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Interview Oliver Stone „Er war ein früher Globalisierer“

23.12.2004 ·  Er ist immer für einen Skandal gut und sorgt auch mit seinem neuen Film „Alexander“ wieder für Diskussionen: Der Regisseur Oliver Stone. Im F.A.Z.-Interview spricht er über die Homosexualität seines historischen Kinohelden.

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Herr Stone, haben Sie die Präsidentenwahlen inzwischen verkraftet?

Ich war vom Ergebnis nicht sonderlich überrascht. Wir müssen pragmatisch sein und weitermachen, auch wenn es in der amerikanischen Innenpolitik weitere Rückschritte geben wird. Die Wirtschaftslage wird sich ebenfalls verschlechtern. Aber zumindest hat Bush seine zweite Amtszeit regulären Wahlen zu verdanken. Lamentieren hilft nicht. So ist das halt in einer Demokratie. Auch die griechischen Demokratien der Antike waren irgendwann mal in einer völlig festgefahrenen Situation.

Parallel zur Präsidentenwahl wurde in elf Bundesstaaten über die Homosexuellenehe abgestimmt, negativ natürlich. Da werden sich viele Amerikaner nicht gerade über einen Film wie „Alexander“ freuen, in dem lauter androgyne junge Männer mit geschminkten Augen herumlaufen und in dem nicht nur der Held Männer liebt. Macht Ihnen das Sorgen?

Was soll ich tun? Wir leben in einer Zeit, in der historische Filme realistischer sein sollten. Hätte ich auf die Homosexualität verzichtet, hätte man mich auch attackiert. Man kann gar nicht gewinnen, schon gar nicht, wenn man einen Film von 170 Minuten ins Kino bringt. Ich stehe praktisch am Rande des Desasters (lacht). Aber die Beziehung zwischen Alexander und Hephaistion ist für einen epischen Hollywood-Film ein Durchbruch.

Es gibt ja noch andere interessante Bezüge zur Gegenwart. Alexander erobert nicht nur das Gebiet des heutigen Iran, zu seinem Großreich gehören auch verschiedene andere Länder, die heute weltpolitische Krisenherde sind.

Auf den ersten Blick sind diese Koinzidenzen natürlich bizarr. Aber da ist noch ein anderer, wichtigerer Aspekt: die Begegnung und Vermischung von Ost und West. Das ist seit Alexander ein wechselseitiger Prozeß: Der Osten beeinflußt den Westen und umgekehrt, und im neuen Jahrtausend merken wir das sehr deutlich. Alexander hat den Osten erobert, Rom hat Teile kontrolliert, und als Rom unterging, kam der Osten wieder zurück. Die Araber drangen im 7. und 8. Jahrhundert bis nach Spanien vor und wurden wieder zurückgedrängt, es gab die Kreuzzüge, dann das Zeitalter des Kolonialismus. Und jetzt sehen wir China auf dem Vormarsch, wer weiß, was daraus entsteht, wohin sich das Pendel der Geschichte bewegt. Vielleicht ist Europa ja in 50 Jahren islamisiert. Alexanders Einfluß auf die Weltgeschichte ist gewaltig. Er war ein früher Globalisierer, ein Internationalist, er wollte sich nicht darauf beschränken, ein Mazedonier zu sein. Ein König, eine Welt, das war seine Idee. Die griechischen Demokratien versuchten sich gegen Tyrannen zu schützen, indem sie Männer, die zu erfolgreich und mächtig wurden, per Scherbengericht verbannten. Alexanders Vater Philipp II. war in seinem Pragmatismus und Pessimismus gewissermaßen der letzte Grieche, erst Alexanders Mutter entzündet den Funken der Göttlichkeit in ihrem Sohn. Sie setzt ihm das in den Kopf, und er muß diesen Konflikt austragen. Das ist eine interessante psychologische Dimension, die unterhalb der Politik liegt. Die Geschichtsschreibung interessiert sich kaum für Psychologie. Doch wenn Alexanders Mutter für den Tod des Vaters mitverantwortlich war, was nicht genau feststeht, dann muß er sich damit auseinandersetzen.

Um Alexander zu begreifen, ist also die Psychonanalyse hilfreicher als die Analyse seiner Machtpolitik?

Es ist nicht nur das Streben nach Macht, es ist vor allem das Streben nach Ruhm. Wenn er mit seinem Vater in der Höhle vor all den Bildern mythologischer Gestalten steht und sagt, eines Tages werde auch sein Bild dort neben Achilles zu finden sein, redet er vom Ruhm. Macht oder Geld spielen da keine große Rolle. Alexander ist auch kein Eroberer wie später Julius Cäsar, er ist der Mann, der ans Ende der Welt geht, immer über das nächste Gebirge hinweg, da ist der Wunsch, die Sehnsucht, immer noch einen Schritt weiter zu gehen. Noch als Hephaistion gestorben ist, spricht er vom Zug nach Arabien, nach Rom und Sizilien. Er weiß, daß er sterben wird, wenn er nicht weitergeht. Er kann nicht aufhören. Er ist wie ein Hai.

Sie machen Ptolemaios, Alexanders ehemaligen General, der später in Ägypten Pharao wurde, zum Erzähler. Er steht 40 Jahre nach dem Tod Alexanders in der Bibliothek von Alexandria und ist während des Feldzugs immer wieder als Offstimme präsent. Was versprechen Sie sich davon?

Es sind ja keine zeitgenössischen Quellen zu Alexander erhalten. Der Althistoriker Robin Lane Fox, der mein Berater war, ist in seinem Alexander-Buch sehr rigoros, wenn es darum geht, was wir wirklich über Alexander wissen. Ptolemaios' Chronik ist auch nicht erhalten, aber wir wissen, daß fast alle späteren Autoren sie benutzt haben, obwohl das Buch nach allem, was man weiß, eine sehr trockene Lektüre war, da es sich vor allem mit der militärischen Seite befaßte. Mich hat Ptolemaios als Überlebender der großen Zeit fasziniert. Er weiß um die Ambivalenz aller historischen Größe, er weiß, daß Alexander auch für sein Verhalten bezahlt hat. Das ist etwas anderes als die konventionelle Zusammenfassung des Geschehens durch einen Erzähler. Ptolemaios verkörpert auch die Skepsis gegenüber dem Idealismus Alexanders. In meinem ersten Drehbuchentwurf hatte ich sogar eine Szene, in der die Bibliothek von Alexandria mitsamt den Aufzeichnungen des Ptolemaios in Flammen aufgeht, aber das fand der Produzent zu deprimierend.

Nach „Gladiator“ kam „Troja“, jetzt folgt „Alexander“, weitere Antikenprojekte sind in Arbeit: Was reizt Hollywood an Griechen und Römern?

Daß Gladiator viel Geld gemacht hat und Troja auch. Außerdem ist es gut für das Kino. Meine Generation ist ja mit Historienfilmen wie Kleopatra aufgewachsen, und heute entsteht diese Welt noch einmal neu. Natürlich macht auch die digitale Technik Dinge möglich, von denen man früher nur träumen konnte, man kann es jetzt einfach realer aussehen lassen. Das ist mittlerweile so selbstverständlich, daß mich bei all den Interviews, die ich bisher gegeben habe, niemand gefragt hat, wie ich eigentlich die Schlachtszenen realisiert habe.

Der Oliver Stone, den wir aus vielen Filmen kennen, der Maniac am Schneidetisch, hat in „Alexander“ eine Auszeit genommen. Ist Ihnen die Zurückhaltung schwergefallen?

Das Sujet diktiert den Stil. Der Rhythmus meiner Filme, die in der Gegenwart spielen, ist natürlich unruhiger, nervöser. Aber da sind ein paar Tricks in Alexander, die Sie beim zweiten Sehen bestimmt bemerken werden, sie sind bloß gut versteckt. Ich wollte diesmal möglichst nahtlose Übergänge, der Film soll so leicht anzusehen sein, daß er meiner jüngsten Tochter, die neun Jahre alt ist, und meiner Mutter, die Mitte 80 ist, gleichermaßen gefällt. Für einige geht er immer noch zu weit. Mein Problem ist, daß ich einfach keine Filme machen kann, die für Kinder unter zwölf Jahren in Begleitung eines Erwachsenen freigegeben werden. Wie soll das gehen bei diesem Thema?

Das Interview führte Peter Körte

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2004, Nr. 300 / Seite 39
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