24.09.2007 · „Jeder in Hollywood muss seinen eigenen Weg finden, um ausgeglichen zu bleiben, denn wir arbeiten in einer wirklich durchgedrehten Branche“: Jodie Foster über ihre Vorliebe für Einzelgängerinnen, ihr bourgeoises Leben und über ihren neuen Film „Die Fremde in dir“.
„Jeder in Hollywood muss seinen eigenen Weg finden, um ausgeglichen zu bleiben, denn wir arbeiten in einer wirklich durchgedrehten Branche“: Jodie Foster über ihre Vorliebe für Einzelgängerinnen, ihr bourgeoises Leben und über ihren neuen Film „Die Fremde in dir“.
In ihrem neuen Buch über Nicolas Sarkozy zitiert Yasmina Reza ihn mit dem Ausruf „J'adore Jodie Foster!“
Wirklich? Kein Witz?
Meine Frage wäre nun, ob Sie sich manchmal vor Ihren Fans gruseln?
(Lacht.) Oh, Mann!
Die „New York Times“ nannte Ihren neuen Film „Die Fremde in dir“ einen „Selbstjustizfilm, den auch Linksliberale gut finden dürfen“.
Manche kapieren es, manche nicht. Ich bin auf diesen Film stolzer als auf alles, was ich seit langer Zeit gemacht habe. Man kann auf sehr raffinierte Art über ihn reden, aber er lebt von einer elementaren, urtümlichen Erfahrung, dem Gefühl der Rache. Diese Seite an der Protagonistin zu entdecken, die zugleich so schön und so monströs ist, das verlangt vom Publikum einiges. Wir verlangen vom Zuschauer, sich in die Haut eines Antihelden zu versetzen, in der Tradition von Filmen wie „Straw Dogs“ oder „Taxi Driver“. Daran sind die Leute nicht mehr gewöhnt. Der Zuschauer ist an Filme gewöhnt, in denen eine moralisierende Stimme aus dem Hintergrund ertönt. Dieser Film stellt viele Fragen und gibt wenige Antworten.
Fürchten Sie nicht, dass die Schusswaffenlobby NRA mit diesem Film auf Mitgliederfang geht?
Diese Art von Reaktion hatten wir noch nicht. Man sieht ja, dass der Film die Studie einer singulären Figur ist, die etwas Falsches tut. Wir wissen auch, dass sie das Falsche tut, so wie wir es auch bei Travis Bickle in „Taxi Driver“ wissen, und er kommt mit allem davon. Aber rechtfertigen wir seine Handlungen deswegen? Nein. Und so ist es auch hier.
Die Zeiten haben sich aber geändert, seit der Vietnamveteran Bickle durch ein von Kriminalität ruiniertes New York kurvte...
New York war damals nahezu apokalyptisch heruntergekommen, heute, nach 9/11, ist es ganz anders: Es ist wunderschön, Wohnungen kosten acht Millionen Dollar, an jeder Ecke steht ein Polizist - aber warum spürt jeder, der dort lebt, diese Angst unter der Oberfläche? Und wenn sie durch irgendeinen Schock ausbricht, erkennt man, dass die Angst schon immer da war und nur auf die Gelegenheit gewartet hat, an die Oberfläche zu dringen. Bei Erica, die ich im Film spiele, ist die Angst ein unerträglicher Zustand. Um nicht unterzugehen, verwandelt sie ihre Angst in Wut.
Ist diese Angst ein Produkt sozialhistorischer Prozesse, der Entstehung der Megacitys oder eine condition humaine?
Eine condition humaine. Aber vielleicht ist das auch nur eines meiner kleinen persönlichen literarischen Vorurteile.
Wir leben, jedenfalls im Westen, in Friedenszeiten, Sie haben zwei kleine Kinder, sind anerkannt und wohlhabend - dennoch vermitteln die drei letzten Filme, in denen Sie die Hauptrolle spielten, eine nahezu unerträgliche Beklemmung. Woher diese Düsternis?
Das stimmt, das zieht mich wohl an. Gut, ich habe ja auch andere Rollen gespielt, in Spike Lees „Inside Man“ etwa, aber Sie haben recht: Ich spiele bevorzugt Einzelgängerinnen, die einen Verlust erlitten haben, die trauern, weil sie ihre Einsamkeit nicht selbst gewählt haben. Man könnte auch sagen: Ich mache Filme über Menschen, die überleben. Das ist wahrscheinlich die Frage, die mich umtreibt: Würde ich so etwas überleben, diese Intensität von Trauer und Einsamkeit?
In Europa werden Sie als „der andere Hollywoodstar“ geliebt, dennoch sieht man Sie nie an der Seite von Sean Penn, Susan Sarandon oder anderen als Aktivistin für politische oder Umwelt- und Menschenrechtsfragen.
Das ist so, ja. Nicht weil ich nicht an so etwas glaube, sondern weil es einfach nicht zu mir passt. Ich habe das noch nie gekonnt, muss an meiner Persönlichkeitsstruktur liegen. Ich freue mich, dass andere das tun, es inspiriert mich - aber für mich ist das nichts. Jeder in Hollywood muss seinen eigenen Weg finden, um ausgeglichen zu bleiben, denn wir arbeiten in einer wirklich durchgedrehten Branche. Es ist schon sehr seltsam, eine Schauspielerin zu sein, und noch seltsamer, berühmt zu sein.
Es hat doch aber auch etwas Magisches, sehr viele Menschen wünschen sich nichts mehr, als Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen.
Das gehört zu meinem Job, aber so bin ich nicht. Ich habe schon als Kind gelernt, in einer Branche zu funktionieren, die manchmal gar keinen Sinn hat für mich. Wenn es mir peinlich oder unangenehm war, habe ich mir immer gesagt, das ist bloß mein Job.
Sie haben zwei junge Söhne. Erzählen Sie ihnen viel von früher?
Eigenartigerweise nicht. Als Kind hab' ich mich zwar immer gefragt, warum ich so wenig über meine Mutter weiß, warum sie mir nicht mehr von sich erzählt. Heute glaube ich, es hat mit einem gewissen Alter zu tun, ab dem einen die eigene Vergangenheit nicht mehr so interessiert.
Erzählen Sie ihnen denn von der Arbeit?
Sie beginnen zu verstehen, was ich mache, und ich spüre die Verantwortung, es ihnen so zu erklären, dass sie davon lernen. Sie sollen nicht bloß denken, toll, dass meine Mutter so berühmt ist, es soll ihnen auch klar werden, dass das ein Handwerk ist, dass es mit viel Arbeit verbunden ist, dass es eben schwierig ist, eine Geschichte zu erzählen. Ich möchte ihnen auch die Liebe zum Kino vermitteln, damit sie besser nachvollziehen können, warum ich das alles tue.
Welche Ambitionen hegen Sie für Ihre Söhne?
Keine sehr bestimmten, sie sollen später mal machen, was sie möchten. Das Tolle für mich ist ja gerade, an ihnen Seiten zu entdecken, die von mir ganz verschieden sind. Eine Sache, die ich ihnen beizubringen versuche, ist Neugier, auf andere Länder, andere Kulturen, zu schauen, wie andere Menschen ihre Probleme lösen. Ich reise sehr gern mit ihnen, wir waren dieses Jahr in Island, in Australien, in Fidschi. Sie werden in ganz neue Zivilisationen getaucht, hören andere Sprachen, lernen neue Bräuche, das finde ich wichtig.
Sie wurden in den sechziger Jahren geboren. Unsere Generation ist - jedenfalls wenn man im Westen zur Welt kam - die am besten ausgebildete, am besten genährte, behütetste der gesamten Menschheitsgeschichte. Finden Sie, wir haben genug gewagt, geleistet?
Manchmal staune ich darüber, dass mein Leben, also mein wirkliches, eigenes Leben, so bourgeois ist. Ich liebe beispielsweise Williams-Sonoma - wissen Sie, was das ist?
Nein.
Ein Küchenwarengeschäft, da gibt es diese wunderbaren Cappuccinotassen, alles Mögliche. Das ist mein absoluter Lieblingsladen. Und es gibt nichts, was besser zu einem Yuppieleben passen würde als dieser Laden. Meine Lieblingsbeschäftigungen sind Skifahren und Tauchen, und wenn ich daran denke, was ich in meinem Leben ändern könnte, fällt mir bloß ein: ich könnte häufiger Skifahren. Daher ist mein Leben total bürgerlich. Nur in den Filmen lebe ich ein kreatives Leben, wenn ich die nicht hätte, würde ich ersticken.
Man kennt das von Schriftstellern: Je düsterer der Text, desto idyllischer das alltägliche Leben.
Privat bin ich ein eher fröhlicher und ausgeglichener Mensch, aber ich habe diese unglaubliche Möglichkeit, all diese dunklen Fragen zu erforschen. Bei diesem Film haben meine Freunde gefragt, ob es nicht deprimierend ist, mit Erica mitzuleiden, aber kaum eine Arbeit hat mir größere Freude bereitet. Dabei haben wir alles nachts gedreht, ich hatte einen völlig verkehrten Rhythmus, habe geschlafen, wenn alle anderen wach waren, und umgekehrt.
Sie haben sich als Produzentin sehr für den Film eingesetzt. Sie haben auch Neil Jordan als Regisseur an Bord geholt.
Er war nicht gerade die erste Wahl des Studios. Er hatte „Breakfast on Pluto“ gemacht, den ich liebe, aber den hatte keiner von den Studioverantwortlichen gesehen. Ich muss es Joel Silver hoch anrechnen, dass er sich darauf eingelassen hat, dass er verstanden hat, dass man hier einen schönen, tiefen Film haben muss - obwohl er keine Ahnung hat, wie so etwas geht. Silver hat mich gewähren lassen, heute sind er und Neil Jordan, die unterschiedlicher nicht sein könnten, unzertrennlich, die lieben sich.
Der Film überschreitet immer wieder Grenzen, Erica raucht sogar.
Darum gab es sehr viele Kämpfe. Es war mir sehr wichtig. Aber sobald das Studio erkannt hat, dass es ein wirklich bewegender Film sein könnte, haben sie sich immer für das Richtige entschieden. Sie waren da gar nicht schüchtern, und das war nicht ohne Risiko. Was halten Sie eigentlich von dem Film? Stimmen Sie der Kritik in der „New York Times“ zu?
Nein. Man verfolgt hier ein singuläres, verstörendes Schicksal, das ist kein Film zum Thema Selbstjustiz oder Schusswaffenfreigabe.
Manchmal denke ich, dass ich verrückt bin, weil ich mir den Film ansehe und aufrichtig bewegt bin von dem, was Erica widerfährt. Ich glaube auch nicht, dass es so fürchterlich ist, wenn ein Zuschauer im Film eine ganz ungefilterte Empfindung erfährt. Ich habe jedenfalls nicht vor, Filme übers Dominospielen zu machen, ich will schon echtes Drama.
In der „New York Times“ gab es wenige Tage vor der Kritik auch ein langes Porträt von Ihnen, das mit der Bemerkung schloss, mit Erica würden auch Sie sich an Ihrer eigenen Vergangenheit rächen.
Das Porträt war so positiv, dann diese schlechte Kritik - schizophren. Ich mache meine Filme nicht für Besprechungen, obwohl ich ganz ähnlich denke wie ein Filmkritiker. Aber trotzdem, wenn die „New York Times“ das schreibt, verletzt es mich schon, es ist schließlich die Zeitung, die ich schon immer lese.
Und was machen Sie dann?
Sie müssen den Blick auf die Arbeit richten, sonst drehen Sie durch. Das sage ich auch dem Produzenten Joel Silver, dessen ganze Welt sich um die Einspielergebnisse dreht, weil das ja die einzige Anerkennung ist, die ein Produzent je bekommen wird. Er hat am kreativen Prozess keinen Anteil, Produzenten sind die Schäfer, die die Herde zusammenhalten. Man kann aber das Geld nicht zum Kriterium für Erfolg oder Misserfolg eines Films machen, jedenfalls nicht, wenn man auch an Qualität interessiert ist.
Kein Interview mit Ihnen kann ohne die Frage nach Ihrem Leni- Riefenstahl-Film auskommen. Arbeiten Sie noch an der Sache?
Ja. Ich weiß, ich bin der langsamste Produzent der Welt. Aber es geht mir da um Wahrheit, nicht um Schnelligkeit.
Interview: Nils Minkmar
Jodie Foster ist unverändert eine attraktive Frau
Liam Aberdeen (Aberdeen)
- 23.09.2007, 10:21 Uhr
ber.....
Kristian Schuch (joemorelli)
- 24.09.2007, 09:09 Uhr
Auch wenn ich abschweife...
Malchus Giersch (der_rote_Hugo)
- 24.09.2007, 12:02 Uhr