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Johannes B. Kerner „Das war wohl mein letzter Börsengang“

25.06.2006 ·  Fußball, Talk-Shows und Reklame: Johannes B. Kerner prägt das Gesicht des ZDF wie kein Zweiter. Deshalb bekommt er auch einen neuen Vertrag bis 2009. Werbeauftritte muß sich Kerner von nun an aber genehmigen lassen.

Von Michael Hanfeld
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Das ZDF und Johannes B. Kerner haben eine lange gemeinsame Geschichte. Seit Ende 1997 wirkt der Moderator für den Sender. Den Lehrjahren bei Sat.1, wo er in der Sportshow „ran“ und seiner Talk- Sendung „Kerner“ präsent war, folgten die Herrenjahre beim ZDF. Bis zum 31. Dezember 2009 läuft der neue Dreijahresvertrag, und obwohl die Verhandlungen darüber von der Kritik an Kerners Werbeauftritten für den Börsengang von Air Berlin überschattet waren, scheint alles eitel sonnig.

Das ZDF kann nicht ohne Kerner, und Kerner wird nicht ohne weiteres einen anderen Sender finden, bei dem er soviel Freiraum genießt wie bei den Mainzern.

Locker über der zweistelligen Quote

145 Ausgaben seiner Show pro Jahr haben er und der Programmdirektor Thomas Bellut vereinbart, hinzu kommen Auftritte im Sport und bei großen Shows. Was die Präsenz auf dem Bildschirm angeht, könnte Günther Jauch bei RTL (und demnächst der ARD) wohl mithalten, der auch täglich wie das Murmeltier seine Zuschauer grüßt. Doch es wäre falsch, die Symbiose zwischen der programmprägenden Medienfigur und dem Sender für eine liaison sentimentale zu halten.

In Kerners Vertrag stehen ein - wie wir annehmen - ordentliches Honorar und eine zweistellige Quotenvorgabe. Er liege locker drüber, sagt Programmchef Bellut, und es sei nichts Anstößiges daran, meint Kerner. Schließlich wolle er nicht ins Nirgendwo senden. Was die Werbung angeht, hat er seine Lehre aus dem Fall Air Berlin gezogen. Und der Programmdirektor auch. Allerdings eine ganz andere, als die Kritiker von Kerners Air-Berlin-Kampagne es sich vorstellen dürften.

Doch fangen wir an beim Fußball, der dieser Tage alles überstrahlt, die maßlosen Steuermaßnahmen in Berlin und die Untergangsrhetorik, bei der Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits nach einem Dreivierteljahr Regierungszeit angelangt ist. Was ist von der Begeisterung zu halten? „Ich empfinde diesen Patriotismus ohne Nationalismus als eine großartige Sache“, sagt Kerner im Gespräch mit dieser Zeitung.

Lust auf Erfolg

„Als Journalist bin ich im Studio eher zurückhaltend. Ich mache meinen Job. Aber man spürt die gute Laune der Leute, und es gibt keinen Grund, das auf dem Sender zu unterdrücken. Ich würde mich freuen, wenn die gute Stimmung anhält, unabhängig vom Fortkommen der Nationalmannschaft. Aber ich mache mit Ihnen eine Wette: Der erste, der in Deutschland wieder jammert, ist der Präsident des Einzelhandelsverbands, der am ersten verkaufsoffenen Sonntag vor Weihnachten sagt, daß zuwenig Geschenke gekauft worden sind. Wenn die gute Stimmung bis dahin anhält, haben wir viel geschafft. Man spürt, daß eine Generation heranwächst, die ganz unverkrampft mit den nationalen Symbolen umgeht.“

An seinem Job begeistere ihn, sagt Kerner, „die Vielfalt. Ich habe mir schon die Frage gestellt, ob ich mich auf etwas konzentrieren sollte. Ich wollte den Sport, aus dem ich komme, aber nie aufgeben. Ich habe als Praktikant in der Sportredaktion des SFB angefangen.“

Ob er ein Workaholic ist? „Überhaupt nicht. Das Größte ist für mich, nicht zu arbeiten, aber ich komme halt so selten dazu. Ich bin erfolgshungrig. Ich habe Lust, Erfolg zu haben, mir macht es Spaß, auf Akzeptanz zu treffen. Aus dem Alter, in dem es einem um schiere Aufmerksamkeit auf dem Bildschirm geht, bin ich raus.“ Und wie sieht es mit Abwerbeangeboten aus, muß es das ZDF sein? „Ich hatte ein Angebot von Chelsea. Aber machen Sie sich keine Sorgen: Ich bin gern beim ZDF.“

Zwischen Politik und Unterhaltung

Konfliktfrei ist Kerners Wirken beim ZDF freilich nicht. Was er in seiner Show macht, kommt dem Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, nicht selten in die Quere. Die Berichterstattung zu dem Mehrfachmord in Erfurt zum Beispiel beschwor im Sender im Jahr 2002 einen harten Disput herauf. Den Kerner wiederum inhaltlich nicht nachvollziehen und ins Positive wenden will.

Wenn die Debatte über das Interview, das er damals mit einem elfjährigen Augenzeugen führte, dazu beigetragen habe, das Nebeneinander der Programmdirektion, die im ZDF für die Unterhaltung steht, und der Chefredaktion, die das Informationsprogramm verantwortet, aufzubrechen, sei das doch „eventuell sinnstiftend“ gewesen.

Darin springt ihm der Programmdirektor Bellut, der als Chef der Innenpolitik zuvor im Beritt des Chefredakteurs Brender unterwegs war, bei: „Kerners Sendung funktioniert für sich. Sie hat die Pflicht, zu bringen, was interessant ist. Und also bringt sie nicht nur Unterhaltung, sondern auch gelegentlich sehr interessante politische Gespräche, zum Beispiel mit Helmut Kohl, oder schwere Themen wie etwa Kindesmißbrauch.“ Mit seinem „Sendegefäß“, meint Kerner, und dessen verläßlicher Programmierung, „haben wir uns eine gewisse Freiheit erarbeitet, nicht nach Gutdünken, sondern weil wir glauben: Das sind die relevanten Themen.“

Werte im grünen Bereich

Relevant ist im Fernsehen, was und wer die Quote holt. Deshalb ist es kein Wunder, daß der Programmdirektor den Erfolg Kerners auch mit Blick auf die Konkurrenz mißt: „Die ARD“, sagt Bellut, „hat mit ihrer Programmreform in diesem Jahr alles unternommen, um Kerner anzugreifen. Doch das hat nicht funktioniert. Wir sind noch besser geworden. Man sieht regelrecht, wie die anderen sich an ihm abarbeiten.“ Und Kerner ergänzt: „Uns wurde bei der Vervierfachung meines Talks gesagt, ihr werdet zwei Probleme haben: die Quote und die Zahl der Gäste. Beides ist kein Problem.“

Und wie wichtig ist eine programmprägende Figur? „Sehr wichtig“, meint Bellut: „Für meinen Bereich sind das Thomas Gottschalk, Johannes B. Kerner und Carmen Nebel; für die Chefredaktion Claus Kleber, Marietta Slomka, Petra Gerster und Steffen Seibert. Sie führen die Zuschauer an den Sender heran. Das ist eine ideale Form der Bindung. Die Zuschauer spüren es, wenn eine Sendung nicht da ist, und - vermissen sie. Die Figuren sind nicht das Programm, aber ein entscheidender Faktor.“

Sie führten häufig Gespräche, so Kerner, „die mit der Frage beginnen: Ist es nicht zuviel, was du machst? Und es endet damit: Kannst du nicht auch die Sommerpause durchmachen?“ Er achte schon darauf, „daß die Marke Kerner so frisch bleibt, wie sie ist“, sagt Bellut. „Ich wäre der erste, der es merken würde, wenn wir überreizen. Doch unsere - also Kerners - Werte sind alle im grünen Bereich.“

Kommerzielle Auftritte müssen genehmigt werden

Die Konfliktlinien verlaufen erkennbar nicht zwischen dem Moderator und dem Programmdirektor, auch nicht in der Frage der Trennung zwischen Journalismus und Werbung, die Kerners Reklame für den Börsengang von Air Berlin aufwarf und die den ZDF-Chefredakteur Brender zu dem griffigen Statement veranlaßte: „Ein Journalist wirbt nicht.“

Sein Kollege Bellut sieht das anders: „Es gibt in Deutschland eine Handvoll Top-Moderatoren: Kerner, Gottschalk, Pilawa. Das sind Journalisten, aber auch Moderatoren von Talk- und Unterhaltungssendungen. Es sind andere Medienfiguren als solche, die mein Kollege Brender mit seiner Bemerkung trifft. Sie sind nicht nur Journalisten. Sie produzieren selbst, sie sind wirtschaftlich tätig. Ich halte es für weltfremd, von ihnen, die einen hohen Medienwert haben, zu fordern, ganz auf Werbung zu verzichten. Und ich halte es für miteinander vereinbar, daß jemand, der eine Talk-Show führt, auch Werbung macht. Daß jemand wie Johannes B. Kerner auch wirbt, das halte ich für selbstverständlich.“

Abgesehen davon, habe es bei dem früheren Auftritt des Air-Berlin-Chefs Hunold in Kerners Sendung und dessen nachheriger Werbung für die Fluglinie „nicht den Hauch eines inhaltlichen Konflikts“ gegeben, meint Bellut. Warum dann aber der neue Passus in Kerners Vertrag, der ihn verpflichtet, seine kommerziellen Auftritte nicht nur zu melden, sondern sie genehmigen zu lassen? „Ich wußte, für wen mein Moderator wirbt“, sagt Bellut darauf. „Wir haben die Abstimmung darüber nun im Grunde nur formalisiert.“

Kein Problem auf dem Radar

Auch ihm, ergänzt Kerner, sei „an einer Präzisierung in dieser Frage sehr gelegen. Bei der Werbung für Air Berlin habe ich mich absolut vertragsgemäß verhalten und gegen keine Absprachen verstoßen. Aber: Wenn man aus der Kirche rausgeht, ist man im Idealfall klüger, als wenn man hineingeht. Das gilt auch für meine Werbung für Air Berlin. Ich mache mir viele Gedanken darüber, ob es richtig ist, was ich tue. Im besten Fall funktioniert das wie eine Art Frühwarnsystem.

Aber auf meinem Radar war das Problem nicht erkennbar. Ich halte die Diskussion schon für ein wenig verlogen. Da gab es die ausgeprägte Lust, der populären Figur Kerner einen Schmiß zu verpassen, genauso wie dem Selfmademan Hunold. Da konnte man mit einem Säbelstreich zwei treffen. Ich denke aber, der Fall liegt anders als etwa bei der Telekom-Aktie.

Mein Engagement bei Air Berlin war fünfeinhalb Jahre nach dem Börsencrash. Jetzt Argumente von 1999 zu benutzen, dafür bedarf es schon einer gewissen Bösartigkeit. Aber ich hinterfrage das natürlich auch selbst. Insofern ist das - mittelfristig gesehen - möglicherweise der letzte Börsengang, den ich begleitet habe. Eines möchte ich festhalten: Den zentralen Fehler, daß für etwas Werbung gemacht wird und es zugleich Gegenstand der Berichterstattung ist, den hat es bei mir und beim ZDF nicht gegeben.“

Bis zum Jahr 2020

Doch wie ist es mit seiner Zusammenarbeit etwa mit der „Bild“-Zeitung, deren Themen häufig auch die Kerners sind? „Nicht ich lebe gut von denen, die leben gut von meiner Sendung“, sagt er und erklärt, daß das verwandtschaftliche Verhältnis seines Redaktionsleiters und des Unterhaltungschefs der „Bild“ nichts besage: „Manche denken schlicht, Kern der Geschichte sei, daß Markus und Martin Heidemanns Brüder sind. Doch weder der Axel Springer Verlag noch das ZDF oder ich selbst sind so schlicht gestrickt, daß daraus etwas abzuleiten wäre. Es ist schließlich nicht so, daß mich ,Bild' oder ,Bild am Sonntag' über Gebühr loben.“

Und wie lange macht Kerner, was er für das ZDF macht? Den großen Entwurf für die nächsten Jahre habe er nicht, sagt der Moderator. „Ich bin 41 und mit dem, was ich mache, rundum zufrieden. Ich versuche, immer so viel zu arbeiten, daß ich nicht im ,Stern' unter der Rubrik ,Was macht eigentlich?' auftauche.“

Die Gefahr, denken wir uns, dürfte kaum bestehen. Da wäre nicht zuletzt der ZDF-Programmdirektor vor, der sagt: „Solange ich hier bin, möchte ich nicht in die Verlegenheit kommen, einen neuen Kerner zu suchen.“ Und das wäre wie lange, bitte, Herr Bellut? „Bis zu meiner Pensionsgrenze.“

Das ist, wenn wir richtig gerechnet haben, im Jahr 2020.

Quelle: F.A.Z., 26.06.2006, Nr. 145 / Seite 46
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