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Jürgen Vogel „Man sieht doch, wie Männer Frauen kleinmachen“

20.08.2006 ·  „Der freie Wille“ heißt der neue Film von Jürgen Vogel. Er spielt einen Vergewaltiger - und wundert sich, daß Männer mit diesem Thema mehr Probleme haben als Frauen.

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„Der freie Wille“ heißt der neue Film von Jürgen Vogel. Er spielt einen Vergewaltiger - und wundert sich, daß Männer mit diesem Thema mehr Probleme haben als Frauen. Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat er von seinen neuen Erfahrungen erzählt.

In Ihrem Film „Der freie Wille“ spielen Sie einen Mann, der neun Jahre wegen Vergewaltigung inhaftiert war und der beim Versuch scheitert, ein neues Leben zu beginnen. Sie haben mit dem Regisseur Matthias Glasner und mit Judith Angerbauer am Drehbuch mitgeschrieben. Wie kommt man auf die Idee, einen Film über einen Vergewaltiger zu machen?

Matthias Glasner sprach mich an, ob ich Interesse hätte, so einen Film zu machen. Die Rolle steht in einer Tradition von Figuren, die mich beschäftigen. Es ging darum, die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der nach seiner Strafe versucht, wieder ein normales Leben zu beginnen. Was für ein Mensch ist das? Was für ein Kampf ist das, wenn dir bewußt ist, daß du etwas Schlimmes getan hast und zurück willst in die Welt?

Wie erleben Sie die Reaktionen auf den Film?

Ich habe selten so interessante Gespräche über einen Film geführt wie über diesen. Wobei Männer meist die größeren Probleme mit dem Film haben als Frauen. Das hätte ich nie gedacht, aber offenbar ist es schwer für Männer, die Nähe zu so einer Figur zu ertragen. Frauen scheinen eher zu akzeptieren, daß es solche Männer gibt. Als Mann da im Kinosaal zu sitzen ist ein echter Trip.

Weil Männer ahnen: Der Typ ist nicht so weit weg von mir. Der Triebtäter steckt in jedem?

Diesen Satz würde ich nie sagen. Aber was bewegt, ist, daß es ein Mann ist, der so etwas tut, und du dir als Mann das anguckst. Der Film erzählt ja auch von Distanz- und Kommunikationsproblemen mit Frauen - und mir kann kein Mann erzählen, daß er das nicht kennt. Es geht auch um Macht, um Unterdrückung, um Zerstörungswut gegenüber dem weiblichen Wesen. Und auch das kennen die meisten Männer - und sei es nur auf intellektuelle Art. Man sieht doch dauernd, wie Männer versuchen, Frauen kleinzumachen.

Und das wollen Männer nicht sehen?

Wenn Männer über den Film reden, tun sie oft so, als würden sie für Frauen sprechen. Männer fragen mich oft: Muß man das denn zeigen? Frauen fragen das viel seltener. Die finden zwar manche Szene schwer erträglich, aber verstehen, warum man die Geschichte erzählt. Ich nehme Männern diese Frage auch nicht ab: Ich weiß doch, was die sonst für Filme gucken. Die ziehen sich jedes Gemetzel rein, aber das hier können sie nicht sehen? Wenn mir Männer etwas über Gewalt in Filmen erzählen, denke ich immer: Okay, du bist auch so einer, der Gewalt in Filmen prinzipiell ablehnt, klar.

Der Film kümmert sich um den Täter, nicht um die Opfer. Hatten Sie moralische Bedenken, diese Figur zu spielen?

Nee, so will ich das auch gar nicht denken. Ich glaube, kaum jemand versteht, daß dieser Beruf Schauspieler gar nicht so ist, wie man immer denkt, daß er ist. Man müßte anders darüber reden, aber dann würde es komplizierter. Indem man immer auf die gleiche Weise darüber spricht, kann man leichter darüber schreiben. Und für Schauspieler ist es einfacher, eine Vorstellung von ihrem Beruf zu vermitteln, auch wenn die nicht stimmt. Ich glaube, daß kein Schauspieler, der so ein Buch vorgelegt bekommt, solche Zweifel hat. Sonst müßte er sich prüfen, ob das für den Beruf die richtige Haltung ist.

Welche Haltung haben Sie denn?

Bei Journalisten ist das doch nicht anders: Wenn du einen Artikel über einen Zuhälter schreiben willst, fragst du auch nicht: Kann ich mich mit so einem Menschen treffen? Du willst wissen, was das für ein Mensch ist, oder der Gesellschaft etwas zeigen, das sonst nicht beleuchtet wird. Wenn dich dann jemand fragt: Hattest du nicht Zweifel, diesen Typen zu treffen?, denkst du auch, das ist eine Frage, die nur Äußerlichkeiten berührt. Die Frage stellt sich vielleicht, wenn du jahrelang für Bunte geschrieben hast - oder wenn ich mein Leben lang nur Komödien gemacht hätte und nun zum ersten Mal so eine Figur spielen würde. Aber das ist bei mir ja nicht so.

Was muß eine Figur denn haben, damit sie Sie reizt?

Oft hat man sofort das Gefühl: Das sind erfundene Figuren. Man weiß, solche Menschen gibt es eigentlich nicht. Mich interessieren Menschen, die man auch in der S-Bahn treffen könnte, Menschen, die eine Geschichte haben. Auch wenn die vielleicht schlimme Dinge getan haben, habe ich das Gefühl, das ist realer als das, worüber wir zehn Jahre lang Filme gemacht haben. All diese Komödien mit Kunstfiguren, die es im wirklichen Leben nicht gibt.

Wenn Ihnen jetzt jemand Spiderman anböte

. . . Würde ich sofort machen. Geiles Kostüm! Ich finde überhaupt nicht, daß man bestimmte Sachen nicht machen sollte, im Gegenteil, je größer das Spektrum, desto schöner ist das.

Deshalb also auch ab und an ein Kinderfilm wie TKKG?

Ja. Meine kleine Tochter ist jetzt sieben. Ich freue mich schon darauf, mit ihr ins Kino zu gehen, wenn der Film rauskommt. Als ich vor ein paar Jahren den Bösewicht in Emil und die Detektive gespielt habe, rieten mir manche ab: Kannst du nicht machen, dann hast du eine ganze Generation gegen dich. Dabei wollen heute noch fünfzehnjährige Mädchen Autogramme von mir, weil sie damals den Film gesehen haben. Die finden es immer noch geil, daß ich da der Böse war.

Was war Ihr prägendstes Kinoerlebnis als Kind?

Bambi. Da hab' ich geheult wie ein Schloßhund.

Gehen Sie gern mit Kindern ins Kino?

Ja. Die gucken total unverbraucht, haben nicht dieses Kritikerdenken, sondern sind direkt drin in der Geschichte. Sehr direkt, so: Den fand ich total blöd.

Machen Kinder schlauer?

Auf jeden Fall. Man wird mit Kindern schlauer, weil man immer wieder Dinge erfährt, die man so noch nicht kannte.

Sie haben inzwischen vier.

Ja, aber die sind alle schon über den Berg. Die sind 20, zweimal 17, und die Kleine ist erst sieben. Das ist keine Arbeit mehr, das war anders, als sie noch klein waren.

Sie waren zwanzig, als Sie das erste Mal Vater wurden. War das gewollt?

Ja, das wollte ich schon. Das war auch cool, so jung Vater zu sein. Das hat Vorteile. Man denkt über viele Sachen nicht so nach, wenn man jung ist.

Wie finden Sie dann Männer in Ihrem Alter, die immer noch nicht so recht wissen, ob sie jetzt Kinder wollen oder nicht?

Da muß ich echt lachen, weil ich immer denke, das ist Quatsch. Das Argument ist ja immer, man sei noch nicht so weit. Wie lange braucht man inzwischen, um erwachsen zu werden - 35 Jahre? Wenn die wenigstens sagen würden: Kein Bock, ich will lieber meine Freiheit, o.k. Ich habe nichts gegen Egoismus. Aber die meisten sagen ja ernsthaft: Ich weiß nicht, ob ich die Verantwortung für ein Kind tragen kann. Da frag' ich dann immer: Du bist jetzt 35 und kannst keine Verantwortung übernehmen? Ich finde das unsexy. Was wollen die denn? Noch weiter spielen, ausprobieren und wiederholen - und mit 35 noch in der Disco stehen und den Zampano machen? Das ist doch armselig. Wo ist da der Unterschied zu Rolf Eden - außer daß der vierzig Jahre älter ist? Wann hört das auf?

Wollten Sie auch deshalb früh Familie, weil Sie mit fünfzehn von zu Hause ausgezogen sind?

Ich mochte einfach Kinder. Die Idee, ein Baby um mich herum zu haben, fand ich geil. Ich hatte mit zwanzig nicht das Gefühl, ich hätte nichts gesehen. Ich dachte, ein paar Sachen kenne ich schon. Es gab nichts, was mich vom Kinderkriegen abgehalten hätte. Ich saß nicht lieber abends in der Disco.

Also steckte kein Plan dahinter?

Nee, gar nicht, es ist einfach passiert, und dann war ganz klar, ich will. (Vogel guckt zum Nebentisch, wo ein ziemlich fröhlicher kleiner Junge im Babystuhl mit einem Quietschtier spielt.) So'n kleiner Scheißer ist doch geil. Da kommt ja später noch besseres Spielzeug, Autos und was da noch alles kommt. Ich find' das super.

Die Fragen stellte Sascha Lehnartz.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.08.2006
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