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Interview mit Sean Penn : Kino ändert nichts

  • -Aktualisiert am

Ich war wie ein Schwamm, der seinen Einfluss aufgesogen hat. Ich zähle zu den Glücklichen, die eine sehr gute Beziehung zum Vater hatten. Ich bin als Kind oft an seinen Sets gewesen und habe bestimmt einiges mitgenommen. Aber damals wollte ich gar kein Regisseur werden, ich wollte nur mit Dad zur Arbeit gehen.

Jetzt spielt Ihr eigener Sohn in diesem Film mit. Mit 18 Jahren war er bereits mit Ihnen auf Haiti und hat Sie bei der Katastrophenhilfe unterstützt. Sucht er die Nähe zu seinem Vater? Oder hat er nur dieselben Herzensprojekte wie Sie?

Das müssten Sie ihn selber fragen. Er ist auf jeden Fall jemand, der sich mit sehr, sehr viel Leidenschaft einer Sache widmet.

Gibt es für Sie Parallelen zwischen der Regie und dem Leiten eines Hilfscamps in Haiti?

Absolut! Meine Arbeit in Haiti hat an mich die gleichen Anforderungen gestellt wie meine Regietätigkeit. Nur ging es dabei um etwas anderes – nicht nur um einen Film, sondern um Menschenleben. Das Budget war genauso hoch wie das meiner Filme. Und am Set läuft jeder Film, der unterfinanziert ist, ins Notfall-Management: Die Arbeit sollte eigentlich immer schon am Vortag fertig sein. Mit diesen Parametern kenne ich mich gut aus!

Filmtrailer : „The Last Face“

Das verheerende Erdbeben in Haiti ereignete sich im Januar 2010. Sie waren kurze Zeit später in Port-au-Prince und gründeten dann die Stiftung „J/P Haitian Relief Organization“.

Unsere Organisation hat mit der Nothilfe angefangen und sich über die Jahre in eine breiter aufgestellte Entwicklungshilfeorganisation verwandelt. Das war der Zeitpunkt, als ich mich selbst aus der Position des Leiters gefeuert habe: Denn ab da waren für diese Arbeit andere Talente und Erfahrungen gefordert als meine Filmproduktions-Notfall-Erfahrungen. Für Entwicklungshilfe benötigt man Fähigkeiten, über die ich nicht verfüge. Also habe ich passende Leute an Bord geholt, um die Weiterentwicklung der Organisation sinnvoll voranzutreiben. Regie und Haiti: gleiches Geschäft, verschiedene Ziele.

Wie schützen Sie sich in humanitären Einsätzen vor Momenten der Frustration und vor Zweifeln am Sinn Ihrer Bemühungen? In „The Last Face“ durchläuft Charlize Therons Figur eine Phase der Verzweiflung und Resignation . . .

Davor kann man sich nicht schützen. Du begibst dich jeden Tag aufs Neue wieder in den Ring. Wir können uns nicht sicher sein, dass wir mit unseren Initiativen den Menschen nur nützen und nicht auch schaden. Eine „Saison“ im Entwicklungshilfe-Jargon beträgt sieben Jahre. Als Krisenmanager versucht man, möglichst kluge Aktionen in Gang zu setzen. Alle Interventionen müssen von Einheimischen initiiert oder gutgeheißen werden. Doch ob sie fruchten, zeigt sich erst nach einem längeren Zeitraum, nicht nach den angesetzten sieben Jahren. Wir tun unser Bestes, unser Menschenmöglichstes, doch wir sind eben nur Menschen. Es gibt immer wieder Rückschläge, die innerhalb von Sekunden mehrere Jahre Arbeit zunichtemachen können. Politische Umstände sind häufig ausschlaggebend. Es ist oft ein frustrierendes Spiel. Du tust es trotzdem. Aus Hoffnung.

Warum haben Sie als Fürsprecher der afrikanischen Betroffenen ein weißes, westliches Paar für die Liebesgeschichte ausgewählt?

Für mich ist das Teil meiner Realität, so wie ich sie erlebt habe. Wenn ein Zuschauer im Kino dafür nicht offen ist, dann soll er sich verpissen!

Haben Sie eine Ahnung, warum die Zuschauer in Cannes mit so viel Aversion auf „The Last Face“ reagiert haben könnten?

Das ist nicht meine Aufgabe, das zu beantworten. Keine Ahnung.

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„The Last Face“ Video-Seite öffnen

Filmtrailer : „The Last Face“

„The Last Face“, 2016. Regie: Sean Penn, Mit: Charlize Theron, Javier Bardem, Adèle Exarchopoulos Start: 29.09.2017

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