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„40 Tage in der Wüste“ im Kino : Zwischen Engeln und Tieren

  • -Aktualisiert am

Orientierungsphase: Ewan McGregor als Jesus in einer Szene des Films „40 Tage in der Wüste“ Bild: Francois Duhamel/Tiberius Film/dpa

Der Erlöser als Teufel seiner selbst: Im Film „40 Tage in der Wüste“ von Rodrigo García spielt Ewan McGregor nicht nur den Messias. Sein Versucher greift auf einen besonders fiesen Trick zurück.

          Über die Versuchung Jesu in der Wüste schrieb der Evangelist Markus nur wenige Zeilen. Vierzig Tage soll der frischgetaufte, angehende Prophet aus Galiläa allein in der Einsamkeit zugebracht haben. „Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.“ Sieht man einmal davon ab, dass das mit den Engeln eine gravierende Wettbewerbsverzerrung gegenüber anderen Eremiten darstellt, hinterlässt diese Notiz vor allem Fragen, die schon die nächsten Evangelisten nicht auf sich beruhen lassen wollten. Matthäus schildert die Versuchungen deutlich ausführlicher, man könnte auch sagen: Er schmückte die karge Überlieferung aus und hob besonders auf Jesu Kenntnis der Heiligen Schriften ab, weil er damit sein eigenes Evangelium auch als deren Erfüllung plausibel machen konnte. Die christliche Tradition hat eine klare Tendenz: Sie führt vom Einfachen ins Legendäre, zu einer theologisch komplexen Figur, an der die Vorstellungskraft eine schöne Herausforderung hat.

          Der aus Kolumbien stammende, schon lange in den Vereinigten Staaten arbeitende Regisseur Rodrigo García hat sich nun die „40 Tage in der Wüste“ so ausführlich vorgestellt, dass daraus ein ganzer Spielfilm geworden ist. Und er hat dafür einen überzeugenden Hauptdarsteller gefunden: Ewan McGregor ist zwar schon ein wenig älter als die gut 30 Jahre, die Jesus mutmaßlich alt war, als er sein öffentliches Wirken begann. Aber der Mann, der in den neueren Star-Wars-Filmen Obi-Wan Kenobi ist, hat den jugendlichen Propheten immer noch locker drauf. Zumal die Sache ja relativ ist: Mit 30 war man seinerzeit in Palästina eher schon ein älteres Semester, während heute 45 das neue 27 ist.

          Bloß nicht darauf ansprechen

          Die Fastenkur in der Einöde diente Jesus nach einhelliger christlicher Deutung als Orientierungsphase für sein kommendes Wirken. Sein Vater hatte etwas mit ihm vor. Der Teufel bot ihm eine irdische Alternative, dazu musste er auf Abstand gehen. Rodrigo García löst diese Selbstreflexion mit einer Familienaufstellung. Jesus irrt zuerst eine Weile durch die Wüste (der kalifornische Anza-Borrego-Desert Nationalpark dient als Ersatz für den Originalschauplatz), dann trifft er an einem sehr abgelegenen Ort doch auf Menschen (davor erwiesen sich alle Gestalten als Trugbilder). Ein Mann will auf einem Berg ein Haus bauen, seine Frau ist todkrank, sein Sohn will eigentlich dringend in die nächste Großstadt (Jerusalem), sieht sich aber in der Pflicht seinen Eltern gegenüber. In dem windigen Quartier findet Jesus auch Zuflucht vor seinem Versucher, der auf einen besonders fiesen Trick zurückgreift: Er präsentiert sich Jesus nämlich als er selbst. Ewan McGregor spielt in einer Doppelrolle etwas, was Rodrigo García vermutlich nicht als Karikatur des schwierigen Selbstverhältnisses des Gottessohns durchschaut hat. Bekanntlich hat erst das Konzil von Nicäa im 4. Jahrhundert die Frage, wie viel an Jesus irdisch und wie viel göttlich war, gelöst – jeweils alles und beides zugleich. Bei García ist Jesus hingegen „homoousios“, wie der griechische Begriff lautet, mit dem Teufel, aber nur qua Ewan McGregor.

          Kinotrailer : „40 Tage in der Wüste“

          Das Kino als eine (epiphanische) Kunst der Verkörperung und Abbildung tut sich paradoxerweise mit dem Metaphysischen schwer, lässt sich davon aber nicht beirren. Ob es Zufall ist, dass derzeit wieder einige Jesus-Filme hintereinander auftauchen, oder ob dahinter eine Bedürfniskonjunktur steckt, ist naturgemäß schwer zu sagen. Ein Remake von „Quo Vadis“, eine Feier der Ostererfahrung („Risen“), nun „40 Tage in der Wüste“ sind zu heterogen, als dass man daraus eine neue Theologie oder auch nur eine neue Bildtradition ableiten könnte. Auffällig aber ist, dass alle diese Filme sich mit einem Umstand herumschlagen, der schon die irdischen Anhänger ganz durcheinandergebracht hat: dem sogenannten Messiasgeheimnis.

          Die Kirche unterstellt Jesus nicht nur ein kompliziertes Bewusstsein, sondern dieses Bewusstsein ging auch mit einem bestimmten Understatement einher: Jesus trat auf wie der Messias, wollte sich als solcher aber erst später zu erkennen geben. Bloß nicht darauf ansprechen, das ist die Devise in den Evangelien, und so sehen wir auch heutige Jesusfilme häufig aus einer Perspektive, die der des Petrus ähnelt: Der „Fels“, auf dem angeblich die Kirche aufruht, ist der Prototyp des naiven Anhängers, er war jederzeit zu beeindrucken, wollte aber auch oft zu früh mit der Wahrheit herausplatzen. Dann wurde er von Jesus zurechtgewiesen. Auf diesen Effekt setzt auch Rodrigo García. Er will uns dazu bringen, neu hinzusehen, das schon vorhandene Wissen zu vergessen. Oft ist so etwas ein selbstgefälliges Experiment, das seinen Triumphalismus kaum im Zaum halten kann. „40 Tage in der Wüste“ aber macht ganz gut nachvollziehbar, was in einem Propheten vorgehen könnte, von dem das Schicksal der Welt abhängt. Ein wenig prokrastinieren wird er wohl dürfen.

          Quelle: F.A.Z.

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