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Jenny Gröllmann : Wie viel Glück sie nicht gehabt hat

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Kurz vor ihrem Tod vor zwei Jahren geriet Jenny Gröllmann in die Schlagzeilen wegen der von ihrem Ex-Mann Ulrich Mühe angestoßenen Diskussion über ihre angebliche Stasi-Tätigkeit. Ein Film über ihr Leben zeigt nun, dass sie kaum die rechte Besetzung für einen Spitzel abgegeben hätte.

          „Ich kann kein Volk mehr denken, das zerrissener wäre“, sagte Ulrich Mühe als Hölderlin im Schoße von Jenny Gröllmann, die 1984 in Hermann Zschoches „Hälfte des Lebens“ Madame de Gontard spielte. Und genau das ist es, was in Petra Weisenburgers Porträt der Schauspielerin spürbar wird. „Ich will da sein - Jenny Gröllmann“ heißt die Dokumentation, und egal, wie improvisiert und ungestalt der Film manchmal auch wirken mag, sein Verdienst liegt vor allem darin, in dieser Figur jene Zerrissenheit noch mal spürbar zu machen.

          Ohne die Serie „Liebling Kreuzberg“, in der Gröllmann die Anwältin Isenthal spielte, hätte der Westen vermutlich nie von ihr erfahren, obwohl sie in der DDR von den späten sechziger Jahren an eine Sehnsuchtsfigur war wie Romy Schneider, von einer Lebendigkeit getrieben, die zwischen Rolle und Leben nie so recht unterscheiden konnte.

          Frei, präsent und sexy

          Man muss sich da auch stets an die eigene Nase fassen, weil die Defa immer noch so sehr ein unbekannter Kontinent ist, dass selbst der Tod von Erwin Geschonnek im letzten Jahr nicht annähernd mit derselben Bewegtheit begleitet worden ist wie der deutlich weniger bedeutender Schauspieler des bundesrepublikanischen Kinos. Und auch Jenny Gröllmanns Tod am 9. August 2006 wurde überschattet von der von ihrem Ex-Mann Ulrich Mühe angestoßenen Diskussion über ihre angebliche Stasi-Tätigkeit. Wo man doch eigentlich hätte besingen müssen, wie frei sie in ihren Filmen war, wie präsent und wie sexy. Stattdessen eine bittere Auseinandersetzung eines todgeweihten ehemaligen Traumpaares, in der es nichts mehr zu gewinnen gab, sondern nur eine Zerrissenheit vorgeführt wurde, von der sich die Hälfte des Volks sowieso keine Vorstellungen macht.

          Jenny Gröllmann 1975 in ihrer Garderobe des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin

          Die Gerichte haben Jenny Gröllmann ohnehin recht gegeben, aber auch wenn man diesen Film ansieht, scheint es mehr als unwahrscheinlich, dass sie die rechte Besetzung für einen Spitzel abgegeben hätte. Und das liegt weniger daran, dass die Regisseurin Petra Weisenburger das Material voreingenommen montieren würde, sondern an ganz einfachen menschlichen Wahrheiten: dass eine Frau, die wegen ihrer Krebserkrankung nichts mehr zu verlieren hat und nur noch mit sich und ihren Nächsten ins Reine kommen will, nicht diese Energie in einen unwürdigen Kampf stecken würde, wenn sie sich etwas vorzuwerfen hätte.

          Noch ein weiter Weg

          Man muss nur mal zusehen, wie sie mit Uwe Kockisch über die Sache redet, oder hören, wie Henry Hübchen sich mokiert darüber, dass er nach der Vereinigung gefragt wurde, ob er denn seine Vergangenheit schon aufgearbeitet habe - da wird klar, dass es noch ein weiter Weg ist, bis wir begreifen, wie das Leben in der DDR wirklich war und was die dort geleistet haben, die sich der Kunst verschrieben haben.

          Petra Weisenburger hat sehr viele Filmausschnitte für ihr Porträt montiert, und vielleicht ist das auch nötig, um zu ermessen, was Jenny Gröllmann bedeutete, aber häufig wünschte man, sie würde den Zeitzeugen mehr Raum geben: dem Schauspieler Michael Gwisdek, der mit ihrem Talent für die falschen Männer hadert, oder der Tochter Anna Maria Mühe, mit der sie einen wunderbaren Moment auf Montmartre verbringt, wo sie einen Stein auf das Grab ihres Idols Simone Signoret legt, oder dem Fotografen Michael Weidt, der sie als erster Freund zeitlebens begleitet hat und so herrlich davon spricht, welch sinnliches Erlebnis es gewesen sei, mit ihr zu sprechen oder zu essen - und was für schöne Hände und Füße sie gehabt habe.

          Aber in all seinem Tasten und Suchen fängt der Film dann doch immer wieder die Essenz dieser Frau ein, wenn sie einmal todkrank aus dem Off räsoniert, wie viel Glück sie gehabt habe, aber wie viel Glück sie auch nicht gehabt habe. Oder ganz am Ende: „Ich würde gerne noch die ersten Knospen erwischen, sehen, wie das alles wieder anfängt zu wachsen.“ Wenn man so will, dann zeigt dieser Film, wie das alles gewachsen ist, zerrissen oder nicht.

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