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Veröffentlicht: 19.11.2012, 06:00 Uhr

Jodie Foster wird fünfzig Die Exzellenzforscherin der Einsamkeit

Wie kann man für den halben Erdball Filme machen, ohne sich selbst und die Zuschauer ständig zu unterfordern? Jodie Foster, unsere unermüdliche Zeitgenossin, weiß es.

© © André Poling / Roba Press Unter den großen Schauspielerinnen im zeitgenössischen Kino gibt es keine, die wie sie Härte und Zärtlichkeit zugleich verkörpern kann: Jodie Foster

Jodie Foster war drei Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter ihren älteren Bruder Buddy zu einem Casting für einen Werbefilm begleitete. Da es ihr zu langweilig war, im Wagen zu warten, folgte sie den beiden ins Studio - und bekam die Rolle. Sie zeigte ihren Bizeps und erklärte in ihrer damals schon eigenartig tiefen Stimme, sie heiße Alexander.

Jahrzehnte später revanchierte sich der Bruder übrigens mit einer üblen Biografie seiner kleinen Schwester. Damals war die weltbewegende Frage, ob sie nun lieber mit Männern oder mit Frauen zusammen ist, noch nicht für die gesamte Globalöffentlichkeit restlos geklärt, und der Mann sah eine Marktlücke für Andeutungen, vage genug, um nicht verklagt zu werden, konkret genug, um den Verkauf zu fördern. Er hätte auch behaupten können, sie sei in Wahrheit ein Delfin, das Buch hätte sich ebenso gut verkauft, denn Jodie geht immer. Sie hilft solch schlechten Büchern, japanischer Seife, Illustrierten auf der ganzen Welt und guten wie schlechten Filmen, sie ist Werbung für die Art, wie wir heute leben.

Dieser wissende Blick, wenn man sie zum Interview trifft

Ihre Anziehungskraft geht weit über die Konjunktur ihrer Filmrollen hinaus. Es gab immer Phasen, in denen es eher enttäuschende, ja misslungene Filme gab, aber berühmt war sie schon immer auf einem gleichbleibenden und maximalen Niveau. Wollte man ihren Ruhm grafisch darstellen, müsste man ab dem Kindesalter eine durchgehende Linie ganz oben, direkt unter der Decke ziehen, so berühmt ist sie.Sie wird, wenn sie einen Oscar gewinnt oder Regie in einem Meisterwerk wie „Little Man Tate“ führt, nicht viel berühmter, und sie hat auch, wenn sie zwei,drei Flops hintereinander hinlegt, keine Ruhe. Dafür sorgen schon die Fans. Wenn man sie zum Interview trifft und etwas zu gut Bescheid weiß, kommt dieser wissende Blick von ihr: Du bist also auch einer von denen.

Das hat sicher Gründe, aber der Reiz der Analyse verblasst doch neben dem Charme, dem Drama der Geschichten aus diesem Leben. Es startet ja, das ist das Besondere, mit ganz konventioneller Ware, mit einem Vertrag bei Disney und einem Film mit einem Löwen. Dann Gastrollen bei allen angesagten Fernsehserien der Siebziger, inklusive „Bonanza“ und der Hauptrolle in der Fernsehserie „Paper Moon“ - im Film spielte dann Tatum O’ Neal die Addy.

Taxi Driver Es begann in New York: Jodie Foster mit Robert de Niro in „Taxi Driver“ © picture alliance / United Archiv Bilderstrecke 

Wenn man die von fleißigen Fans ins Netz eingestellten und gepflegten frühen Auftritte heute studiert, erkennt man, dass in ihren ganz anders gestalteten Mädchenrollen, die eher an Inger Nilssons „Pippi Langstrumpf“ erinnern als an blonde Prinzessinnen, schon die Saat eines erst sehr viel später manifesten Wandels zu erkennen ist. Später wird Jodie die diversesten Frauenrollen spielen, die Opfer von Gewalt sind oder pleite oder allein erziehend oder verwitwet, nie jedoch die Beauty, die am Ende heiratet. Ihr Fach ist die Darstellung der Differenz innerhalb der herrschenden Machtverhältnisse und immer wieder der Einsamkeit in der Exzellenz.

Der Zusammenbruch dieses unter Spannung stehenden Systems erfolgt am 19. März 1981. Mit heute unglaublicher Leichtigkeit war es einem Stalker avant la lettre gelungen, Foster nachzustellen, sie auf dem Campus der Universität anzurufen und zu verfolgen. Als sie seine Kontaktversuche erfolgreich abgeblockt hatte, schoss er auf Präsident Reagan.

Manchmal drückt sie auch selbst ab

Jodie reagierte mit einem Essay in „Esquire“ und der nur allzu gut zu beantwortenden Frage „Warum ich? Warum nicht Brooke Shields?“ Die hatte nicht in „Taxi Driver“ gespielt. Studien zur Gewalt, den Versuchen, sie zu kontrollieren, und dem Scheitern daran bilden den beeindruckendsten, auch bedrückendsten Korpus ihres Werks, zuletzt, in „Die Fremde in Dir“ drückt sie selbst ab.

Den Lohn für all diese Mühen empfängt das Publikum. Es wird seit über vier Jahrzehnten inspiriert, konfrontiert und in einer gemeinsamen Zeitgenossenschaft gebannt. Es gibt kaum ein Genre, dass sie abgelehnt hätte, keine Allüren, Skandale oder Unfreundlichkeiten, jeder Talkshowgastgeber bekommt seine Geschichte zu hören, jeder Interviewer einen eigenen Witz. Daraus spricht nicht allein der Drill eines antrainierten Pflichtbewusstseins oder die Angst vor dem sozialen Abstieg, sondern auch eine wahre Zuneigung zu unserer Zeit und eine Loyalität zum gemeinschaftlichen Produkt.

Märchen in einem Zeitalter der Skepsis

Ihr letzter Film „Der Bieber“ war bizarr: Die Geschichte eines Mannes, der seine Depression mit Hilfe einer Handpuppe in Bibergestalt überwindet, aber nur, bis der Biber böse wird und der Frieden allein durch Amputation wiederhergestellt werden kann. Die folgenden Filme werden kaum konventioneller werden; zugleich wird sich Hollywood, der ganze Westen und solche, die dazugehören wollen, mit wachsender Zuneigung in dieser so vielfach talentierten Frau wiedererkennen wollen.

Wie kann man für den halben Erdball Filme machen, ohne die Zuschauer konsequent zu unterfordern, welche Moral erzählen solche modernen Märchen in einem Zeitalter der Skepsis und wie lebt man als Frau, wie als Mann? Es gibt viele Gelegenheiten, sich Gedanken zu machen, aber keine schöneren als die Filme von Jodie Foster, die am heutigen Montag ihren fünfzigsten Geburtstag feiert.

Quelle: F.A.Z.

 

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