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Veröffentlicht: 28.04.2017, 10:48 Uhr

„Wrong Elements“ im Kino Gibt es eine Rückkehr aus dem Grauen?

Jonathan Littell hat als Schriftsteller nicht nur im Roman „Die Wohlgesinnten“ geschichtliches Grauen erkundet. Jetzt hat er in Uganda einen Film über Kindersoldaten gedreht: „Wrong Elements“.

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© Bénédicte Kurzen/ Neue Visionen Filmverleih Nicht allen Kindersoldaten wird Vergebung zuteil. Viele von ihnen wollen auch keine.

Der Schriftsteller Jonathan Littell hat einen Film gedreht. Es ist sein erster, er ist drastisch im Thema – es geht um ehemalige Kindersoldaten der ugandischen „Lord’s Resistance Army“ des international wegen zahlloser Kriegsverbrechen gesuchten Joseph Kony. Braucht Littell diese Extreme, sind Krieg und Gewalt seine Inspirationsquellen, und wenn ja, ist das ein Manko? Umgekehrt gefragt: Was ist dabei herausgekommen?

Verena Lueken Folgen:

„Wrong Elements“ ist ein Dokumentarfilm, der mit einiger Sensibilität versucht, genau das nicht zu tun, was wir von einem Dokumentarfilm über afrikanische Kindersoldaten vom Autors der „Wohlgesinnten“ und der „Notizen aus Homs“ erwarten. Das heißt, es gibt keine Sensationen in diesem Film. Keine überwältigenden Bilder, auch wenn einige Minuten im Dickicht und unter Würmern die Faszination spüren lassen, die Littell anderswo für den Dschungel geäußert hat. Aber hier hören wir nur Geräusche und sehen undurchdringliche Verwachsungen der Natur. Der eigentliche Schauplatz dieses Films ist der Busch, weite Savannen mit mannshohem Gras, Insekten, alles schlecht für die Orientierung. Auch führt uns der Film zu einigen Dörfern und dem staubigen Städtchen Gulu, in dem Geofrey und Mike als Motorrad-Taxifahrer ihr Geld verdienen, und wo auch Nighty lebt, die mit Kony zwangsverheiratet war und ein Kind von ihm hat. Sie versuchen Fuß zu fassen in einem Leben nach dem Terror, einem Leben als Mörder und Opfer zugleich. Die drei besuchen Orte ihres Leids wie ihrer Verbrechen, sie laufen gemeinsam, wie sie wahrscheinlich als Soldaten gemeinsam gelaufen sind, und Littell wartet, bis die Erinnerung kommt.

Unaussprechliche Grausamkeiten

Mehr als 60.000 Kinder soll Kony in den letzten fünfundzwanzig Jahren entführt und zu Soldaten und Sexsklaven herangezogen haben. Die Grausamkeiten, mit denen seine „Lord’s Resistance Army“ seit den späten Achtzigern in den Grenzgebieten zwischen Uganda, dem Kongo und Sudan gewütet hat, sind unaussprechlich. Bezeugen können das die Überlebenden, Mütter, deren Kinder vor ihren Augen zerhackt wurden, und die Täter. Sie waren selbst Kinder, als sie gekidnapped wurden und zu töten lernten. Nachdem ihnen eine Amnestie versprochen wurde, kehrten viele aus dem Busch in eine Gesellschaft zurück, die ihnen verzeihen sollte. Wie konnte das gehen? Konnte es gehen? Und wer kam da eigentlich aus dem Busch zurück? Monster, Schlächter, Opfer, Versehrte, wie Gefrey und Mike und Nighty? Oder Lapisa, die völlig verstört auf dem Land lebt?

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Jonathan Littell interessiert sich für Täter. Dafür, was ihre Taten mit ihnen machen, umso mehr, wenn sie zu diesen gezwungen werden. Er hat nach seinem internationalen Erfolg mit dem aus der Ich-Perspektive eines SS-Mannes erzählten Holocaust-Roman „Die Wohlgesinnten“ 2006 jahrelang als Mitglied einer französischen NGO im Kongo und in Sierra Leone gearbeitet. Er hat aus dem Krieg in Syrien berichtet. Auch die Geschichte der Kindersoldaten ist spektakulär, denn Konys Armee wurde vermeintlich von Geistern geführt, die durch Kony sprachen – in einer Gesellschaft, deren Glaubenssystem von Geistern beherrscht wird.

Der Versuch einer Vergebung

Aber Littell erliegt dem Spektakulären nicht. Seine Bilder sind manchmal fast taub, glanzlos. Wir hören ihn aus dem Off Fragen stellen, leise, zögernd, und die Antworten, die er bekommt, sind nicht immer so, wie wir uns das vielleicht wünschen. Nur Geofrey, der Eloquenteste der vier, scheint zu verstehen, was in seinem Leben geschehen ist und was er selbst getan hat, und er versucht über die Begegnung mit Überlebenden eines Dorfs, das von einem Massaker, an dem er offenbar beteiligt war, fast völlig ausgelöscht wurde, Vergebung.

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Littell lässt seine vier Figuren an die Orte ihrer Geschichte zurückkehren und dort teilweise nachstellen, was geschehen ist, teilweise erzählen. Einmal wohnen wir einer Geisteraustreibung von Lapisa bei, und in gewisser Weise ist der ganze Film eine Geistergeschichte, die in ausgeblichenen Farben daherkommt, als könnten im dunstigen Licht jeden Augenblick Wesen aus einer anderen als menschlichen Materie Gestalt annehmen. Die Furcht vor diesen Geistern war es maßgeblich, mit der die Kinder gefügig gemacht wurden. Sie bleiben für sie real.

Allein mit ihrer Geschichte

Während der Dreharbeiten im Januar 2015 wurde Dominic Ongwen gefasst, der ebenfalls vom Internationalen Gerichtshof gesucht wurde. Er stellte sich in dem Glauben, die Amnestie gälte auch für ihn, die rechte Hand von Kony. Das war ein Irrtum. Er steht in Den Haag vor Gericht, aber Littell meinte im Gespräch, es liefen viel grausamere Männer und Frauen als Ongwen in Uganda frei herum.

Was löst ein solcher Film in den Menschen aus, die in ihm auftreten? Sie werden allein mit ihrer Geschichte bleiben. Aber wir haben aus weiter Entfernung eine Ahnung bekommen, was das heißt.

© Neue Visionen Kinotrailer: „Wrong Elements“
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