Jerzy Skolimowski war einmal, in den sechziger und siebziger Jahren, ein Kultregisseur, das Enfant terrible des polnischen Films. Er verdankte seinen Ruf Filmen wie „Walkover“, die seit langem nicht mehr zu sehen sind, aber damals entscheidend waren für den Neubeginn im Kino Polens. Er filmte weiter bis 1991, nach einem Misserfolg hörte er auf, ging nach Belgien, England, in die Vereinigten Staaten und malte und schrieb Gedichte.
Jetzt ist er wieder da, mit seinem ersten Film seit siebzehn Jahren, uraufgeführt als Eröffnungsfilm der „Quinzaine des Réalisateurs“, die ihrerseits zu feiern hat, dass sie ihr vierzigstes Jubiläum begeht. Skolimowski war natürlich da, ein Mann von inzwischen siebzig Jahren. Aufrecht und selbstbewusst begrüßte er das Publikum und sagte zweierlei: erstens, dass er nur mit einem wirklich guten Film wieder an die Öffentlichkeit hätte gehen wollen. Und zweitens, dass er eine Nachricht hätte für alle seine Freunde. „I am back“, rief er und fügte hinzu, diese Nachricht gelte auch für alle, die nicht seine Freunde seien.
Nichts scheint willkürlich
Sein Film „Vier Nächte mit Anna“ (Cztery noce z Anna) zeigt den Krematoriumshilfsarbeiter Leon (Artur Steranko), der die Krankenschwester Anna (Kinga Preis) heimlich beobachtet, obsessiv, aber anscheinend ohne Arg, ihr Schlafmittel unterschiebt und die Nächte, die sie betäubt daliegt, bei ihr verbringt. Das Erste, was er in ihrer Wohnung tut, ist, einen Knopf an ihren Kittel zu nähen. Er räumt auch auf, putzt, lackiert ihr die Nägel, bringt ihr Blumen und versteckt sich unterm Bett. Diese Geschichte wird unterbrochen von anderen Ereignissen, eine Hand taucht auf und wird verbrannt, eine Kuh schwimmt tot im Fluss, Leon wird Zeuge, wie Anna brutal vergewaltigt wird, ein Verhör findet statt, offenbar ist er, der das Verbrechen anzeigte, verdächtig.
Die Dinge geschehen nicht chronologisch, und zum Teil ist der Film so dunkel, dass man kaum etwas erkennen kann, bis Leon vor Annas Fenster etwa im Matsch ausrutscht oder durch ein kaputtes Fernglas beobachtet, wie ein Mann überfahren wird, durch die Luft fliegt, im Gras landet und von Sanitätern abgeholt wird. Es passieren schreckliche Sachen und sehr komische, aber nichts scheint willkürlich, und die Einzelteile fügen sich selbstverständlich im Lauf des Films zu einer Geschichte: der Liebesgeschichte eines Trottels zu einer blonden Frau, die wir fast immer nur schlafend sehen. Es ist eine hoffnungslose Liebe, von Anfang an. Skolimowski erzählt sie uns mit nur ganz wenigen Wörtern, aber mit genauem Blick für die Größe des Gefühls und die Komik, die unausweichlich mit ihr kommt.
Ein starkes Debüt
Auch die Reihe „Un certain Regard“ eröffnete ungeheurer stark, und zwar mit „Hunger“, dem ersten Film des Londoner Turner-Preisträgers Steve McQueen. Wir sehen einen Mann, wie er die Hände ins Waschbecken taucht, sein Spiegelbild anschaut, angespannt, leer, sich die Hände abtrocknet und zum Frühstück geht, das seine Frau ihm serviert. Alles ist ordentlich, abgezirkelt, sauber, der Mann bricht sein Brötchen auseinander, und dann zeigt uns McQueen in einer kurzen Zeitlupe, wie ein paar Brösel auf die Papierserviette fallen. Bevor der Mann sich ins Auto setzt, inspiziert er es von allen Seiten, auch von unten, setzt sich hinein, dreht den Zündschlüssel um - der Motor springt an, nichts explodiert. Seine Frau beobachtet das hinterm Vorhang.
So beginnt McQueens Film, und für eine Weile bleibt er bei diesem Mann, der ein Wärter im Maze-Gefängnis in Nordirland ist. Das Jahr ist 1981, den politischen Häftlingen der IRA ist ihr Status aberkannt worden, sie sind im „Decken- und Waschstreik“, sie verweigern die Häftlingsuniform und jede Körperhygiene. Ihren Urin sammeln sie in Töpfen und schütten ihn unter dem Spalt der Zellentür auf den Gang. Die Wände bemalen sie mit Kot und Essensresten. Kassiber transportieren sie in der Mundhöhle. Sie werden zwangsgewaschen, zwangsrasiert, geschlagen, getreten, körperinspiziert. Langsam wechselt der Film die Perspektive vom Wärter zu einem neuen Häftling und dann zu Bobby Sands, der einen neuen Hungerstreik ausruft, dessen erstes Opfer er selbst wird. Allen Dialog packt McQueen in eine einzige Szene. Bobby Sands (Michael Fassbender) sitzt Vater Dominic Moran (Liam Cunningham) gegenüber, und zehn Minuten lang verfolgen wir ein Turnier der Wörter, erst halb scherzhaft, schlagfertig, dann philosophisch, drängend, warnend. Es ist der Höhepunkt des Films, der endet, wie wir es aus der Geschichte kennen, schonungslos gegenüber den Details körperlichen Verfalls. Ein starkes Debüt für einen Künstler, der sagt, er wolle weiterhin Filme drehen.