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Kinofilm „Manifesto“ : Kinder, habt ihr auch euer Dogma gelernt?

Weil ich eins und doppelt bin: Cate Blanchett als Puppenspielerin in einer „Manifesto“-Szene Bild: DCM/dpa

Was entsteht, wenn sie sich neu erschafft, ist jedesmal ein neues Wunder. Doch Julian Rosefeldts filmische Installation „Manifesto“ lebt als Kinofilm nicht von Cate Blanchett allein.

          Es gibt Glücksfälle, die in der Logik der Kunstgattungen und ihrer jeweiligen sozialen Sphären eigentlich nicht vorgesehen sind. Die Begegnung eines weiblichen Hollywoodstars mit einem deutschen Installationsfilmkünstler ist ein solcher Fall. Aber das, was zwischen Cate Blanchett und Julian Rosefeldt passiert ist, nachdem sie vor ein paar Jahren ein gemeinsames Projekt verabredet haben, übertrifft sogar die Erwartungen derjenigen, die immer noch an die Versöhnung von Kino und zeitgenössischer Kunst, von Filmindustrie und Museumsbetrieb glauben.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Vielleicht wird man in „Manifesto“, der dreizehnteiligen filmischen Installation, die die beiden zusammen gedreht haben, einmal den Anfang einer neuen, hybriden Kinoform sehen. Vielleicht ist diese Tour de force aus Bildern von heute und Sätzen der Kunstrevolutionen von gestern aber auch ein Endpunkt. Auf jeden Fall ist sie ein Erlebnis, das man nicht verpassen darf.

          Um das Projekt „Manifesto“ finanzieren zu können, musste sich Rosefeldt verpflichten, eine sender- und verleihtaugliche Filmversion zusammenzuschneiden. Nach der Installation, die zuerst in Berlin, dann in Sydney, Hannover, Duisburg, New York, Stuttgart, München und Aarhus zu sehen war, kommt deshalb jetzt der „Manifesto“-Film ins Kino: fünfundneunzig statt zwölf mal zehn Minuten (plus Prolog), lineare Erzählung statt Parallelvision, Stationendrama statt Endlosschleife.

          Wenn der erste scharfe Schnitt kommt, der die Odyssee des bärtigen Tramps durch die Trümmerfelder von Berlin unterbricht, wünscht man sich ins Museum zurück, wo diese Episode ebenso wie die elf anderen wundersamen Metamorphosen Cate Blanchetts ungekürzt ablaufen konnte. Und wenn die Lehrerin im Berliner Klassenzimmer ihren Schülern die Paragraphen des „Dogma“-Manifests vorbetet, bedauert man, dass sie nicht von der Punkerin auf dem Monitor gegenüber mit den Dogmen des Kreationismus („Das Recht auf Ganzheit ist ein monströser beschissener Scherz“) in die Schranken gewiesen werden kann. Und doch ist „Manifesto“, der Film, ein Werk aus eigenem Recht.

          Fünfundneunzig Minuten reine Intensität

          Denn Julian Rosefeldt hat nicht nur die Verwandlungskunst von Cate Blanchett ein Dutzend Mal auf die Spitze getrieben, von der alleinerziehenden Proletarierin, die den Kran in der Müllerverbrennungsanlage bedient, bis zur Doppelrolle als Nachrichtensprecherin und Hauptstadtreporterin am Schluss. Er hat auch die ideologische Hinterlassenschaft der klassischen Moderne auf eine Weise montiert und geschnitten, die man selbst schon wieder klassisch nennen muss – all die Manifeste der ästhetischen Welterlösung und des politischen Umsturzes, von Marx und Engels, Bréton und Marinetti bis Yvonne Rainer und Sol LeWitt, von der Feier der Maschine bis zur Anrufung des Nichts.

          Es ist diese Textmontage, die den Rollenspielen von Cate Blanchett Substanz und Gewicht gibt und die virtuose Kameraarbeit von Christoph Krauss nicht zum Selbstzweck verkommen lässt. Der Blick ins Magazin der Puppenspielerin, in dem Marilyn und Marlene friedlich neben Hitler und Lenin hängen, wird durch die Parolen der Surrealisten („der Verstand erschafft nichts“) erst wirklich abgründig; und die Fluxus-Zitate („Nein zum Stil, Nein zum Heroismus!“) zerplatzen wie Knallfrösche zu Füßen der russischen Choreographin, die im Friedrichstadtpalast ihre Tänzerinnen über die Bühne hetzt. Das Puppenspiel, mit anderen Worten, ist hier ein Bild fürs Ganze, auch in der Art, wie die Bauchrednerei das gewohnte Hin und Her der Dialoge ersetzt. Deshalb ist es nur konsequent, dass Cate Blanchett sich selbst als Puppe gegenübertritt. Man sieht buchstäblich, wie sie sich erschafft, aus Kleidern, Haaren, einem Gesichtsausdruck; und doch ist das, was dabei entsteht, jedesmal ein neues Wunder.

          Ein Film über das Leben der Kunst und die Kunst im Leben, fünfundneunzig Minuten reine Intensität. Während man „Manifesto“ sieht, möchte man fast glauben, dass es mit der Revolution, die da beschworen, beschrien, erfleht und erklügelt wird, schon lange vorbei ist. Dabei sitzt man gerade mittendrin.

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