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Jürgen Vogel : „Man sieht doch, wie Männer Frauen kleinmachen“

  • Aktualisiert am

Jürgen Vogel: Silberner Bär für seine Gesamtleistungen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

„Der freie Wille“ heißt der neue Film von Jürgen Vogel. Er spielt einen Vergewaltiger - und wundert sich, daß Männer mit diesem Thema mehr Probleme haben als Frauen.

          „Der freie Wille“ heißt der neue Film von Jürgen Vogel. Er spielt einen Vergewaltiger - und wundert sich, daß Männer mit diesem Thema mehr Probleme haben als Frauen. Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat er von seinen neuen Erfahrungen erzählt.

          In Ihrem Film „Der freie Wille“ spielen Sie einen Mann, der neun Jahre wegen Vergewaltigung inhaftiert war und der beim Versuch scheitert, ein neues Leben zu beginnen. Sie haben mit dem Regisseur Matthias Glasner und mit Judith Angerbauer am Drehbuch mitgeschrieben. Wie kommt man auf die Idee, einen Film über einen Vergewaltiger zu machen?

          Matthias Glasner sprach mich an, ob ich Interesse hätte, so einen Film zu machen. Die Rolle steht in einer Tradition von Figuren, die mich beschäftigen. Es ging darum, die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der nach seiner Strafe versucht, wieder ein normales Leben zu beginnen. Was für ein Mensch ist das? Was für ein Kampf ist das, wenn dir bewußt ist, daß du etwas Schlimmes getan hast und zurück willst in die Welt?

          Jürgen Vogel mit Regisseur Matthias Glasner

          Wie erleben Sie die Reaktionen auf den Film?

          Ich habe selten so interessante Gespräche über einen Film geführt wie über diesen. Wobei Männer meist die größeren Probleme mit dem Film haben als Frauen. Das hätte ich nie gedacht, aber offenbar ist es schwer für Männer, die Nähe zu so einer Figur zu ertragen. Frauen scheinen eher zu akzeptieren, daß es solche Männer gibt. Als Mann da im Kinosaal zu sitzen ist ein echter Trip.

          Weil Männer ahnen: Der Typ ist nicht so weit weg von mir. Der Triebtäter steckt in jedem?

          Diesen Satz würde ich nie sagen. Aber was bewegt, ist, daß es ein Mann ist, der so etwas tut, und du dir als Mann das anguckst. Der Film erzählt ja auch von Distanz- und Kommunikationsproblemen mit Frauen - und mir kann kein Mann erzählen, daß er das nicht kennt. Es geht auch um Macht, um Unterdrückung, um Zerstörungswut gegenüber dem weiblichen Wesen. Und auch das kennen die meisten Männer - und sei es nur auf intellektuelle Art. Man sieht doch dauernd, wie Männer versuchen, Frauen kleinzumachen.

          Und das wollen Männer nicht sehen?

          Wenn Männer über den Film reden, tun sie oft so, als würden sie für Frauen sprechen. Männer fragen mich oft: Muß man das denn zeigen? Frauen fragen das viel seltener. Die finden zwar manche Szene schwer erträglich, aber verstehen, warum man die Geschichte erzählt. Ich nehme Männern diese Frage auch nicht ab: Ich weiß doch, was die sonst für Filme gucken. Die ziehen sich jedes Gemetzel rein, aber das hier können sie nicht sehen? Wenn mir Männer etwas über Gewalt in Filmen erzählen, denke ich immer: Okay, du bist auch so einer, der Gewalt in Filmen prinzipiell ablehnt, klar.

          Der Film kümmert sich um den Täter, nicht um die Opfer. Hatten Sie moralische Bedenken, diese Figur zu spielen?

          Nee, so will ich das auch gar nicht denken. Ich glaube, kaum jemand versteht, daß dieser Beruf Schauspieler gar nicht so ist, wie man immer denkt, daß er ist. Man müßte anders darüber reden, aber dann würde es komplizierter. Indem man immer auf die gleiche Weise darüber spricht, kann man leichter darüber schreiben. Und für Schauspieler ist es einfacher, eine Vorstellung von ihrem Beruf zu vermitteln, auch wenn die nicht stimmt. Ich glaube, daß kein Schauspieler, der so ein Buch vorgelegt bekommt, solche Zweifel hat. Sonst müßte er sich prüfen, ob das für den Beruf die richtige Haltung ist.

          Welche Haltung haben Sie denn?

          Bei Journalisten ist das doch nicht anders: Wenn du einen Artikel über einen Zuhälter schreiben willst, fragst du auch nicht: Kann ich mich mit so einem Menschen treffen? Du willst wissen, was das für ein Mensch ist, oder der Gesellschaft etwas zeigen, das sonst nicht beleuchtet wird. Wenn dich dann jemand fragt: Hattest du nicht Zweifel, diesen Typen zu treffen?, denkst du auch, das ist eine Frage, die nur Äußerlichkeiten berührt. Die Frage stellt sich vielleicht, wenn du jahrelang für Bunte geschrieben hast - oder wenn ich mein Leben lang nur Komödien gemacht hätte und nun zum ersten Mal so eine Figur spielen würde. Aber das ist bei mir ja nicht so.

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