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Joel Schumacher wird siebzig : Strauchelnde Helden im Neon-Licht

  • -Aktualisiert am

„The Lost Boys“, „Flatliners“, „Falling Down“ und „Batman forever“: Joel Schumacher hat Hollywood einige der größten Erfolgsfilme der achtziger und neunziger Jahre beschert. An diesem Samstag wird der routinierte Meister aller Genres siebzig Jahre alt.

          Obwohl er einige der größten Kassenhits der letzten dreißig Jahre inszeniert hat, ist der Name von Joel Schumacher vielen Cineasten kaum ein Begriff. Das liegt vermutlich an seiner großen thematischen Wandlungsfähigkeit, die leichtfertig als fehlende künstlerische Ambition ausgelegt werden könnte – frei nach der Devise: Wer alles dreht, bei dem dreht es sich um nichts.

          Seitdem er in bereits vorangeschrittenem Alter als Regisseur debütierte, hat sich Schumacher an fast allen Genres versucht, die Hollywood zu bieten hat – Komödien und Dramen, Horrorfilme und Thriller, Action-Blockbuster und Comic-Verfilmungen. Sein vielfältiges Portfolio hat ihm den Ruf eines soliden Handwerkers eingebracht, eines Professional, dem man fast jedes Projekt anvertrauen kann – keines aber wirklich muss. Bis heute gibt es ihn nicht, den typischen Joel-Schumacher-Film, und demgemäß schwer lesbar ist auch seine Handschrift als Regisseur.

          Als Quereinsteiger zum Film

          Schon von Anbeginn seiner Karriere galt der Mann, dessen neuestes Werk „Twelve“ nächstes Jahr ins Kino kommen soll, vor allem als Meister der schönen Oberfläche. Nicht selten wurde ihm der Vorwurf gemacht, er vernachlässige den Inhalt zugunsten der Form und verliere sich im ornamentalen Detail. Kritiker verweisen da gerne auf seine bewegte Biographie, die zum Film nur über Umwege führte: 1939 in New York City geboren, wurde Schumacher nach einer Jugend voller Exzesse zunächst Designer. Anfang der siebziger Jahre schlug er sich fast mittellos nach Hollywood durch, wo er als Kostümbildner einiger Billigproduktionen mehr schlecht als recht seinen Lebensunterhalt verdiente. Während dieser Zeit lernte er Woody Allen kennen, der ihn für seine Komödie „Der Schläfer“ (1973) engagierte, danach folgten autodidaktische Lehrjahre als Drehbuchautor und Fernsehregisseur. Schumacher bewährte sich, schwor den vergangenen Eskapaden ab und feierte 1981 mit der Science-Fiction-Groteske „Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K.“ sein Kino-Debüt.

          Schon in dieser absurden Geschichte einer unentwegt schrumpfenden Hausfrau lassen sich jene inszenatorischen Grundmuster finden, die der Filmemacher später immer wieder variieren wird: zum einen das Motiv einer existentiellen Verunsicherung, die von den nicht (mehr) einlösbaren Ansprüchen einer oft körperlich konstruierten sozialen Rolle ausgeht, zum anderen eine sichtbare Vorliebe für die fluoreszierenden Bilderwelten des farbschattig-flirrenden Neo-Noir.

          Zwischen Blockbustern und Kleinproduktionen

          Mit seinen beiden Teenager-Filmen „St. Elmos Fire“ (1985) und „The Lost Boys“ (1987), die ihm zum kommerziellen Durchbruch verhalfen, gelang Schumacher ein abgründiger Gegenentwurf zu den humorvollen Highschool-Komödien, wie John Hughes sie zeitgleich drehte: Plötzlich irrte die Schauspieler-Clique des Brat Packs nicht mehr durch beschauliche Highschools und gewienerte Vorstadtviertel, sondern durch die neondurchfluteten und nebelverhangenen Straßen eines zwielichtigen urbanen Dschungels. Unter dem Deckmantel einer surrealen Traumatmosphäre erzählte Schumacher Geschichten von Verunsicherung, Zorn, Enttäuschung und Rausch – Emotionen, denen er sich auch in seinem Nahtod-Psychothriller „Flatliners“ (1990) und dem kontrovers diskutierten Selbstjustizfilm „Falling Down“ (1993) widmete.

          Fast in allen seinen Filmen sind die Figuren Suchende, rastlos Getriebene, Wandelnde am biographischen Scheideweg, so auch in den beiden Batman-Filmen, die für Schumacher sowohl Höhe- als auch Tiefpunkt seiner Karriere bedeuteten: Auf Betreiben des Studio-Giganten Warner Bros. lieferte „Batman forever“ (1995) den diametralen Gegenentwurf zu den düsteren Vorgänger-Filmen Tim Burtons – ein grellbuntes, kommerziell enorm erfolgreiches Comic-Spektakel, das sich eher am campigen Stil der ABC-Fernsehserie aus den sechziger Jahren orientierte als an Bob Kanes düsterem Original-Konzept von 1939. Die Fortsetzung „Batman und Robin“ (1997) ging dann noch einen Schritt weiter – und gleichzeitig auch einen zu weit –, indem sie schwärmerisch in inspizierenden Naheinstellungen der gepanzerten Superhelden-Anatomie schwelgte und somit unweigerlich Fragen über die (homo-)sexuelle Disposition des Regisseurs aufwarf.

          Konsterniert von der Lawine empörter Fan-Proteste und zermürbt durch die steten Mitbestimmungsansprüche des Studios, nahm Schumacher Abschied vom Blockbuster-Geschäft und widmete sich in der Folgezeit überwiegend kleinere Produktionen mit überschaubarem Budget. Nach mehreren Flops gelangen ihm in den letzten Jahren mit dem in nur zwölf Tagen abgedrehten Telefonzellen-Thriller „Nicht auflegen!“ (2002) und der opulent ausgestatteten Andrew-Lloyd-Webber-Adaption „Das Phantom der Oper“ (2004) respektable Erfolge. An diesem Samstag wird der Mann, der sich als Entdecker und Förderer von Schauspielern wie Kiefer Sutherland und Colin Farrell verdient gemacht hat, siebzig Jahre alt.

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