Mr. Foxx, Sie sind in den siebziger Jahren in Texas aufgewachsen. Genau die Zeit, in der der Western als Genre so gut wie tot war, oder nicht?
Wo denken Sie hin! Wir haben dauernd Western gesehen. „Gunsmoke“, „The Rifleman“, „Bonanza“, „Little House on the Prairie“. Der Western war vielleicht in Los Angeles oder New York tot, aber nicht bei uns im Süden. Es gab eine Serie namens „Hee Haw“, es gab „The Lone Ranger“. Das haben wir alles ständig gesehen.
Ja, das sind die Fernsehserien, in die sich das Western-Genre zurückgezogen hat. Auf eine Figur wie Django bei Sergio Corbucci hat Sie das aber nicht vorbereitet, oder?
Da haben Sie recht, so etwas war damals in meinem Amerika nicht bekannt. Das ist eben das Besondere an Quentin Tarantino. Er kennt das alles, er entdeckt dauernd diese Juwelen und amerikanisiert sie. Es war dann aber ein ganz besonderes Ereignis, als wir Franco Nero, den Darsteller des Django, persönlich trafen. Sie können sich vorstellen, was für ein Spaß das war, seinen Namen zu buchstabieren: D-J-A-N-G-O. Das allein macht schon eine ganze Figur.
Wie läuft das ab, wenn man von Tarantino ein Drehbuch bekommt? Liegen da gleich Dutzende DVDs dabei?
Ich habe das Drehbuch gar nicht von ihm bekommen, ich musste es finden. Ich wusste natürlich von dem Projekt, aber ich dachte, sie hätten schon mit dem Drehen begonnen, als mir zu Ohren kam, dass Django noch gar nicht besetzt war. Ich verschaffte mir also das Drehbuch und war dann besonders von der Liebesgeschichte beeindruckt. Ich glaube, so etwas hat Quentin davor noch nie gemacht. Was Django auf sich nimmt, um zu seiner Broomhilda zu kommen, das macht einen wesentlichen Unterschied zu einem herkömmlichen Drama über die Sklaverei. Frauen standen Quentins Filmen immer ein wenig zwiespältig gegenüber, jetzt sind sie auch beteiligt: „Wo ist mein Django?“
Sie haben sich an Tarantino gewandt?
Ja, ich habe vorgesprochen. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch, denn ich wollte ihm gefallen. Meine Erfahrung mit Pferden war schließlich sehr hilfreich. Ich reite gern, ich brauchte kein Stunt-Double. Ich ritt mein eigenes Pferd, denn Pferde sind wie Leute, man muss ein Vertrauensverhältnis aufbauen.
Django ist die Titelfigur, steht aber lange im Schatten von Dr. King Schultz (Christoph Waltz) und Calvin Candie (Leonardo DiCaprio). Ist die Balance zwischen den Figuren in Ordnung?
Häufig sieht man Filme mit seinem Lieblingsschauspieler und ist enttäuscht. Hier kriegt man mehrere Stars, alle tragen etwas Wichtiges bei. Und die letzte halbe Stunde gehört schließlich Django. Zudem sollten wir die Figur nicht vergessen, die Samuel L. Jackson spielt.
Dieser Stephen ist zweifellos die anstößigste Figur in „Django Unchained“, ein schwarzer Hausmeister, der seine Unterdrückung bis zur Parodie verinnerlicht hat.
Bevor Samuel das spielte, hasste ich die Figur. Ich freute mich schon darauf, ihn umbringen zu können, als Django. Aber Samuel spielte ihn mit einer solchen Ernsthaftigkeit, dass dahinter die Überlebensmechanismen erkennbar werden, die er anwendet. Er ist vollständig „undercover“, hält aber natürlich Candieland am Laufen. Das macht übrigens einen guten Schauspieler aus. Auch wenn man eine Figur verabscheut, liegt das Geniale gerade darin, dies nicht zu verwässern.
Es gibt nun Stimmen in Amerika, die sich am häufigen Gebrauch des Wortes „nigger“ stoßen.
Wenn Tarantino einen Film macht, denn darf niemand „Yentl 2“ erwarten. Schwarze Leute machen sich gern vernehmlich, sie halten mit ihren Meinungen nicht zurück, manche haben den Film von vornherein nicht gemocht, und sie mögen ihn auch jetzt nicht. Das „N-Wort“ ist nicht verächtlich, es ist ein Label. Es soll uns verstören. Das ist ein Film über die Sklaverei, da geht es nicht ohne Härten. Wenn man zu Weihnachten in Amerika ins Kino ging, konnte man sehen: Ganze Familien sehen sich diesen Film an, sie wollen, dass die Kinder von diesen Brutalitäten wissen.
Das deute darauf hin, dass „Django Unchained“ so etwas wie „Roots“ für die nächste Generation werden könnte.
Absolut. Mehr als „Roots“ konnten wir damals nicht verkraften. Jetzt haben wir mehr emotionales Kapital, wir haben einen schwarzen Präsidenten, wir sehen hier einen schwarzen Mann mit seiner Frau in den Sonnenuntergang reiten, wie es früher die weißen Helden getan haben. Das geht nur, wenn man vorher auch die negativen Seiten gezeigt hat. Quentin hat einiges weggelassen, manche Grässlichkeiten während der Sklaverei waren viel schlimmer.
Wäre das „empowerment“ von „Django Unchained“, das sich gerade auch in einem tabulosen Umgang mit Sprache zeigt, ohne Hiphop denkbar?
Beides hat nicht direkt miteinander zu tun, aber die Jüngeren haben mit dem Slang nicht so ein Problem wie ich noch. Meine Tochter ist 18, sie sieht das so: Dad, so haben sie damals gesprochen. Als meine Töchter zu den Dreharbeiten auf die Plantagen kamen, da war das wie eine Geschichtsausstellung für sie.
Wie ist denn Tarantino am Set? Ist er ein autoritärer Regisseur?
Er ist kein Dompteur, der die Schauspieler brechen will, aber er ist jederzeit Herr der Lage. Er reagiert aber auch auf die Umstände, er hat das Ende mehrfach umgeschrieben. Es ist entspannt, nach der Einstellung hören wir Musik, es gibt einen Tequila, und wir lachen.
In einem Interview hat Tarantino von seinem Hass auf John Ford gesprochen, den er als Inbegriff der weißen Dominanz im Westerngenre sieht.
Als wir klein waren, sahen wir uns diese Filme einfach an und fanden nichts daran. Erst jetzt werden mir bestimmte Aspekte klar, und ich bin froh, dass Quentin das so analysieren kann. Denn erst so wird Django zu der Figur, zu der er sie gemacht hat.
Welchen Stellenwert hat der Faktor Rasse im heutigen Hollywood?
Es ist immer noch schwierig, entsprechende Geschichten mit afroamerikanischen Themen oder Charakteren zu machen. „Django Unchained“ wird sich da hoffentlich als sehr hilfreich erweisen. Es hilft auch, einen hochintelligenten schwarzen Präsidenten zu haben. Aus undurchsichtigen Gründen gibt es immer noch eine bestimmte Nervosität, wenn es um schwarze Figuren geht.
Welche Rolle spielte „Collateral“ in diesem Zusammenhang, in dem Sie neben Tom Cruise spielten?
Tom Cruise ist der Weltstar, und wie reagiert er darauf? Er ist großzügig. Mein nächster Film „Ray“ sollte vor „Collateral“ herauskommen. Ich bekniete Tom, sein Einverständnis zu geben, dass „Collateral“ vorher starten sollte, denn das gab mir eine Plattform, auf der „Ray“ sich entfalten konnte.
Sie sagen, dass „Collateral“, dieser auf Video gedrehte halbe Avantgardefilm, für Ihre Karriere entscheidend war?
Absolut. Ich erinnere mich noch gut an das Festival in Venedig. Ich saß mit Tom Cruise im Boot zum Lido. Ständig belagerten uns Leute. Ich fragte: „Wer sind diese Leute?“ „Das sind Paparazzi“, antwortete Tom. Er gönnte mir das.
Neulich haben Sie ein wenig für Aufsehen gesorgt, als Sie Barack Obama als einen „Erlöser“ bezeichneten. Religiöse Menschen waren pikiert.
Das war ein Witz, den doch niemand ernst nehmen kann. Aber mit den Social Media verselbständigt sich ständig alles. Es ist ein bisschen mühsam, diesen Kampf zu kämpfen. Man kann für fünf Sekunden ein Star werden, indem man jemand anderen diskreditiert. Ich bin Comedian, ich lebe nun einmal ein wenig auf der Kante.
Sie haben versucht, die Comedy-Serie „In Living Color“ wiederzubeleben, die ein wichtiges Element der afroamerikanischen Emanzipation im Showbiz war. Woran lag es, dass es wohl nichts damit wird?
Keenan Ivory Wayans hat versucht, was zu machen war, aber es fehlen die neuen Talente, und es fehlt vor allem der Einfluss, der so etwas möglich machen könnte.
Braucht es einen afroamerikanischen Judd Apatow?
Könnte man fast denken. Ein Kollege wie Jonah Hill, „my guy“, der ist mit Eddie Murphy aufgewachsen. Wo sind heute diese Vorbilder? Sie fehlen.
Vielleicht haben Sie nach „Django Unchained“ ja den nötigen Einfluss?
Das wäre zu hoffen.
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