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Interview mit Oscar-Gewinner : Eine primitive Art des Widerstands

  • -Aktualisiert am

László Nemes mit seinem Oscar für den besten fremdsprachigen Film Bild: dpa

Der ungarische Regisseur László Nemes, der gerade den Oscar für den besten ausländischen Film gewann, spricht im Interview über seine gewagte Idee, in „Son of Saul“ aus Sicht eines einzelnen Auschwitz-Häftlings zu erzählen.

          Ihr Film „Son of Saul“ spielt im KZ und ist aus Sicht eines Häftlings erzählt, eines Mitglieds des Sonderkommandos, das dafür sorgen musste, dass die Vergasung reibungslos funktionierte. Die Kamera ist ihm immer auf den Fersen, beobachtet alles über seine Schulter hinweg – wenn sie nicht sein Gesicht filmt. Wie kamen Sie auf diese Idee?

          Ich habe mich gefragt, wie es gelingen kann, den Zuschauer dichter ans Geschehen ranzuholen, als dass er immer nur auf die Handlung achtet. Und irgendwann fiel mir auf, dass über den Holocaust im Film noch nie so erzählt worden war. Also aus Sicht eines Einzelnen, ganz dicht am Protagonisten. Der Einzelne ging immer im Kollektiv unter. Das Kino versucht normalerweise immer, eine Distanz zu liefern, und eine Erleichterung, die das Kino einem bieten kann, ist es, verschiedene Sichtweisen einzunehmen. Die Möglichkeit dieser Erleichterung wollte ich dem Zuschauer nehmen. Wenn man immer bei einem Menschen bleibt, bei einem Gesicht, lässt sich darüber, was es bedeutet hat, während des Holocausts ein Mensch zu sein, etwas Tiefes und Emotionales kommunizieren.

          Der Mann, dessen Gesicht die absolute Hauptrolle spielt, Ihr Saul, ist kein Schauspieler. Er heißt Géza Röhrig, er ist wie Sie Ungar. Wie haben Sie ihn gefunden, beziehungsweise warum haben Sie ihn ausgesucht?

          Er hat in den Neunzigern schon in kleineren ungarischen Filmen gespielt, dann ging er nach New York, wo er als Lyriker und Schriftsteller lebt. Dort haben wir uns auch kennengelernt. Er brachte die richtige Energie mit. Auf irgendeine Weise scheint er die Narben des 20.Jahrhunderts zu verkörpern, irgendwie trägt er den Schmerz dieses Jahrhunderts in sich. Er ist glaubwürdig in einem 1944er Kontext. In einem solchen Fall, wo sich alles so auf den Schauspieler konzentriert, muss dieser eine Energie haben, die über das Spielen hinausgeht. Es muss wirklich aus den Fasern dieses Menschen kommen.

          Als ich von Ihrem Film gehört habe – spielt in einem KZ, aus Sicht eines Häftlings erzählt –, zuckte ich innerlich zusammen, weil ich mir schon vorgestellt habe, wie die Kostüme extra lumpenhaft aussehen oder wie man halt sonst vergeblich versucht, das nachzustellen. Aber es ist Ihnen gelungen, einen KZ-Film zu machen, bei dem man nicht dauernd dabei denkt, ach, ist ja alles nur gespielt. Hatten Sie selbst keine Angst davor, dass es alles ganz fürchterlich misslingt?

          Nein. Nie. Ich hatte natürlich Zweifel, ob es mir gelingen würde, den Film stimmig zu erzählen, ob es als Ganzes gelingen würde, aber was das visuelle Herangehen anging, also den Stil und in diesem Fall zugleich die Moral, hatte ich nie Zweifel. Es war eine moralische Entscheidung. Das Einzige, was für den Zuschauer Sinn ergibt, glaube ich, und dieses Ereignis glaubwürdig repräsentieren kann, ist ein menschliches Gesicht. Daran zweifelte ich nie.

          Der Film ist intensiv, aber man kann ihn ertragen, was auch daran liegt, dass Ihr Schauspieler gar nichts zu spielen scheint. Er drängt einem keine Gefühle auf, sondern überlässt diese vollkommen dem Zuschauer. War das eine Regieanweisung von Ihnen, dass er nichts zeigen soll?

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