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Interview mit Sean Penn : Kino ändert nichts

  • -Aktualisiert am

Sean Penn bei der Premiere von „The Gunman“ in Los Angeles Bild: Agency People Image

Warum engagieren Sie sich in Haiti? Sind humanitäre Einsätze nicht frustrierend? Gibt es heute überhaupt noch Helden? Der amerikanische Schauspieler und Regisseur Sean Penn im Gespräch.

          Zehn Jahre hat Sean Penn, Schauspieler, Regisseur, zweifacher Oscarpreisträger und Aktivist, Haiti-Helfer und einer der großen Wohltäter Hollywoods, „The Last Face“ mit sich herumgeschleppt, seine zehnte Regiearbeit, inszeniert nach zehn Jahren Pause. Javier Bardem spielt darin einen Arzt in einem afrikanischen Flüchtlingslager, der versucht, das Leiden der Bürgerkriegsflüchtlinge zu lindern. Es ist zudem die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe zur Entwicklungshelferin Wren, gespielt von Charlize Theron, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch Penns Lebensgefährtin. Bardems und Therons Figuren sind nicht nur ein Paar, sondern auch Protagonist und Antagonist, wenn sie über Sinn und Unsinn der Entwicklungshilfe von Staaten und deren Wohlstand diskutieren. Am moralischen Zwiespalt zerbricht auch die Beziehung. Bei der Premiere in Cannes im letzten Jahr wurde „The Last Face“ von der Kritik brutal verrissen. Trotzdem stellte sich Penn wie geplant dem Gespräch: Seine Miene wirkte etwas grimmig und mürrisch, wie so oft, und er sah, man muss es sagen, etwas verkatert aus. Auch wenn er sich ruhig und gefasst gab, merkte man, wie angezählt der 57-Jährige war.

          Mr. Penn, was hatten Sie vor mit „The Last Face“ – den Zuschauer mit der Not der Kriegsopfer in Afrika zu konfrontieren? Ist der Hintergrund essentiell für die Liebesgeschichte?

          Wenn der Zuschauer das als Konfrontation auffassen sollte, dann hat er sich mit dem Thema in der Vergangenheit nur nachlässig auseinandergesetzt. Ich erzähle die Geschichte so, als würde ich sie den Menschen erzählen, mit denen ich die meiste Zeit verbringe. Es ist einfach meine Sicht auf das Thema, ich will nicht in erster Linie konfrontieren.

          Sie möchten dem Publikum nur Ihre eigene Erfahrung mit der Realität von Flüchtlingen zeigen?

          Ja.

          Wie entstand der Wunsch, diese Geschichte erzählen zu wollen?

          Ich lasse mich oft für meine Regiearbeit von Themen inspirieren, mit denen ich mich intensiv beschäftigt habe. Im einfachsten Fall setze ich mich dann hin und schreibe drauflos. Aber in diesem Fall lag bereits seit 2005 ein Drehbuch vor. Es entstand direkt nach dem Bürgerkrieg in Liberia. Ich war damals gar nicht als Regisseur im Gespräch, ich sollte den Helikopter-Piloten spielen, den Part, den jetzt mein Sohn Hopper spielt. Ich hatte also mit dem Drehbuch nichts zu tun, kannte es aber und mochte es sehr. Als mir dann die Regie angeboten wurde, fand ich die Idee großartig, den Film mit Charlize Theron und Javier Bardem zu drehen.

          Woher kam diese Idee? Weil Sie damals mit Charlize Theron zusammen waren?

          Ich hatte Javier Bardem mal mit dem ursprünglich vorgesehenen Regisseur bekannt gemacht. Das Projekt zerschlug sich, aber Javier war weiter interessiert. Dann hat mein Produzent Matt Palmieri die Rechte an dem Drehbuch erworben und suchte einen Regisseur. Als ich das Drehbuch wieder las, verbrachte ich gerade viel Zeit mit Charlize. Ich hatte sie beim Lesen die ganze Zeit vor Augen. Die Paarung von Charlize und Javier war für mich das Faszinosum. Dann habe ich ein Update des Drehbuchs geschrieben und die Story auf Südsudan ausgeweitet. Ich dachte, ich hätte durch meine eigenen Reisen etwas zu dieser Geschichte beizutragen. Ich kenne den Teil der Welt, in der der Film spielt, sehr gut.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Wren, Therons Figur, hat mit dem Vermächtnis ihres Vaters zu kämpfen. Ihr Vater Leo Penn war ebenfalls Regisseur. Hat er noch indirekt Einfluss auf Ihre Arbeit?

          Ich war wie ein Schwamm, der seinen Einfluss aufgesogen hat. Ich zähle zu den Glücklichen, die eine sehr gute Beziehung zum Vater hatten. Ich bin als Kind oft an seinen Sets gewesen und habe bestimmt einiges mitgenommen. Aber damals wollte ich gar kein Regisseur werden, ich wollte nur mit Dad zur Arbeit gehen.

          Jetzt spielt Ihr eigener Sohn in diesem Film mit. Mit 18 Jahren war er bereits mit Ihnen auf Haiti und hat Sie bei der Katastrophenhilfe unterstützt. Sucht er die Nähe zu seinem Vater? Oder hat er nur dieselben Herzensprojekte wie Sie?

          Das müssten Sie ihn selber fragen. Er ist auf jeden Fall jemand, der sich mit sehr, sehr viel Leidenschaft einer Sache widmet.

          Gibt es für Sie Parallelen zwischen der Regie und dem Leiten eines Hilfscamps in Haiti?

          Absolut! Meine Arbeit in Haiti hat an mich die gleichen Anforderungen gestellt wie meine Regietätigkeit. Nur ging es dabei um etwas anderes – nicht nur um einen Film, sondern um Menschenleben. Das Budget war genauso hoch wie das meiner Filme. Und am Set läuft jeder Film, der unterfinanziert ist, ins Notfall-Management: Die Arbeit sollte eigentlich immer schon am Vortag fertig sein. Mit diesen Parametern kenne ich mich gut aus!

          Filmtrailer : „The Last Face“

          Das verheerende Erdbeben in Haiti ereignete sich im Januar 2010. Sie waren kurze Zeit später in Port-au-Prince und gründeten dann die Stiftung „J/P Haitian Relief Organization“.

          Unsere Organisation hat mit der Nothilfe angefangen und sich über die Jahre in eine breiter aufgestellte Entwicklungshilfeorganisation verwandelt. Das war der Zeitpunkt, als ich mich selbst aus der Position des Leiters gefeuert habe: Denn ab da waren für diese Arbeit andere Talente und Erfahrungen gefordert als meine Filmproduktions-Notfall-Erfahrungen. Für Entwicklungshilfe benötigt man Fähigkeiten, über die ich nicht verfüge. Also habe ich passende Leute an Bord geholt, um die Weiterentwicklung der Organisation sinnvoll voranzutreiben. Regie und Haiti: gleiches Geschäft, verschiedene Ziele.

          Wie schützen Sie sich in humanitären Einsätzen vor Momenten der Frustration und vor Zweifeln am Sinn Ihrer Bemühungen? In „The Last Face“ durchläuft Charlize Therons Figur eine Phase der Verzweiflung und Resignation . . .

          Davor kann man sich nicht schützen. Du begibst dich jeden Tag aufs Neue wieder in den Ring. Wir können uns nicht sicher sein, dass wir mit unseren Initiativen den Menschen nur nützen und nicht auch schaden. Eine „Saison“ im Entwicklungshilfe-Jargon beträgt sieben Jahre. Als Krisenmanager versucht man, möglichst kluge Aktionen in Gang zu setzen. Alle Interventionen müssen von Einheimischen initiiert oder gutgeheißen werden. Doch ob sie fruchten, zeigt sich erst nach einem längeren Zeitraum, nicht nach den angesetzten sieben Jahren. Wir tun unser Bestes, unser Menschenmöglichstes, doch wir sind eben nur Menschen. Es gibt immer wieder Rückschläge, die innerhalb von Sekunden mehrere Jahre Arbeit zunichtemachen können. Politische Umstände sind häufig ausschlaggebend. Es ist oft ein frustrierendes Spiel. Du tust es trotzdem. Aus Hoffnung.

          Warum haben Sie als Fürsprecher der afrikanischen Betroffenen ein weißes, westliches Paar für die Liebesgeschichte ausgewählt?

          Für mich ist das Teil meiner Realität, so wie ich sie erlebt habe. Wenn ein Zuschauer im Kino dafür nicht offen ist, dann soll er sich verpissen!

          Haben Sie eine Ahnung, warum die Zuschauer in Cannes mit so viel Aversion auf „The Last Face“ reagiert haben könnten?

          Das ist nicht meine Aufgabe, das zu beantworten. Keine Ahnung.

          Können Sie es unter dem Motto „Besser schlechte Publicity als keine Publicity“ abhaken?

          Nein. Diese Ansicht teile ich nicht. Meiner Meinung nach hat die Kunst einen hohen Preis dafür zahlen müssen, dass Publicity überbewertet wird. Viele kreative Köpfe sind schon davon geschluckt worden – als könne kreative Identität ohne Franchises gar nicht mehr existieren. In Cannes laufen sehr viele Leute herum, die nur noch die Meinung derjenigen repräsentieren, die sie eingekleidet haben. Wo bleibt die eigene Meinungsäußerung? Ich weiß gar nicht mehr, wo ich jemanden finden kann, der originelle Gedanken hat. Im Journalismus läuft es ähnlich: Wer plappert am erfolgreichsten das nach, was jemand anderes geschrieben hat? Das finde ich nicht inspirierend. Ich halte Film nicht für das Medium, das einen Wandel in der Welt herbeiführen kann. Dafür bedarf es stärkerer Werkzeuge.

          Zum Beispiel?

          Ich halte klare, dynamische Polit-Strategien für sinnvoller als Kunst. Ich halte es für ein reines Märchen, dass wir unsere Welt mittels Schönheit verändern können. Kunst und Kultur haben nur dann einen hohen Stellenwert in einer Gesellschaft, wenn alle genug zu essen haben, wenn es Gesetze, Unterkunft, Sicherheit und ein demokratisches System gibt. Die Welt entwickelt sich gerade allerdings in der Hinsicht in eine Abwärtsspirale.

          Hat sich der Regisseur Sean Penn durch den humanitären Helfer verändert?

          Früher war das für mich ein und dasselbe. Wenn ich mir in den Siebzigern „Badlands“, „Days of Heaven“ oder „The Conversation“ im Kino angeschaut habe, im Goldenen Zeitalter des amerikanischen Kinos, waren diese Regisseure meine Lehrmeister, indirekt und direkt. Heute finde ich so etwas nicht mehr. „The Revenant“ und davor „Beasts of the Southern Wild“ waren einige der wenigen Filme, die mich in letzter Zeit beeindrucken konnten.

          Haben Sie je erwogen, sich beim Einsatz für Sudan mit George Clooney zusammenzutun?

          George Clooney weiß, dass er in allem mit meiner Unterstützung rechnen kann. Er hat meine Telefonnummer und ich seine. Ich habe größten Respekt für ihn. Er konzentriert sich besonders auf Sudan, während ich mich nur für diesen Film mit dem Land beschäftigt hatte. Mein Engagement konzentriert sich eher auf andere Krisenregionen, doch wenn er meine Unterstützung suchen sollte, würde ich ihm jederzeit zur Verfügung stehen.

          Gibt es für Sie noch Helden?

          Es gibt viele humanitäre Helden. Einer von ihnen spielt sogar in diesem Film mit: Ibrahim Mudawi, der oft inhaftiert und gefoltert wurde, ist einer der Helden der Darfur-Bewegung. Er spielt am Anfang des Films den älteren Arzt in der Höhlensiedlung in den Bergen. Der Begriff „Held“ ist vielleicht etwas hochgegriffen, aber es gibt einige Menschen, gerade in Haiti, die mich durch ihre Taten beeindruckt haben. Sie setzen sich leidenschaftlich dafür ein, dass die Menschen um sie herum ein besseres Leben haben.

          Sie sind in vielen Krisenregionen unterwegs gewesen, zum Teil als Berichterstatter für den „San Francisco Chronicle“, Sie waren in Iran, in Mexiko und Venezuela. Haben Sie nie Angst, dass Ihnen etwas zustoßen könnte?

          AIch gehöre zu den Glücklichen, die sich ein Flugticket leisten können. Ich kann mir außerdem den Zeitaufwand für diese Reisen leisten. Ich bin generell ein neugieriger Mensch. Was die Angst angeht, da halte ich es mit Anwar el Sadat, der in einem Interview auf die Frage nach seiner Angst vor möglichen Attentaten antwortete: „Ich werde sterben, aber nicht eine Sekunde früher, als Gott für mich vorgesehen hat.“

          „The Last Face“ erscheint am 29. September auf Blu-Ray und DVD (Universum Film).

          Quelle: F.A.S.

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          Filmtrailer : „The Last Face“

          „The Last Face“, 2016. Regie: Sean Penn, Mit: Charlize Theron, Javier Bardem, Adèle Exarchopoulos Start: 29.09.2017

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