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Jeanne Moreau Nein, ich bereue nichts

09.04.2006 ·  Sie verkörpert das europäische Kino in seiner ganzen Strahlkraft. In François Ozons neuem Film spielt sie eine Großmutter. Jeanne Moreau über ihre neue Rolle, über starke Frauen, große Lieben und ihre erste Mayonnaise.

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Als sie die Hotelhalle betritt, schauen alle hin. Sie ist klein, so wie alle Stars kleiner sind, als man denkt. Es sind die Gesten, die Haltung des Kopfes, der Blick, es ist dieser unverwechselbar geschwungene Mund. Da steht es vor einem, keine ein Meter sechzig groß, das europäische Kino, wie es einmal war, in seiner ganzen Strahlkraft. 78 Jahre ist die Schauspielerin Jeanne Moreau heute alt. Und im wahren Leben führt sie auch Regie. Nach dem Interview, beim gemeinsamen Mittagessen, wird sie sagen, was man bestellen soll, mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme wird sie es sagen und auch nachfragen, ob man auch wirklich die empfohlene Pasta bestellt habe und keine andere. Natürlich hat man, was denn sonst? Sie ist entschieden, ein bißchen streng, gar nicht divenhaft, und sie bedient ihr Mobiltelefon mit der Geschicklichkeit eines Teenagers.

In François Ozons neuem Film „Die Zeit, die bleibt“ spielt sie eine Großmutter. Es ist ein kurzer Film über das Sterben. Ein junger Fotograf (Melvil Poupaud) erfährt, daß er nur noch drei Monate zu leben hat. Er sucht seinen Frieden mit der Welt, mit seiner Familie, seinem Freund, seiner Kindheit. Und das Großartige daran ist: Je näher der Tod rückt, desto klarer und gelassener wird sein zuvor zorniger Blick auf die Welt, bis er sich an einem Strand einfach hinlegt und einschläft. Jeanne Moreaus Rolle ist nur sehr klein, aber es kommt einem so vor, als habe die Vitalität, die sie ausstrahlt, während sie vor einem sitzt und ißt und redet und raucht, sich auf den gesamten Film übertragen. Und wenn man ihr dann sagt, daß ihr Lächeln einen noch immer an „Jules und Jim“ erinnere, faßt sie einen am Handgelenk und sagt: „Mein Lieber, ich habe Sie jetzt nicht verstanden.“

Vor genau 35 Jahren haben Sie zusammen mit mehr als dreihundert anderen Frauen ein Manifest gegen die französischen Abtreibungsgesetze unterzeichnet ...

... das „Manifeste des salopes“ meinen Sie, das Manifest der Schlampen. Jetzt haben sich einige der Unterzeichnerinnen gegen den Ausdruck „Schlampen“ gewehrt. Der stört mich überhaupt nicht. Aber ich bin auch keine Feministin. Ich lebe auf meine Weise, ich bin unabhängig, aber nicht frei. Freiheit ist nur ein Wort, niemand ist frei. Wir sind alle Staatsbürger, es gibt Gesetze. Und wir gehorchen unserem eigenen Gesetz. Die damaligen Abtreibungsgesetze waren ein Skandal. Viele Frauen starben an den Folgen illegaler Eingriffe. Ich hätte selbst zum Opfer werden können, ich hatte zwei Abtreibungen hinter mir. Es war ein unmöglicher Zustand. In dieser Hinsicht hat sich einiges gebessert.

Die Situation der Frauen hat sich insgesamt deutlich verbessert, finden Sie nicht?

Natürlich, das kommt durch den Feminismus. Die Frauen haben dadurch einiges gewonnen, aber auch manches verloren. Sie nehmen am politischen Leben teil, sie gehen auf die Straße. Sie werden jetzt von einer Frau regiert in Deutschland, wir haben Ségolène Royal, und daran hätten wir vor 35 Jahren nicht mal im Traum gedacht. Und es gibt immer noch Frauen, die sich beschweren, daß man ihnen nicht die Tür aufhält, und Männer sagen, ihre Männlichkeit sei bedroht. Was soll ich dazu sagen?

Sie waren in Ihren Rollen in den fünfziger und sechziger Jahren eine gefährliche Frau, ihre Charaktere bedrohten durch ihre Unabhängigkeit die bürgerliche Ehe und Familie.

Ich war nicht gefährlich. Für wen denn? Für die Männer? Nein, ich war eine Gefahr für mich selbst, weil ich die Unabhängigkeit gewählt habe. Ich habe nie Dinge wegen des Geldes getan ... Entschuldigung (das Mobiltelefon klingelt. Sie habe doch gesagt, sie wolle heute mittag nicht angerufen werden, und sie bittet um einen späteren Rückruf). Also, die Evolution des Kinos vollzieht sich mit der Entwicklung der Welt. Wir sind heute sehr weit davon entfernt, wie das Kino damals war. Ich muß immer wieder daran denken, wie Orson Welles mir ein Buch gegeben hat, das über ihn geschrieben wurde und „A Ribbon of Dreams“ hieß. Einen solchen Titel könnte man heute nicht mehr benutzen! Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, eine Liebesgeschichte zu erzählen, ohne den Hintergrund, die konkreten Lebensbedingungen der Menschen, zu berücksichtigen.

Aber Sie wurden doch angefeindet wegen Ihrer Rollen.

Für die Rollen war ich ja nur bedingt verantwortlich. Ich mußte mich mit dem jeweiligen mythischen Frauenbild einlassen, das die Regisseure hatten. Truffaut hatte eine bestimmte Idee von Frauen, Losey auch. Buñuel ist wieder was ganz anderes und Fassbinder auch ... (das Mobiltelefon klingelt erneut, sie spricht kurz). Mögen Sie mal nachschauen, ob meine Cola light schon gekommen ist?

Wieviel von Ihnen steckte denn in Ihren großen Rollen in „Die Nacht“ oder „Die Liebenden“ oder „Jules und Jim“?

Nichts. Was meine Entscheidungen damals wie heute beeinflußt, das ist der Regisseur. Wie er mit mir über seinen Film redet. Als Künstler gebe ich meinen Körper und meine Gedanken und Gefühle, aber es geht noch darüber hinaus: Man schafft etwas neu. So wie ich Schauspielerei verstehe, will ich etwas entdecken, was ich sonst nie erfahren würde. Nur das eigene Ego, das ist doch langweilig. Man entwickelt sich durch andere, man entdeckt, wer man ist. Wir werden alleine geboren, gehen durch Tragödien, erleben den Tod anderer Menschen, und das kann eine verzweifelte Situation sein, wenn man jemanden liebt und ihm nicht helfen kann.

Träumen Sie manchmal von den Rollen, die Sie gespielt haben?

Sie bewohnen mich. Ich lese ein Drehbuch, und dann beginnt die Arbeit mit sehr physischen Entscheidungen. Mit der Kleidung, der Frisur. Mit Orson Welles habe ich zuerst über die Vergangenheit des Charakters gesprochen. Jetzt mit François Ozon war es genauso.

Wie hat Ozon Sie davon überzeugt, eine Großmutter zu spielen?

Kurz bevor er „Acht Frauen“ drehte, trafen wir uns zum Essen, wir sprachen über das Kino, aber Sie wissen, wenn man übers Kino spricht, spricht man über das Leben. Es gab eine große Empathie, und ich ziehe Empathie dem Begriff Sympathie vor, weil in Sympathie immer schon ein Urteil steckt. Er sagte mir, in „Acht Frauen“ sei keine Rolle für mich, und als ich den Film sah, fand ich, daß er recht hatte. Dann rief er mich wieder an, wir fuhren zusammen nach Biarritz in Karl Lagerfelds Haus, und er sagte: „Ich habe eine Rolle für dich.“ Und ich antwortete: „Hoffentlich ist es keine Großmutter.“ „Doch“, sagte er. „Okay, weil du es bist, und ich lasse mich nicht in einen Rollstuhl setzen.“

Sind Sie selbst Großmutter?

Nein, mein Sohn hat keine Kinder. Man muß ja auch keine Hure sein, um eine Hure zu spielen.

Sie spielen nicht nur, Sie singen auch.

Ich arbeite mit einer brasilianischen Gruppe, ja, wir studieren demnächst Songs ein, auch Songs von Caetano Veloso.

Ist es schwer, in Ihrem Alter gute Rollen zu bekommen? Wie fühlt man sich als Großmutter, wenn man Jahrzehnte lang Inbegriff der schönen Verführerin war?

Ich bin ein Mensch ohne jeden Sinn für Nostalgie. Ich lebe mein Leben, ich habe keine Zeit, meinen Erinnerungen nachzuhängen.

Wie schauen Sie zurück auf die Vergangenheit, auf die großen Regisseure wie Truffaut, Welles, Antonioni oder Fassbinder, mit denen Sie gearbeitet haben?

Gar nicht. Aber ich gebe viele Interviews und blicke dabei zurück auf die Menschen, die ich kennengelernt habe, auf die Geschichte des Kinos. Aber ich denke nicht wie einige Leute, daß früher alles besser war. Das ist ein sehr dummer Satz. Ich bin neugierig auf das, was kommt.

Bereuen Sie es, manche Filme gemacht zu haben oder Rollen wie die der Mrs. Robinson in der „Reifeprüfung“ abgelehnt zu haben?

Ich bereue gar nichts. Wenn ich etwas abgelehnt habe, hatte ich immer gute Gründe. Ich habe eine Rolle in Kubricks „Spartacus“ abgelehnt, weil ich mitten in einer heftigen Liebesgeschichte steckte und in einem Alter war, in dem Liebe und Leidenschaft zählten. Ich mußte so leben.

Diese Haltung ist nicht gerade der Normalfall bei Menschen Ihres Alters.

Finden Sie? Wie alt ist denn Ihre Mutter?

So alt wie Sie.

Und was hat sie gemacht?

Den Großteil ihres Lebens war sie Hausfrau.

Da wird sie ihre Gründe gehabt haben. Ich bin Schauspielerin geworden, weil ich das Gefühl hatte, es läge mir im Blut.

Hat es Sie nie gestört, daß man Sie überall auf der Straße erkennt?

Wenn man sich nicht versteckt, lassen einen die Leute in Ruhe. Als ich jung war, hat man mich wegen meiner Rollen angegriffen, wegen der sexuellen Implikationen. Ich galt als das Böse in Frauengestalt, aber das ist vorbei. Die Leute, die sich darüber beschweren, daß sie nirgendwo mehr unerkannt hingehen können, sind dieselben, die sich bitter beklagen, wenn man sie eines Tages nicht mehr erkennt.

In Paris sind Sie gerade an fast jeder Straßenecke auf einem Plakat zu sehen, das für die Ausstellung „Paris au Cinéma“ wirbt. Wie fühlt man sich, wenn einen dauernd ein jüngeres Selbst anschaut?

Ich gehe nicht viel durch die Straßen, ich fahre lieber Taxi, aber ich habe das Bild gesehen. Es ist zwischen zwei Takes in „Fahrstuhl zum Schafott“ entstanden. Wir standen auf den Champs-Elysées, Ecke Rue Marbeuf. Ich weiß noch genau, daß Louis Malle mit mir sprach, daß ich mich plötzlich umdrehte, lächelte und fotografiert wurde. Es ist eine schöne Erinnerung, weil ich Louis Malle sehr geliebt habe. Ich habe deshalb in Angers eine Hommage auf sein Werk ausgerichtet. Mir werden überall auf der Welt Retrospektiven gewidmet, und viele Leute sagen: „Um Gottes willen, eine Retrospektive, das ist das Ende, du bist fertig.“ Ich liebe es, ich kann dabei über das Kino reden.

Sind Ihnen manche Ihrer Filme heute näher als andere?

Nein. Als ich anfing, hatte ich nicht die geringste Ahnung vom Kino. Mein Vater wollte nicht, daß ich Schauspielerin werde, er hat es verboten. Ich durfte keine Zeitungen lesen. Ich habe anfangs immer ja gesagt, und dann lernt man durch Erfahrung, nein zu sagen. Das ist wie beim Kochen. Und ich koche sehr gerne.

Was kochen Sie denn am liebsten?

Egal, ich mache alles gerne. Das Beste am Kochen ist sowieso das Essen, nur so entdeckt man, was gut ist. Für mich war das einfach, weil mein Vater ein Restaurant hatte, und mein Onkel war ein großartiger Koch. Wenn meine Eltern nicht wußten, was sie mit mir anfangen sollten, haben sie mich in die Restaurantküche geschickt. Ich habe mit fünf Jahren meine erste Mayonnaise gerührt. Ich wußte nicht mal, daß es eine Mayonnaise war. Sie haben mir Eier gegeben und eine kleine Flasche Öl und mir gesagt, daß ich rühren soll.

In Paris beginnt gerade eine große Retrospektive zu dem Hollywood-Regisseur William Friedkin, mit dem Sie zwischen 1977 und 1979 verheiratet waren. Werden Sie hingehen, um ihn wiederzusehen?

Natürlich.

Und wie möchten Sie in Erinnerung bleiben?

Um Gottes willen! Wenn ich tot bin, ist mir das doch völlig egal.

Das Interview führte Peter Körte. „Die Zeit, die bleibt“ kommt am 20. April ins Kino

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