Gut einen Monat sind die Schauspieler Iris Berben und Bruno Ganz jetzt in ihrem Doppelamt: Sie bilden das neue Präsidentenpaar der Deutschen Filmakademie. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußern sie sich über ihre Ziele - und ihre Liebe für die Kamera.
Haben Sie die Oscar-Verleihung geguckt? Haben Sie dem „Weißen Band“ live die Daumen gedrückt?
Iris Berben: Ich nicht, ich war in Weimar zu einer Lesung und war nächtens nicht da.
Bruno Ganz: Ich auch nicht, ich hatte keine Lust.
Warum das denn nicht?
Ganz: Ich war ja mal da und habe das Kodak-Theater von innen gesehen. Da hat mir das gut gefallen, aber am Fernseher - ich weiß nicht! Ich hatte keine Lust.
Und Ihre neue Aufgabe als Präsident hat Sie auch nicht dazu gebracht, trotzdem zu schauen, wie "Das weiße Band" abschneidet?
Ganz: Na ja, das haben wir ja erst danach erfahren. Ich unterscheide immer noch zwischen mir und dem Präsidenten - und noch bin ich mehr ich. Das muss ich erst lernen mit dem Präsidenten.
Herr Ganz, bei Ihnen wäre man nicht leicht auf die Idee gekommen, dass Sie ein Präsidentenamt anstreben oder dass das Ihrem Wesen überhaupt nahe ist.
Ganz: Wie wahr! Ja. Das stimmt, ja.
Und was hat Sie umstimmen können?
Ganz: Der Günter Rohrbach hat am Telefon irgendwie zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Sachen zu mir gesagt. Er hat einfach gesagt, ich soll nicht immer an mich denken, sondern mehr an das Gesamte, und manchmal ist man tatsächlich bereit, sich solche Sachen sagen zu lassen und sie ernst zu nehmen, und dann passiert eben, dass man ganz gegen die eigenen Neigungen so eine Aufgabe wahrnimmt - und ich werde mir Mühe geben! Ich von mir aus habe es wirklich nicht angestrebt, das ist richtig.
Und wie war das bei Ihnen, Frau Berben?
Berben: Ähnlich, aber ich habe sofort erst mal abgesagt. Das war so fremd für mich. Man verbindet mich ja nun auch nicht sofort mit der Entwicklung des deutschen Films. Also habe ich gesagt, ich würde gerne ein paar Wochen darüber nachdenken und mit Menschen, die mir wichtig sind, sprechen. Dann hat mich auch Senta Berger öfter angerufen, das war wichtig, weil ich natürlich gesagt habe: Ihr wart bei der Gründung dabei und konntet in eure Aufgabe hineinwachsen. Jetzt bedeutet es aber, in fertige Schuhe zu steigen, und ich weiß nicht, ob ich mir das zutraue. Dann war es natürlich auch wichtig, wer ist denn da an meiner Seite? Mit wem repräsentiert man da? Als ich wusste, es würde Bruno sein, dachte ich mir, vielleicht kann das spannend für uns beide sein, so ein Austausch. Das haben wir dann auch so offen auf der letzten Mitgliederversammlung der Filmakademie gesagt. Und es war erstaunlich und schön, dass genau das die Mitglieder überzeugt hat, uns zu wählen.
Im Grunde gilt ja für Senta Berger dasselbe, dass die dem deutschen Film auch abhandengekommen war.
Berben: Richtig, ich habe sie mit ein paar Vorurteilen konfrontiert, die dann in der Diskussion sicher kommen würden - Senta hat immer nur gesagt: Jedes Argument gab's bei mir auch. Und vielleicht hat es dann auch ein ganz kleines bisschen damit zu tun, dass ich genau gegen solche Einengungen und Kategorisierungen bin, denn was uns alle verbindet in dieser Akademie ist das Filmemachen mit Leidenschaft. Und dass wir unterschiedlich sind und dass wir unterschiedliche Temperaturen haben und wahrscheinlich auch ganz unterschiedlich diesen Beruf ausüben in unterschiedlichen Genres.
Ganz: Also es gibt eine ganze Menge Sachen, um die ich mich nicht gekümmert habe als Akademiemitglied. Jetzt in dieser neuen Situation fühle ich mich schon dazu aufgerufen, mich darum zu bemühen. Wenn man gar keine Neigung zum Vereinswesen hat, ist das recht mühsam.
Was meinen Sie mit „Sachen, um die Sie sich kümmern müssen“?
Ganz: Zum Beispiel möchte ich genau wissen, wie diese Förderungssachen funktionieren. Wie weit ist das wirklich gesetzlich abgestützt? Oder sind das nur so vage Agreements? Was hat die Akademie damit zu tun? Was ist die Akademie überhaupt? Solche ganz grundlegenden Sachen. Was ich bisher kapiert habe, ist, dass ich zu wenig weiß darüber.
Frau Berben, Ihre erste Begegnung mit dem deutschen Film war mit Rudolf Thomé. Was passierte denn nach „Detektive“ und „Super-Girl“, dass Sie dem Kinofilm abhandengekommen sind?
Berben: Damals war natürlich die Trennung noch viel schärfer zwischen Fernsehen und Kino. Das war wie ein Verrat, als ich mit Michael Pfleghaar gearbeitet habe. Dadurch kamen dann gar keine Angebote mehr vom Kino. Natürlich kennt man diese Trennung zwischen Theater und Film und Theater und Fernsehen, die sich immer mit einer ähnlichen Arroganz gegenseitig ausgeschlossen haben. Heute muss man feststellen, dass durch die finanziellen Möglichkeiten der Fernsehsender eine andere Durchlässigkeit besteht. Heute sind es eher Kollegen, die durch die Präsenz des Fernsehens ins Kino kommen als umgekehrt. Aber damals war das gar nicht denkbar. Dabei ist es die gleiche Arbeit, die gleiche Vorbereitung, die gleiche Ernsthaftigkeit, die gleiche Auseinandersetzung - egal ob ich Kino oder Fernsehen mache. Aber es bleibt natürlich trotzdem immer noch etwas Besonderes, dass sich Menschen von daheim aufmachen, eine Jacke anziehen, irgendwo hinfahren, einen Raum betreten und sich in diesem Raum wirklich von nichts anderem ablenken lassen.
Wenn damals die Trennung viel strikter war zwischen Kino und Fernsehen, warum haben Sie dem Werben des Fernsehens dann trotzdem nachgegeben?
Berben: Ich glaube, dass ich mit zwanzig Jahren überhaupt noch nicht begriffen hatte, was dieser wunderbare Beruf sein kann. Ich kam mir ja dadurch, dass ich nie eine Ausbildung hatte, vor wie „das Sterntaler-Mädel“, das den Rock aufhält, und alles purzelte da rein. Ich habe das gar nicht so ernst genommen, was ich mache, weil ich dachte, wenn man etwas ernst nimmt, wenn man etwas wirklich will, dann muss das ja auch ein bisschen was mit Schmerzen zu tun haben. Kunst muss ja auch immer irgendwie erlitten werden! Das war nicht da, und ich dachte, das wird es auch nicht sein, was ich wohl in meinem Leben machen möchte. Aber dann kamen plötzlich die Italiener, und ich habe in Italien Koproduktionen gemacht - und auch das ging. Also habe ich immer das Gefühl gehabt, als hätte ich mich durchgemogelt. Plötzlich drehte ich in Frankreich mit Marie-José Nat, Marie-France Pisier, wunderbaren, großartigen Frauen, und habe immer gedacht: Wann merken die eigentlich, dass du gar nicht dazugehörst? Deshalb war es für mich keine bewusste Entscheidung zu sagen: Nein, jetzt höre ich natürlich sofort Fernsehen auf und mache Kino weiter.
Herr Ganz, haben Sie sich denn mit anderem Selbstbewusstsein dem Film genähert, weil Sie vom Theater kamen?
Ganz: Rückblickend denke ich manchmal, dass ich eigentlich immer schon eher zum Kino wollte, aber das war mir mit der Geschichte, die ich habe, der Geschichte meiner Herkunft, nicht einmal vorstellbar. Also habe ich einen Umweg gemacht - oder einen anderen Weg, sage ich lieber -, um dann zum Kino zu kommen. Aber in der Zeit, als ich Theater gemacht habe, habe ich das Kino vollständig verdrängt und ausgeschlossen. Es gab nur das Theater. Und erst, als am Horizont wieder die Möglichkeit Kino auftauchte - das hat sehr viel mit Wim Wenders zu tun -, da wurde das auf einmal wieder alles lebendig und wach, was es schon einmal gab als unerfüllbare Wünsche, bevor ich zum Theater kam.
Welche Wunschträume kann das Kino noch erfüllen, die man auf der Bühne nicht schon verwirklicht hätte?
Ganz: Als es dann anfing mit den Filmen, haben mir viele Leute vom Theater gesagt, das kannst du nicht, das ist nicht dein Ding und du bist ein absolut geborener Theaterschauspieler. Und das waren keine Deppen, sondern Leute, die mir am Theater sehr viel zu sagen hatten und die ich enorm hoch geachtet habe. Das war reichlich einschüchternd, und ich habe gedacht: Ja, das mag ja alles so sein, aber lasst mich das mal selber probieren.
Und was das reine Arbeiten angeht, das Spielen vor der Kamera, was kann einem das geben, was das Spiel auf der Bühne einem nicht geben kann?
Ganz: Das Spiel vor der Kamera, das ist schon ein anderer Vorgang als im Theater! Wenn man so lange Theater gemacht hat, und das so heftig wie ich, dann ist es verschärft anders, auch rhythmisch. Aber ich habe mich immer wieder darauf zurückgezogen, dass es für mich keine Magie gibt, die so groß ist wie die in einem Kino, wenn das Licht ausgeht und die Leinwand zu leuchten anfängt. Das ist für mich der magischste Moment überhaupt, der mit diesem Beruf erreichbar ist. Ich wollte das selber ausprobieren und wissen, wie das geht. Natürlich lernt man dann mit der Zeit. Man lernt, dass es keinen Raum gibt, kein Parkett mit 30 Reihen, dass man nicht Leute erreichen muss, die im selben Raum 30 Meter entfernt sitzen - sondern nur die Kamera. Man lernt, ihr zu vertrauen. Ich scheue mich nicht zu sagen: Ich liebe dieses Gerät.
Berben: Ja.
Ganz: Da mögen die narzisstischen Anteile hoch sein, aber es hat auch sehr viel mit Vertrauen zu tun, weil einen dieses Dings wahrnimmt, ohne zu interpretieren. Wenn es so gut ist, dass es magisch wird; Sie sitzen vor der Leinwand, es ist so unglaublich schön, das können nur Kinoschauspieler - großartig!
Und wann war das, dass Sie das erste Mal den Eindruck hatten, Sie können dem Apparat vertrauen?
Ganz: Ich glaube, das ist wie bei vielen Sachen im Leben, dass sich das so allmählich und so schleichend einstellt. Ich hatte das Glück, mit wirklich großartigen Leuten zu tun zu haben von Seiten der Regie, das heißt, mit Wim oder Rohmer oder wer immer mir da begegnet ist. Ich hatte Vertrauen in die Sache insgesamt, weil ich wusste, ich habe es mit Leuten zu tun, die gute Filme machen. Es ging nur darum, wie passe ich da rein. Am Anfang habe ich noch viel Muster geguckt, und da sieht man ab und zu: Aha, das ist jetzt ein Moment, wo das wirklich so ist, wie du das gerne hättest, wo du dich freuen kannst und nicht die Schlacken siehst und irgendwelches Zeugs und sagst: mein Gott, warum denn das!
Offenbar hatten Sie, Frau Berben, ja bei Thomé nicht das Zutrauen in den Apparat.
Berben: Nein, ich hatte nicht nur das Zutrauen nicht, sondern ich hatte noch gar keine Ahnung von dem Beruf. Ich wusste noch gar nicht um die Auswirkungen auf mich, oder ob das auch wirklich meins wird. Ich habe mich da viele lange Jahre auch wie ein Fremdkörper gefühlt, der mitmacht, aber nicht dazugehört. Und da kann ich mich Bruno nur anschließen, wobei er natürlich ganz andere Erfahrungen hat durch die Nähe zu Regisseuren, die so großartige Sachen geleistet haben. Aber es ist ein Prozess, der schleichend ist. Diese Genauigkeit, sich selber auch zu beobachten und die Kamera wirklich als Komplizen zu empfinden, dem man sich einfach überlassen kann, das hat sich mit den Jahren erst entwickelt. Aber da gab es auch irgendwann den Moment, wo ich sagen konnte, ich bin richtig verliebt in die Kamera. Das ist eine Beziehung, die etwas mit Vertrauen zu tun hat, aber das ist ein Weg gewesen dorthin, das Vertrauen, das Sichtrauen, auch zulassen. Und vielleicht traue ich mir ein bisschen mehr zu in der Arbeit als im Leben.
Herr Ganz, woher rührt bei Ihnen, der Sie weltweit gespielt haben, Ihr Bedürfnis, sich auf diese Weise verstärkt mit dem deutschen Film auseinanderzusetzen? Wie groß ist Ihre Identifikation?
Ganz: Ich bin hier sozusagen stationiert in dem Land und ich denke auch, das meiste, was mir zugefallen ist, ist von Deutschland gekommen, und das hing am Anfang sehr stark mit dem Theater zusammen. Dann war es der Film und vorwiegend der deutsche Film. Und weil ich als Schweizer zumindest rudimentär noch ein paar andere Sprachen spreche, ist das so passiert, dass ich auch in Frankreich und in Italien und in englischer Sprache gedreht habe. Aber die Basis hat mit der deutschen Sprache zu tun, auch beim Kino. Aber dass nun das Amt des Präsidenten der Akademie mich dem deutschen Kino in irgendeiner Form näherbrächte, das sehe ich noch nicht.
Fühlen Sie sich nicht auch dem deutschen Kino besonders verpflichtet, weil Sie ja irgendwie eine Galionsfigur des neuen deutschen Films waren?
Ganz: Das weiß man ja nicht so genau, was das sein soll, man selbst als Galionsfigur. Aber es hört sich gut an. Nein, lassen Sie es mich so sagen: Ich fühle mich schon verpflichtet. Einmal durch das, was Günter Rohrbach in mir ausgelöst hat und durch meine Beobachtungen bei den Akademieversammlungen. Es herrscht da eine Art Selbstvergewisserung. Alle diese Einzelkämpfer sprechen über das, was sie bewegt - und das ist der deutsche Film. Das berührt mich. Außerdem sind Iris und ich von der Vollversammlung richtig gewählt worden. Allerdings sehe ich auch die Grenzen der Akademie. Wir geben beispielsweise ein Statement ab zur Inhaftierung von Roman Polanski durch die Schweizer. Das beruhigt uns, an der Sache ändert es gar nichts.
Berben: Ja, das hat zu Diskrepanzen geführt, weil sich nicht jeder in diesem Statement wiedergefunden hat.
Ganz: Aber wenn wir alle zusammen sind, herrscht da so ein Fluidum, wo ich das Gefühl habe, wir repräsentieren das deutsche Kino in einer gewissen Verbundenheit, und das ist ein gutes Gefühl, und es lohnt sich auch, an dieser Sache dranzubleiben. Das ist eine sehr vage Definition, aber enger kann ich das nicht machen nach dem, was ich bisher erlebt habe. Ein anderes Problem ist: Wir sind zwei! Ich kann ja nicht einmal nur für mich alleine reden. Also das muss man lernen.
Berben: Wir wollen ja zusammen wachsen.
Ganz: Ein Teil meiner Arbeit - in meinem Hauptberuf -, ist wirklich, dass ich in sehr kurzer Zeit sehr viele Entscheidungen fälle. Und zwar nur ich. Was ich wie wann spiele. Das sind Sachen, die ich nachher auch verantworten muss. Demokratische Prozesse liegen nicht im Kern meines Berufs, nein, wirklich nicht.
Berben: Im Grunde muss man sich jetzt erst mal positionieren. Was vertrittst du genau, wann hörst du hin, wo hörst du zu? Das wird sicherlich schwer genug werden. Trotzdem sollte einen das nicht von vornherein schon in den Gehorsam zwingen, dass man immer nur mit der Stimme der Akademie spricht.