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Jeanne Moreau ist tot : Die Muse der Nouvelle Vague

  • Aktualisiert am

„Die Braut trug schwarz“, 1968, von François Truffaut. Bild: Picture-Alliance

Truffaut sagte über Jeanne Moreau, sie habe alle Vorzüge eines Mannes, aber ohne seine Fehler. Jetzt ist die französische Schauspielerin gestorben.

          Jeanne Moreau wurde am 23. Jan. 1928 in Paris als Tochter des Hoteliers Anatole-Désiré Moreau und der britischen Tänzerin Kathleen Buckley geboren.  1947 stand sie mit Jean Vilar erstmals auf der Bühne, und 1948 wurde sie mit zwanzig Jahren das jüngste Mitglied in der Geschichte der Pariser Comédie Française. Mit Jean Stellis "Dernier Amour" drehte Moreau 1948 ihren ersten Film. In den legendären Aufführungen von "Le Cid" und "Der Prinz von Homburg" feierte sie an der Seite von Gérard Philip in Avignon 1951 sensationelle Erfolge. Im selben Jahr kündigte sie bei der Comédie Française und schlug einen Sieben-Jahres-Vertrag bei "Paramount" aus, um ab 1952 am experimentellen Théâtre National Populaire von Jean Vilar zu arbeiten.

          Nach einem Jahr wechselte sie ans Antoine-Theater und verbuchte hier einen großen persönlichen Erfolg in "L'heure éblouissante". Als beste Theaterschauspielerin ihrer Generation wurde sie 1954 nach Rollen in Shaws "Pygmalion" (Regie: Jean Marais) und in Cocteaus "La machine infernale" (Regie: Jean Marais) gefeiert. Am Broadway spielte sie neben Olivia de Havilland in der englischsprachigen Version ihres Pariser Erfolges "L'heure éblouissante" und triumphierte anschließend in Stücken wie "La chatte sur un toit brûlante", "La bonne soupe", "La chevauchée sur le Lac de Constance" und "Lulu".

          Ab 1949 war Jeanne Moreau mit dem Schauspieler und Regisseur Jean-Louis Richard verheiratet. Aus dieser geschiedenen Ehe stammt ihr Sohn Jérôme. In den fünfziger Jahren spielte sie in über 20 Filmen mit. Der internationale Durchbruch gelang ihr 1957 in Louis Malles Film "Fahrstuhl zum Schafott", mit dem die "Nouvelle Vague" begann. Malles setzte sie, deren Distanziertheit, Anmaßung und Erotik den Mythos "la Moreau" begründeten, dann in seiner Gesellschaftssatire "Les amants" ein, die Stürme der Entrüstung auslöste und im Adenauer-Deutschland den Jugendschutz auf den Plan rief.

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          Als Muse der Nouvelle Vague blieb Moreau dem künstlerisch wertvollen Film verpflichtet und arbeitete in der Folge mit den besten Regisseuren der Welt zusammen. Sie bedienten sich gerne des scheinbar mühelosen, künstlerisch strengen Talents der modernen Femme fatale, von der Truffaut sagte, sie habe alle Attribute einer Frau und auch alle Vorzüge eines Mannes, ohne seine Fehler zu haben. In den sechziger Jahren entstanden ihre wichtigsten Filme: Peter Brook gab ihr die Hauptrolle in seinem "Moderato Cantabile", Michelangelo Antonioni drehte mit ihr sein Meisterwerk "La notte", Truffaut verpflichtete sie in dem wohl besten seiner vielen Filme, "Jules et Jim", Orson Welles holte sie für seine Filmversion von Kafkas "Der Prozess" und seine "Falstaff"-Verfilmung sowie als Virgine in "Stunde der Wahrheit" vor die Kamera, und Luis Buñuel verlangte ihr für die Rolle der Célestine in "Das Tagebuch einer Kammerzofe" ihr ganzes Ausdrucksspektrum ab. Die Bereitschaft, neue Entwicklungen im Film mitzugehen, ließ Moreau mit André Téchiné und Rainer Werner Fassbinder ("Querelle") zusammenarbeiten, mit Lee Marvin und Donald Sutherland in "Alex im Wunderland", mit Gérard Depardieu in Bertrand Bliers "Die Ausgebufften" und in Brasilien unter schweren Bedingungen "Joana Francesca" drehen.

          1977 heiratete sie den amerikanischen Regisseur William Friedkin ("Der Exorzist"), gab ihre Schauspielkarriere vorläufig auf und führte Regie. Nach der Scheidung im Jahre 1979 kehrte sie zum Film und auch auf die Bühne zurück – ungeachtet ihres 1985 an der Kritik der amerikanischen Presse gescheiterten Broadwayauftritts in Tennessee Williams' "Die Nacht des Leguan“.

          "Große" Filme drehte sie nach Kritikermeinung 1990 mit Theo Angelopoulos' Regiedebüt "Le pas suspendu de la cigogne", das in Cannes 1991 Premiere hatte, und mit Wim Wenders' "Bis ans Ende der Welt", der im Sept. 1991 in Berlin uraufgeführt wurde. 1991 kam sie 30 Jahre nach "Jules et Jim" noch einmal als Frau zwischen zwei Männern in die Kinos: "La vieille qui marchait dans la mer" (dt. Die Dame, die im Meer spazierte) hieß Laurent Heynemanns Film, der Moreau für die Rolle der extravaganten "Lady M." einen César-Filmpreis einbrachte.

              Die vielfach für ihr Lebenswerk ausgezeichnete Muse der Nouvelle Vague, die unter anderem bei der 50. Berlinale 2000 mit einem Goldenen Bären und einer Reihe mit ihren bekanntesten Filmen gewürdigt wurde, konnte auch mit über 70 Jahren noch die Kritik begeistern. In ihrer mehr als fünfzigjährigen Karriere, in der sie an mehr als 100 Film- und TV-Produktionen mitwirkte, habe sich der glamouröse Star seine Popularität bei Publikum und Filmemachern in der ganzen Welt bewahrt, sagte Berlinale-Direktor-Moritz de Hadeln. Jetzt ist die Filmlegende im Alter von 89 Jahren gestorben.

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