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Journalismus im Irak Zwischen allen Fronten

20.02.2006 ·  Kein Land ist für Journalisten gefährlicher als der Irak. Maziar Bahari berichtet seit 2003 regelmäßig für die BBC und Channel 4 aus den Kriegsgebieten. Jetzt hat er einen Film über seine Arbeitsbedingungen gedreht.

Von Petra Tabeling
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Als Andrew Berends 2004 in den Irak fuhr, hatte er keine Ahnung, was ihn erwartete. Aber eines wußte der junge Filmemacher aus New York: Er wollte die irakische Seite kennenlernen, die der Bevölkerung, die der Zivilisten in einem Krieg, in dem es keine Gewinner geben kann. Der Dreißigjährige lieh sich Geld und hatte nichts anderes im Gepäck als ausreichende Kleidung, eine Filmkamera und eine gehörige Portion Mut. Der blonde Hüne lebte ein halbes Jahr lang bei einer irakischen Familie und begleitete ihren täglichen Kampf ums Überleben.

Der älteste Sohn und Ernährer der Familie war bei einem amerikanischen Luftangriff ums Leben gekommen. Berends filmte Bombenangriffe und Aufstände. Er hatte Glück, daß ihn umherfliegende Geschosse nur um Haaresbreite verfehlten. War das naiv? Unvernünftig vielleicht, meint der amerikanische Staatsbürger heute. Aber eine Alternative in Form von Sicherheitsschutz wäre für ihn nicht in Frage gekommen, nicht nur, weil ihm das Geld dazu fehlte. „Ich weiß nicht, wie ich mit all diesen Lasten sonst einen authentischen und guten Film hätte machen können. Ich wollte so nah wie möglich an den Menschen sein. Für mich war es dabei das Wichtigste, offen und ehrlich zu bleiben und sich wie ein normaler Mensch zu verhalten. Und das geht nicht mit Bodyguards, Waffen und umfassender Ausrüstung“, verteidigt Berends seine Recherchen heute.

Nur als Ware geschätzt

Auch Maziar Bahari war zur selben Zeit wie Berends im Irak. Der kanadisch-iranische Journalist berichtet seit 2003 regelmäßig für die BBC und Channel 4 aus den Kriegsgebieten. Wenn er mit seinem Kamerateam und Übersetzer losfährt, dann folgen ihm stets mehrere Begleitfahrzeuge mit irakischen Leibwächtern: „Mindestens eines vorne und eines hinter uns.“ Und das ist Bahari auch recht so, weil die Gefahr von Entführungen einfach zu groß ist: „Entweder wird man als Fremder gehaßt oder als lukrative Ware gesehen, mit der man handeln kann. Du kannst niemandem vertrauen, weil dir keiner die Wahrheit erzählt über das, was sie tatsächlich im Irak machen, weder das Militär noch die sunnitischen oder schiitischen Gruppen. Es ist sehr schwer für uns, an Informationen zu kommen. Also muß man sich auf die Informationen verlassen, die bestimmte Leute dir zu einer bestimmten Zeit geben.“

Dieses Dilemma von Journalisten hat Maziar Bahari in seinem letzten Film festgehalten, den er im Auftrag der kanadischen CBC drehte, eine Dokumentation über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Medienarbeitern im Irak. Der treffende Titel seines Films: „Targets: Reporters in Iraq“. Es geht um Korrespondenten, Fotografen und Kameraleute, die „embedded“, also eingebettet im Schutz der amerikanischen Truppen, arbeiten oder sich auf eigene Faust mit - oder auch ohne - Sicherheitsschutz in dem Land bewegen, Journalisten als gezielte Opfer von Entführungen oder als zivile Opfer in blutigen Auseinandersetzungen.

Das gefährlichste Land der Welt

Bahari skizziert die restriktiven Sicherheitsbedingungen für westliche Journalisten und spricht mit Entführungsopfern. Sein Film zeigt, wie viele unberechenbare Gefahren auf Journalisten im Irak lauern. Seit Ausbruch des Irak-Krieges im März 2003 kamen nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen (ROG) mehr als achtzig Journalisten ums Leben. Die amerikanische Organisation Comitee to protect journalists (CPJ) schätzt die Zahl auf 61, aber niemand weiß es so genau. Sicher ist nur: Damit ist der Irak das gefährlichste Land der Welt für Journalisten. Zwei Drittel der im Irak getöteten Journalisten sind irakischer Nationalität.

Vor allem seit der Offensive der amerikanischen Armee in Falludscha im November 2004 sind die Bedingungen wesentlich härter geworden, die Entführungen haben zugenommen. Bislang wurden, nach Angaben von ROG, 35 Medienleute entführt, fünf Geiseln, vier Iraker und der italienische Journalist Enzo Baldoni, getötet. Unlängst erschienen Giuliana Sgrenas Erlebnisse ihrer Entführung auf deutsch (“Friendly Fire. Als Geisel zwischen den Fronten“). Die Reporterin der Tageszeitung „Il Manifesto“ wurde im Februar 2005 entführt, bei ihrer Befreiung von amerikanischen Kugeln schwer verletzt, ein italienischer Geheimdienstmitarbeiter starb. Ungewiß ist bislang das Schicksal der achtundzwanzigjährigen amerikanischen Journalistin Jill Carroll, die am 7. Januar von irakischen Rebellen in Bagdad entführt und deren Dolmetscher erschossen wurde.

Viele fahren auf eigene Faust

Lynn Tehini, die Beauftragte für den Nahen Osten von Reporter ohne Grenzen, faßt die Umstände so zusammen: „An erster Stelle steht die fehlende Sicherheit im Land, weil sich im Krieg viele Banden und Splittergruppen herausgebildet haben, die damit unterschiedliche Ideologien verfolgen. Dann gibt es die vielen Terroranschläge und die amerikanische Armee, die ebenso eine Gefahr für Journalisten darstellt, weil sie ,aus Versehen' tötet.“ Damit spielt Tehini auf bislang ungeklärte Todesfälle von Journalisten an, die im „friendly fire“ starben, im Kugelhagel amerikanischer Geschosse. Nach wie vor sind die Vorfälle um das Bagdader Journalisten-Hotel „Palestine“ am 8. April 2003, an dem eine amerikanische Panzergranate in das Hotel einschlug und zwei Korrespondenten tötete, nicht völlig aufgeklärt. Reporter ohne Grenzen kritisiert zudem die Inhaftierung zweier Journalisten im Irak und in Guantanamo durch die Vereinigten Staaten. Sie würden unter dem Verdacht festgehalten, mit Aufständischen zu kollaborieren, so die Organisation, die eine Untersuchung dieser Vorgänge fordert.

Viele westliche Medien greifen mittlerweile auf irakische Korrespondenten zurück, und auch die großen deutschen Fernsehsender betreuen das Gebiet von Jordanien oder Ägypten aus. Dennoch arbeiten nach wie vor auch viele freie Journalisten im Irak. „Das Problem ist, daß wir nicht darüber informiert werden, wenn sie auf eigene Faust in den Irak fahren. Deshalb wissen wir nicht, wie viele sich dort aufhalten. Was wir aber wissen, ist, daß sie großen Gefahren ausgesetzt sind, wenn sie nur mit einem Übersetzer oder ein, zwei Begleitpersonen arbeiten. Das ist nicht genug“, meint Lynn Tehini von ROG. Sicherheit koste Geld, sei aber der Preis, den man zahlen müsse, um zu überleben. Tehini fordert Journalisten auf, sich vorher bei der Organisation nach der aktuellen Sicherheitslage zu erkundigen, auch, um später mit ihnen in Verbindung bleiben zu können.

Aus Dolmetschern werden „Kollaborateure“

Doch nicht jeder freie Journalist kann oder will für diese Sicherheit zahlen. Viele setzen auf unauffälliges Verhalten und gute Landeskenntnisse. Zum Beispiel Hannah Allam. Die Reporterin arabischer Herkunft berichtete zwei Jahre lang für eine große amerikanische Tageszeitung aus dem Irak. Sie spricht fließend Arabisch und unterscheidet sich auch sonst äußerlich nicht sonderlich von einer Irakerin. Doch ihr amerikanischer Paß kostete die Familie ihrer Dolmetscherin das Leben, weil diese mit Amerikanern wie Hannah „kollaborierten“, wie es im Bekennerschreiben der Attentäter hieß. „Wir nehmen viel auf uns, um den Lesern oder Zuschauern ein möglichst vollständiges Bild des Krieges zu liefern“, so Allam.

Auch die entführte freie Journalistin Jill Carroll wollte ihren Lesern der Christian Science Monitor diesen Irak nahebringen. Seit sechs Wochen befindet sie sich nun schon in der Hand ihrer Entführer. Sie verlangen die Freilassung aller weiblichen Gefangenen in amerikanischem Gewahrsam im Irak und haben ein neues Ultimatum gesetzt. Das läuft am 26. Februar aus.

Quelle: F.A.Z., 20.02.2006, Nr. 43 / Seite 38
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