31.05.2007 · Die Schauspielerin Chloe Sevigny ist in Hollywood auf die traurigen Rollen abonniert. In David Finchers „Zodiac“ spielt sie einen unscheinbaren Bücherwurm. Verena Lueken unterhielt sich mit ihr über große und kleine Rollen, Hollywood und New York.
Die Schauspielerin Chloe Sevigny ist in Hollywood auf die traurigen Rollen abonniert. In David Finchers „Zodiac“ spielt sie einen unscheinbaren Bücherwurm. Verena Lueken unterhielt sich mit ihr über große und kleine Rollen, Hollywood und New York.
Sie sehen in „Zodiac“ wieder mal völlig anders aus als in anderen Filmen, vor allem auch anders als auf Fotos.
Oh, gut! Ich trage zum ersten Mal eine Brille und Zöpfe.
Der Gegensatz ist erstaunlich zwischen Ihrem Image als „It-Girl“ und Ihren Rollen in Filmen, in denen Sie meistens unscheinbar aussehen, fast mauerblümchenhaft.
Ich würde Melanie in „Zodiac“ eher einen Bücherwurm nennen als ein Mauerblümchen. Aber ich glaube auch, dass ich inzwischen etikettiert bin, ich habe oft diese „Nerds“ gespielt, und so werde ich halt immer wieder besetzt. Mir gefällt daran, dass die Leute offenbar meinen, ich sehe intelligent aus. Aber es stimmt schon, eine glamouröse Frau habe ich in keinem Film gespielt bisher. Und ich würde das rasend gern tun! Aber in Hollywood gelte ich nicht als schön, also werden mir diese Rolle nicht angeboten. Ich werde immer gefragt, wenn die Rolle der merkwürdigen Freundin zu besetzen ist oder eben der, die sich in ihre Bücher vertieft.
Ich dachte, vielleicht liegt es an Ihnen - dass Sie andere Rollen nicht so interessieren oder die Filme nicht, in denen Sie glamourös sein könnten.
Nein, so kann man das nicht sagen, leider. Wie gesagt, ich würde gern einmal die Glamouröse spielen, aber, da haben Sie recht, einen Haken müsste die Sache schon haben, es müsste eine Frau sein, deren Glamour nicht unbeschadet bleibt, Risse bekommt, auseinanderfällt. Solche Rollen gibt es nicht so oft.
Melanie aber fällt nicht auseinander. Sie behält die Kontrolle.
Das gefällt mir so gut an dieser Figur. Viele Frauen in ihrer Situation würden heulen, zetern. Sie aber bleibt ganz bei sich, vertraut sich selbst und bleibt völlig ruhig. Sie bleibt bei Robert, so lange sie kann. Sie versucht herauszufinden, warum er so obsessiv geworden ist und wie das weitergehen soll. Und wenn sie von ihm keine Antwort bekommt und sie den Eindruck hat, es wird für sie und ihre Kinder gefährlich, geht sie. Sie ist wirklich einen No-nonsense-Figur, das gefällt mir sehr.
„Zodiac“ ist einer der größeren Filme in Ihrer Karriere. Spielte das eine Rolle dabei, dass Sie diesen relativ kleinen Part übernommen haben?
Es war eher die Zusammenarbeit mit David Fincher, ich verehre seine Arbeit, wir sind befreundet, die Besetzung ist großartig, und so habe ich diesen ein wenig undankbaren Part übernommen. Aber Melanie ist unabhängig, hat einen starken Willen, das macht die Rolle dann doch nicht so schlecht.
Was denken die in Hollywood denn von Ihnen, wissen Sie das?
Nicht wirklich, nein. Ich habe diese Fernsehshow bei HBO im Augenblick, „Big Love“, die ein sehr positives Echo von der Filmindustrie bekommen hat. Zuvor hatte mich noch niemand in dieser Weise spielen gesehen. Es geht um Vielweiberei, ich spiele eine der Frauen, eine Hauptrolle, sie ist manipulativ, ein bisschen verrückt, etwas anderes als sonst. Eine solche Serie ist allerdings eine wahnsinnige Zeitverpflichtung. Für sechs Jahre habe ich unterschrieben, zwei sind erst vorbei. Und im Kino hätte ich schon auch gern größere Rollen, natürlich, aber ich werde den ungewöhnlichen Filmen treu bleiben, der Mainstream ist nicht immer so interessant.
Mit welchen Regisseuren würden Sie denn gern arbeiten?
Ach, da gibt es so viele. Jane Campion zum Beispiel, für deren „Hideous Kinky“ habe ich vorgesprochen, und wir haben uns gut verstanden, auch wenn die Rolle dann an Kate Winslet ging; die Coen-Brüder, James Gray, Scorsese würde ich auch nicht ablehnen, wer würde das schon. Und irgendwie zieht es mich zu eher traurigen Geschichten.
„Big Love“ drehen Sie in Los Angeles. Sind Sie umgezogen von New York?
Um Gottes willen, nein. Ich fliege jedes Wochenende nach Hause. Obwohl sich auch New York ja nicht zum Besseren verändert hat. Niemand kann sich eigentlich mehr leisten, dort zu wohnen, es ist so wahnsinnig teuer geworden, überall sprießen Einkaufsketten, die kleinen Läden verschwinden, es ist schon deprimierend. Das ist der Trend überall, aber eben auch in New York. Ich hasse das. Ich versuche halt zu tun, was ich kann, um dem was entgegenzusetzen. Kaufe meine Bücher in unabhängigen Buchläden, gehe in kleine Cafés. Ich bin jetzt im Vorstand einer Nachbarschaftsinitiative im East Village, da versuchen wir, die Entwicklung ein bisschen zu bremsen, den nächsten Starbucks zu verhindern, solche Sachen.
Die Initiative von Bürgermeister Bloomberg für ein „grünes New York“ müsste Ihnen gefallen, oder?
Das ist wunderbar, was er da macht, seine Vorstellungen und Pläne, dass Busse umweltschonend fahren, wieder mehr recycelt wird, bestimmte Gegenden zurückgebaut werden und so weiter, damit New York wieder eine Vorreiterrolle spielt, diesmal im Umweltschutz. Viele Amerikaner sind einfach völlig ungebildet, wenn es um Umweltschutz geht, deshalb sind seine Pläne so außerordentlich. Ich bin wohl eine der wenigen, die in einem umweltbewussten Haushalt aufgewachsen ist. Meine Mutter hat, was immer ging, kompostiert, wir haben Stoffservietten benutzt und alles recycelt, und so lebe ich immer noch. Leider wird das alles den Siegeszug der Ladenketten, nicht stoppen.
Aber irgendwo anders wollen Sie trotzdem nicht leben?
Nein, nirgendwo sonst als in New York.