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„Brechts Dreigroschenfilm“ : Fast wär’s Kino geworden

Vielleicht hätte Brecht so geguckt, wie Lars Eidinger hier als Brecht guckt, wenn man ihm Lars Eidinger als Brecht gezeigt hätte: skeptisch. Bild: Wild Bunch Germany

„Brechts Dreigroschenfilm“ hat es nie gegeben, aber jetzt gibt es einen Film, der so heißt. Doch der Regisseur Joachim A. Lang weiß zu viel und überfrachtet sein Werk damit bis zur Ermüdung.

          Was für ein Auftakt, welches Drama auf dem Theater! Wir schreiben das Jahr 1928, Bert Brecht probt am Schiffbauerdamm seine „Dreigroschenoper“. Das Ding droht ein gigantischer Reinfall zu werden. Wer in die Bühne investiert, muss verrückt sein: Er ist sein Geld los und hat nichts als Ärger. Besser, die Scheine bündelweise das Klosett hinabzuspülen, wie eine in den Tumult montierte Szene illustriert. Gehetzt blickt die von David Slama geführte Kamera hin und her und fängt den So-kann-ich-nicht-arbeiten-Irrsinn ein; die Weigerung der Schauspieler, aus ihren Rollen zu treten, die Verhöhnung des Ganzen als Kindertheater. Dann wird noch ein hölzerner Gaul hineingerollt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Brecht sitzt im Parkett, stoisch, trägt das Gesicht von Lars Eidinger, der wie stets in den folgenden zwei Stunden mit Zigarre zwischen den Lippen und schwarzem Ledermantel maskiert ist. Bald lugt er aus einer Loge auf die Bühne: Da stimmen Tobias Moretti als Mackie Messer und Christian Redl als Tiger Brown – beziehungsweise als die Schauspieler, die diese Rollen spielen – den „Kanonensong“ an, ein böses Lied alter Waffenbrüder, ausgerechnet. Das Publikum tobt vor Begeisterung.

          Seeräuber-Jenny (Britta Hammelstein) mit den weiteren Freudenmädchen des Bordells

          Ein entlarvendes Gegen- und Ineinander von Bühne und Leben scheint „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ zu entwickeln: Brecht und sein Komponist Kurt Weill (Robert Stadlober) avancieren zu Weltstars, Interviews im Tanzlokal, Verhandlungen über eine Verfilmung des Stoffs, Bühnenflitter, Proletariertheater, Art déco, Auftritt Elisabeth Hauptmann (Peri Baumeister) und Hannah Herzsprung als trauerumflorte Witwe Carola Neher, die Mackies Braut Polly spielen wird: Alles dreht sich im Abendrot der Goldenen Zwanziger. Doch dann steigt Brecht ins Auto und rauscht davon, mitten in die Handlung des „Dreigroschenfilms“, den er nie gedreht hat – und verliert sich darin. Tatsächlich stand Bert Brecht 1930 kurz davor, die „Dreigroschenoper“ ins Kino zu bringen. Doch der Dramatiker überwarf sich mit der Filmfirma, welche die Rechte an dem Stück erworben hatte. Die Produzenten wollten daraus einen romantischen Kassenschlager machen, Brecht wollte es sozialkritisch fortschreiben. Er flog mit Weill raus. Den Prozess, den die Schöpfer gegen die Nero-Film anstrengten und den Brecht als „soziologisches Experiment“ überhöhte, endete mit einem Vergleich. Der Film durfte erscheinen.

          Frau Peachum (Claudia Michelsen) mit Bettler Sam (Hendrik Hauptmann)

          Wer wüsste das alles besser als Joachim A. Lang? Der Regisseur, der beim hier federführend produzierenden Südwestrundfunk als Redakteur für „Sonderprojekte, Musik und Theater“ arbeitet, ist ein ausgewiesener Brecht-Kenner. Schon in seiner Dissertation befasste er sich mit dem epischen Theater; für das Fernsehen hat er den Dichter immer wieder porträtiert und mit Claus Peymann eine Brecht-Gala auf die Beine gestellt.

          Ein Blick hinter Brechts Kulissen

          Wie gut Lang Glanz und Elend der deutschen Theater- und Filmwelt der späten Weimarer Republik und der NS-Diktatur auch aus anderen Perspektiven kennt, stellte er im Fernsehen mit dem Doku-Drama „George“ (über Heinrich George) und im Kino mit „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ unter Beweis. Man möchte meinen, es hätte unter den „Nachgeborenen“ keinen geeigneteren Regisseur und Drehbuchautor geben können, um, wie der Titel es verspricht, „Brechts Dreigroschenfilm“ zu drehen. Den Film, den er nie realisieren konnte.

          Die Macher der Dreigroschenoper: Elisabeth Hauptmann (Peri Baumeister), Kurt Weill (Robert Stadlober) und Bertolt Brecht (Lars Eidinger).

          Das versucht Joachim A. Lang – unter anderem. Sein „Dreigroschenfilm“ aber will viel mehr: Er will die „Dreigroschenoper“ mit ihren unsterblichen Songs vorstellen und die imaginierte Verfilmung, er will Brechts Arbeitsprozess transparent machen, ihn – sehr dezent – als kreativen Polygamisten zeichnen, der auch dem Mammon nicht abgeneigt war, und das historische Drumherum dokumentieren; er will den Gerichtsprozess inszenieren, das epische Theater erklären und Ausflüge an die französische Riviera unternehmen, Texttafeln hochhalten und sich im Schauen ergehen; er will im Berlin der zwanziger, dreißiger Jahre spielen, im viktorianischen London und in unserer Gegenwart, alles zugleich.

          Dürftiger Gesang

          Langs Ambitionen zielen auf die ganz große Oper, folgerichtig fährt er das ganz große Besteck auf. Die Kostüme sind üppig, die Sets malerisch, das Ensemble ist beachtlich. Joachim Król gibt den Bettlerkönig Peachum und Claudia Michelsen dessen Frau, Meike Droste ist Helene Weigel und kein Geringerer als Max Raabe ein Leierkastenmann. Das SWR-Symphonieorchester spielt, das SWR-Vokalensemble singt, ein Ballettkorps tanzt. Richtig so. Wer will schon einen werktreuen Theaterfilm sehen? Irgendwo zwischen „La La Land“, „Moulin Rouge“ und „Babylon Berlin“ wäre Lang wohl gerne gelandet mit seinem Montagewerk.

          Allein, es fehlt an Leichtigkeit und dem Willen zur klugen Selbstbeschränkung. Dieser „Dreigroschenfilm“ erstickt an seiner Fülle. Und dürftiger Gesang kann zwar ein Kunstmittel sein, lässt sich aber nur dosiert verkraften. Da ist man froh, wann immer Tobias Moretti im Bild erscheint: Er kann singen, er spielt den Haifischzahngauner mit abgebrühter Verve und krimineller Energie, während seine Banditen zu Bankern werden, die wie die grauen Männer aus „Momo“ aussehen, und Polizei und Großkapital vom rechten Umsturz träumen. Eindrucksvoll ist inszeniert (aber warum nur in Sepia?), wie die Masse der Elenden sich über die Stadt ergießt.

          Hastig werden Szenen abgehakt, die mehr Raum und Nachhall verdient hätten: die Gestapo in Elisabeth Hauptmanns Wohnung, Brecht allein im Bild, kurz vor der Flucht ins Exil, während aus dem Off der echte Brecht „An die Nachgeborenen“ vorliest. Da zeigt sich, was für ein Schuss in den Ofen ein zunächst brillant scheinender Einfall war: dass Lars Eidinger, dem hier zum Gewinn des Films das Abo auf die Darstellung gestörter Muttersöhnchen gekündigt wurde, gezwungen war, ausschließlich in authentischen Brecht-Zitaten zu sprechen. Sein Brecht ist ein wandelnder Sentenzenautomat. Es ist ein Jammer.

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