Und andererseits hat man kein Privatleben, zumindest keine Form von wirklichem Leben. Das ist mir nach „Die Liebenden von Pont-Neuf“ so gegangen und dann noch mal passiert nach „Bee Season“, den ich mit Richard Gere gedreht habe. Ich fühlte mich leer. Ich habe in dieser Zeit ein Buch über Bram Van Velde gelesen, der monatelang nichts getan, nur geschwiegen hat und durch die Wälder spaziert ist, bis er wieder produktiv sein konnte. Das kann ich total verstehen.
Als Schauspieler ist man manchmal nur noch Funktionär einer bestimmten Lebensart. Vor lauter Produktivität weiß man gar nicht mehr, wer man selbst ist. Das ist ziemlich traurig, wenn man dann die Filme sieht und sich denkt, das hat man doch schon gesehen. Um da einen neuen Weg zu finden, muß man etwas was riskieren, muß jedesmal eine Herausforderung annehmen. Das braucht Zeit und die Fähigkeit, abzuschalten und sich frei zu machen von allem, was man weiß. Das System Kino handelt nur noch davon, wie man gute Filme macht - dabei ist das die reinste Illusion. Es geht darum, zu den einfachen Dingen zurückzufinden, auf eine Art Nichts, die nur einem selbst gehört.
Warum haben Sie dann trotzdem „Caché“ gedreht?
Eigentlich wollte ich gar nicht, und als Haneke mir „Cache“ schickte, habe ich auch zu meinem Agenten gesagt: „Ich will's eigentlich nicht machen.“ Aber ich konnte nicht mehr zurück, und also mußte ich mich dazu zwingen, darin mitzumachen. Im Spiel ist davon auch etwas sichtbar. Es gibt keine Lust, zu gefallen, keinen Versuch, etwas zu sein.
Sind Sie denn mit dem Ergebnis zufrieden?
Zufrieden ist nicht das richtige Wort, ich habe ich es eben so gemacht. Es fühlt sich nicht sehr gut an, mich selbst in dem Film zu sehen. Ich sehe eine Nacktheit, ein Unwohlsein, aber ich schätze, gerade das ist gut. Ich muß so etwas zulassen. Es war der einzige Weg, und deshalb ist es gut.
Ist für Sie der Regisseur oder das Drehbuch wichtiger bei der Entscheidung, ob Sie eine Rolle annehmen?
Es ist alles zusammen. Wenn ich ein Drehbuch lese, weiß ich gar nicht, wonach ich suche. Aber ich stelle mir immer die Frage, ob es stark genug sein wird, um mein Leben zu investieren. Denn darum geht's: das ganze Leben.
Und wie war das bei Haneke?
Ich habe mit ihm schon gearbeitet in „Code inconnu“. Die Verbindung war stark genug. So gab es keine Zweifel, daß es eine interessante Suche würde. Er rief mich also an und fragte, ob ich in seinem nächsten Film dabei sein will. Und ich sagte: „Natürlich. Da muß ich gar nicht das Buch lesen. Du kannst auf mich zählen.“ Da war er ganz glücklich. Als ich das Buch dann bekam, hab ich es natürlich trotzdem sofort gelesen und festgestellt, daß ich in fast jeder Szene heulen muß. Also hab ich ihn angerufen und gefragt, ob das wirklich sein muß. Ob das wirklich sein Frauenbild ist, daß sie die ganze Zeit flennen. Da war er ganz erstaunt und meinte, er werde noch mal darüber nachdenken. Am Ende hat er viel Heulen herausgenommen.
Es wird bei „Caché“ viel über die Schlußeinstellung diskutiert, in der man Schüler vor einer Schule sieht, aber nicht weiß, wie das auf das Geschehen zu beziehen wäre. Wie deuten Sie den Schluß?
Das interessiert mich nicht wirklich. Darum geht's im Film auch gar nicht. Wichtiger ist die Frage, wie ein Mann mit einer Schuld umgeht, die er als Sechsjähriger auf sich geladen hat. Die Frage ist unmöglich zu beantworten, ob man in dem Alter schon verantwortlich für seine Taten ist. Aber ganz offensichtlich muß man als Erwachsener Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen. Und dieser Mann, den Daniel Auteuil spielt, weigert sich einfach, sich selbst zu fragen, wer er eigentlich ist. Es geht um die Wahrheit. Das ist auch das einzige, was mich als Schauspielerin und Mensch interessiert. Sich dauernd selbst zu hinterfragen: Wer bist du? Nur so habe ich wieder herausgefunden aus jener Zeit, als ich nicht mehr spielen wollte.
Zuletzt haben Sie wieder mit Anthony Minghella gedreht, für dessen „Englischen Patienten“ Sie einen Oscar bekamen. Was spielen Sie in „Breaking and Entering“?
Eine Bosnierin in London. Eigentlich wollte Anthony eine echte Bosnierin, aber er fand niemanden, mit dem er zufrieden war. Also mußte ich mich erst mit Ex-Jugoslawien befassen. Da war sehr schmerzhaft. Ich habe viele Dokumentationen gesehen und mich dabei ein wenig geschämt, wie wenig ich wußte. Die Aufgabe bestand also darin, daß in meinem Spiel der Krieg sichtbar wird, ohne daß er je gezeigt wird. Als Schauspielerin war ich in vielen starken Geschichten um Frauen, die alles verlieren und neu anfangen müssen. Aber noch einmal zu lernen, zu welcher Stärke Menschen in der Lage sind, wenn sie neu anfangen müssen, hat mich bei meiner Recherche erstaunt.
Kurioserweise mußte ich für die Vorbereitung in New York einen Taschendieb treffen. Ich sagte: Bringen Sie mir das Stehlen bei. Wir gingen also in ein großes Kaufhaus und er zeigte mir, wie man es macht. Am Ende stand ich auf der Straße und hatte zwei Schals in der Hand, einen weißen und einen schwarzen. Als ich sie ihm zeigte, war er ganz verdutzt, wie schnell ich gelernt hatte. Ich sagte aber: „Ich gebe sie jetzt wieder zurück. Es sollte ja nur ein Scherz sein. Ich kann sie ja nicht im Ernst stehlen.“ Da war er fassungslos. Also ging ich wieder ins Kaufhaus und gab sie zurück. Ich bin in seiner Achtung sehr gesunken.
Sind denn Komödien wie „Jetlag“ eine Möglichkeit, den psychischen Belastungen dramatischerer Rollen aus dem Weg zu gehen?
Um ehrlich zu sein: Komödien deprimieren mich. Sie sind meistens so hohl, daß man den Eindruck hat, Jahre seines Lebens zu verschwenden. Ich möchte Stoffe, an denen ich wachsen kann.
Aber wo ist der Ausweg aus der Depression?
Beim ersten Mal dachte ich, ich wäre vielleicht eine bessere Lehrerin. Ich hatte Kurse gegeben, und das war sehr befriedigend und auch wesentlich bequemer, Anweisungen zu geben als selbst im Rampenlicht zu stehen und psychisch zu verbrennen. Ich habe das meinen Schauspiellehrer gesagt, aber der antwortete: Nein, nein, du spielst weiter, wir brauchen dich. Lehren kannst du später immer noch.
Und was würden Sie jungen Schauspielern auf den Weg geben?
Schwer zu sagen, denn ich bin sehr privilegiert. Aber ich würde sagen: Es ist eine sehr schwierige Arbeit, es gibt nur wenige freie Plätze, und die Schauspielerei muß ein enormer Traum sein, jenseits dessen, was man sich vorstellen kann, weil man seinen eigenen Weg gehen muß. Dabei kann einem niemand helfen. Man muß unabhängig sein und doch willig, mit anderen zusammenzuarbeiten. Man muß sich selbst verlieren - das ist in der Liebe schon schwierig genug, um so mehr vor der Kamera - und man muß Vertrauen haben und loslassen können.
Das braucht Willenskraft. Wer ein Viereck ist, muß lernen, ein Kreis zu sein. Es geht mehr um Bewegung als um Wissen. Denn Lernen ist nicht so schwierig, aber um etwas Gelerntes wieder abzulegen, braucht man Mut. Das ist unbequem und riskant. Man muß sich durchlässig machen und sich selbst verlieren. Es erfordert Demut, das zuzulassen. Um diesen verrückten Traum zu leben, braucht man also Vertrauen, Glauben und Risikofreude. Und die Arbeit ist nie zu Ende. Man kann sich nie zurücklehnen. Auf jeden Wellenkamm folgt das nächste Tal.