http://www.faz.net/-gqz-8x9u5

Regisseur Jonathan Demme tot : Nicht nur „Das Schweigen der Lämmer“

  • Aktualisiert am

Jonathan Demme (1944 - 2017). Bild: AFP

Jonathan Demme war ein Regisseur des großen Unterhaltungskinos. Mit dem Schocker „Das Schweigen der Lämmer“ setzte er einen Meilenstein der Kinogeschichte. Nun ist Demme im Alter von 73 Jahren gestorben.

          Mehr als sechzig Filme hat Jonathan Demme gedreht. Doch keines seiner Werke ist annähernd so präsent wie „Das Schweigen der Lämmer“ mit Jodie Foster und Anthony Hopkins in den Hauptrollen. Der Film aus dem Jahr 1991 hat in den Köpfen von Millionen Kinogängern Bilder hinterlassen.

          Dafür sorgte vor allem das Gesicht des Serienkillers Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins), fast völlig verdeckt von einem ledernen Maulkorb. Demme trieb seine Schauspieler immer wieder zu extremer Darstellung an. Unter seinen Regieanweisungen verwandelte sich Anne Hathaway in der Komödie „Rachels Hochzeit“ (2008) in die kaputte, kettenrauchende Schwester der Braut. Demme drehte noch bis kurz vor seinem Tod. Am Mittwoch starb er im Alter von 73 Jahren.

          Für „Das Schweigen der Lämmer“ gab es den Oscar: Jonathan Demme (links) mit Jodie Foster und Anthony Hopkins.

          Der 1944 in Long Island, New York geborene Filmemacher hatte sich als Student zunächst für Chemie und Veterinärmedizin eingeschrieben. Neben dem Studium verfasste der Kino-Fan Filmkritiken und Werbetexte für Filmproduktionen. Als er in den siebziger Jahren den Produzenten Roger Corman kennenlernte, wechselte Demme endgültig das Fach und fing als Drehbuchschreiber an.

          Sein erster Film für Corman war ein in einem Frauenzuchthaus angesiedelter spekulativer Streifen mit dem Titel „Caged Heat“ (1974). Weitere Produktionen waren das Roadmovie „Crazy Mama“ (1975) und die im ländlichen Arkansas spielende Rächergeschichte „Fighting Mad“ (1976) mit Peter Fonda in der Hauptrolle. Bald schon aber profilierte sich Demme als meisterlicher Jongleur zwischen den Genres.

          Ein Film mit den Talking Heads

          Es folgten Regiearbeiten für Kino und Fernsehen, etwa bei der Krimiserie „Columbo“ mit Peter Falk. Demmes Dokumentarfilm „Stop Making Sense“ (1984) über die Band Talking Heads zählt nach Meinung vieler Kritiker zu den besten Musikfilmen. Daneben begeisterte sich Demme für Musikvideos und stand Popstars wie Bruce Springsteen, Suzanne Vega und Chrissie Hynde als Regisseur zur Seite.

          „Das Schweigen der Lämmer“ brachte Demme endlich den Oscar für die beste Regie ein, zudem war der Psychoschocker sein erster großer Erfolg an den Kinokassen. Mit dem Aidsdrama „Philadelphia“ erntete Demme zwei Jahre später abermals Applaus und eine weitere Oscar-Nominierung. Tom Hanks in der Rolle eines Aidskranken wurde 1994 mit dem Oscar ausgezeichnet. Demme hatte zuvor mit der Gangsterkomödie „Die Mafiosi-Braut“ 1988 seine erste Oscar-Nominierung errungen.

          Jonathan Demme mit Meryl Streep und Denzel Washington im Jahr 2004 bei den Filmfestspielen in Venedig.

          Mit dem Südstaaten-Epos „Beloved“ (1998), nach dem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman der späteren Nobelpreisträgerin Toni Morrison, inszenierte Demme einen Film über die Sklaverei in Amerika. Die düster-mystische Geschichte aus dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts erzählt von der auf sich allein gestellten ehemaligen Sklavin Sethe (Oprah Winfrey), die von den Schatten der Vergangenheit in Gestalt ihrer jüngsten Tochter heimgesucht wird, die sie einst getötet hatte, um ihr die Sklaverei zu ersparen. Die Fachkritik lobte Deems behutsame Umsetzung des schwierigen Stoffs, das amerikanische Filmpublikum dagegen reagierte dagegen eher verhalten bis irritiert.

          Nelson Mandela und Jimmy Carter

          Obwohl Demmes Filmarbeit vom Anspruch her vor allem exzellent inszeniertes Unterhaltungskino war, widmete er sich immer wieder kleinen, selbst finanzierten Produktionen und Dokumentarfilmen. Für seine Dokumentation über den südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela erhielt er 1997 den Pare Lorentz Award. Demme war Gründungsmitglied der Organisation „Artists for Democracy“ in Haiti und widmete sich in der Dokumentation „The Agronomist“ (2003) der Geschichte des ermordeten haitianischen Journalisten und Menschenrechtlers Jean Dominique. In einem weiteren Dokumentarfilm begleitete Demme den früheren amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter auf einer Lesereise seines umstrittenen Buchs „Palestina. Peace not Apartheid“ durch die Vereinigten Staaten. Für „Jimmy Carter. Man from Plains“ (2007) erhielt Demme drei Auszeichnungen beim Filmfestival von Venedig. Gleich drei Konzertfilme drehte er ab 2006 mit dem Rockmusiker Neil Young.

          Keinen Erfolg hatte Demme als Regisseur später mit dem Remake des Audrey Hepburn/Cary Grant-Thrillers „Charade“: Seine Version mit dem Titel „Die Wahrheit über Charlie“ floppte in 2002 an den amerikanischen Kinokassen und kam in Europa gar nicht erst an. Doch er versöhnte Kritiker und Publikum mit der Neuverfilmung des Klassikers „Der Manchurian Kandidat“ (2004) mit Denzel Washington und Meryl Streep. Auf Spielfilme aber hatte Demme in seinen späten Jahren nicht sein Hauptaugenmerk gelegt. Er war nicht erpicht auf weitere Blockbuster: „Warum“, sagte er einmal im Gespräch mit der F.A.Z. (28. März 2009), „sollte ich einem weiteren Nummer-eins-Hit hinterherjagen, wenn ich die Möglichkeit habe, einen wirklich interessanten Film zu machen?“

          Jonathan Demme starb am Mittwochmorgen im Alter von 73 Jahren in seiner Wohnung in New York. Er hinterlässt seine Frau und drei Kinder.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          „Nur ein kleiner Gefallen“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Nur ein kleiner Gefallen“

          Paul Feig hat den amerikanischen Bestseller von Autorin Darcey Bell „Nur ein kleiner Gefallen“ verfilmt. Ab dem 8. November läuft der Thriller in den deutschen Kinos.

          Topmeldungen

          Nach 34 Jahren : ARD-Serie „Lindenstraße“ wird eingestellt

          Die ARD-Fernsehserie „Lindenstraße“ wird nach 34 Jahren beendet. Die letzte Folge soll im März 2020 laufen. Hans W. Geißendörfer, der Erfinder der Serie, kritisiert die Entscheidung scharf: Hier gehe es um Haltung.

          Zukunftstechnik 5G : So sollen die Deutschen superschnelles Internet erhalten

          Autonom fahrende Autos, das Internet der Dinge, sich selbst steuernde Fabriken – der neue Mobilfunkstandard 5G gilt als Basistechnik für die digitale Welt von morgen. Nun gibt es den „finalen Entwurf“ für die Versteigerung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.