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Veröffentlicht: 10.06.2017, 19:56 Uhr

Julian Radlmaiers Kinofilm Der Typ sieht ja aus wie von Fassbinder

Wieso müssen es immer die jungen Leute sein, denen die Gesellschaft den Job aufbürdet, sie zu verändern? Der Film „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ sucht eine zeitgemäße Antwort.

von Bert Rebhandl
© Grandfilm Dieser Film tut, was Mao tat: Er schickt die jungen Leute in die Landwirtschaft, damit sie revolutionären Realitätssinn entwickeln.

Die heutige Jugend hat es möglicherweise schwerer als die gestrige. Man erwartet von ihr Revolutionäres, Disruptives, Innovatives, aber die Fußstapfen sind alle schon „-istisch“ belegt: maoistisch, leninistisch, dadaistisch, optionistisch, und wer da nirgends hineinpasst, gehört vermutlich zur digitalen Boheme. Ein junger Filmemacher, wie er in Julian Radlmaiers Film „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ auftritt, kann da gern einmal ein wenig eingeschüchtert durch das Leben tapsen. Statt an einem Projekt zu schreiben, lauert er vor der Berliner Gemäldegalerie Kunststudentinnen auf. Annäherungsversuche enden in einer Vorstufe zum Slapstick. Nicht einmal die Gags gehen hier so richtig auf. Julian verbringt auch ziemlich viel Zeit auf Facebook, einer Nebenbemerkung ist zu entnehmen, dass er fast so etwas wie ein digitaler Stalker ist. Immerhin kennt er die Schauspielerin Camille, auf deren Profil er einige Stunden zugebracht hat, auch aus dem richtigen Leben, nämlich lose von einer Party.

Im richtigen Leben bezieht Julian Mindestsicherung, und sein Sachbearbeiter lässt ihn damit nicht einfach in Ruhe. Er schickt ihn zur Arbeit, auf eine Apfelplantage im Berliner Umland, die idyllisch gelegen ist, deswegen aber nicht minder unter dem Druck des Weltmarkts steht. Auch und gerade für die Frucht des Sündenfalls gibt es einen Zusammenhang, der das ganze Gegenteil von paradiesisch ist. Eine sozialbürokratische Zwangsmaßnahme muss natürlich, wenn schon nicht verweigert, dann zumindest rationalisiert werden. Und so gibt Julian seine neue Beschäftigung als Projekt aus. Er behauptet, er recherchiere für einen Film, und damit hat er plötzlich auch das Interesse der spröden Camille geweckt.

© Grandfilm/Trailerloop Kinotrailer: „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“

Sie kommt mit, und ist begeistert, als sie den Vorarbeiter sieht: „He looks like a Fassbinder character.“ Auch das zählt zu den Hypotheken von jungen Menschen, die mit viel Kultur aufgewachsen sind: Sie haben alles schon einmal gesehen, aber selten im richtigen Leben. Dass die Apfelplantage den Namen Oklahoma trägt und dass sie ihr Personal mit dem Slogan „Jeder ist willkommen“ empfängt, ist dann allerdings doch schon ein eher raffiniertes Signal dafür, dass es Julian Radlmaier um eine zeitgemäße Sicht auf „Klassenverhältnisse“ geht (das Raffinement hat damit zu tun, dass die deutliche Anspielung auf Kafka einen doppelten Boden hat, weil man sie wohl durch die Verfilmung des „Amerika“Romans durch Jean-Marie Straub und Danièle Huillet hindurch lesen muss).

Vielleicht sogar schon wieder ein neuer Ismus

„Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ ist der Versuch eines zeitgenössischen, linken, engagierten Films, und was dabei nahezu notgedrungen herauskommt, ist in hohem Maß reflexiv. Denn die Filmgeschichte ist ja schon voll mit (seinerzeit) zeitgenössischen, linken, engagierten Filmen von Eisenstein über Godard bis Achternbusch, und jeder Versuch, da irgendwo neu anzusetzen, wäre lächerlich – und zwar auf eine andere Weise lächerlich als die, in der Radlmaier sich in Gestalt seines defätistischen Alter Egos der Lächerlichkeit preisgibt. Wenn schon lächerlich, dann so, dass man daraus etwas lernen kann. Die Berliner Filmhochschule DFFB, aus der „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ kommt, war einmal das Paradeinstitut für die Sorte Filme, aus denen Julian Radlmaier nun seine Konsequenzen zieht. Er meidet dabei offensichtlich die leichten Gewinne der Ironie, sondern sucht nach einem Ernst, für den es im europäischen Kino auch bestimmte Traditionen gibt, vor allem eine franziskanische bei Roberto Rossellini.

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Wenn der Weltgeist mit der Stimme von Vögeln spricht, ist er auch nicht schwerer verständlich, als wenn man ihn aus Hegel, Marx und Lenin herauszulesen versucht. Julian und Camille und all die anderen vom Apfelproletariat machen auf dem Land so etwas wie eine revolutionäre Erfahrung, die sich allerdings zwischen Festbankett und ewiger Vollversammlung irgendwie auch wieder verläuft. Was konkret herauskommt, ist ein Film, einer im Film, und diese letzte halbe Stunde zählt zum Besten (und Lustigsten), was in Sachen Utopie seit langem zu sehen war. Auf Geheiß der Vögel wandert da eine kleine Abordnung von Gesellschaftsveränderern über die Alpen nach Italien, das Land, von dem schon Goethe meinte, es wäre ein Arkadien, und das hier als sozialistisches Paradies missverstanden wird. Im Süden ist bekanntlich alles möglich, sogar dass die Tomaten gratis sind. Mit dem Weltmarkt hat das ausnahmsweise nichts zu tun, eher schon mit dem lokalen Markt auf der Piazza, vor allem mit der „Armut im Geist“, von der Radlmaier sich wohl das Wunder erhofft, das auf einer besonderen Dialektik beruht: „ein paar Idioten gegen den Weltgeist“ können vielleicht mehr ausrichten als eine Internationale mit strammer Kaderorganisation.

Jedenfalls wäre das die Hoffnung, auf die Radlmaier zu setzen scheint, der damit vielleicht sogar schon wieder einen neuen Ismus auf den Weg bringt. Wenn der Mirakelismus bloß mal keine „wirre bürgerliche Schutzphantasie“ ist! Das müsste man am Ende den Hund fragen, aber der ist bloß schön, und seine Selbstkritik verstehen wohl nur Idealisten.

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