Home
http://www.faz.net/-gs6-we33
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 09. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview Mike Nichols Wo ist das Leben in einem Stoff?

02.02.2008 ·  Der Regisseur Mike Nichols über seine Geburtsstadt Berlin, Julia Roberts im Bikini und seinen neuen Film „Der Krieg des Charlie Wilson“, der satirisch vom Einsatz eines Kongressabgeordneten für die afghanischen Mudschahedin in ihrem Kampf gegen die Sowjets erzählt.

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Es ist bestimmt nicht sein bester Film, aber einer der bestbesetzten, die Mike Nichols je gedreht hat: Julia Roberts, Tom Hanks und Phil Seymour Hoffman sind die Stars in „Der Krieg des Charlie Wilson“, der in den achtziger Jahren spielt und satirisch, aber politisch etwas handzahm vom Einsatz eines Kongressabgeordneten für die afghanischen Mudschahedin in ihrem Kampf gegen die Sowjets erzählt. Mike Nichols, der 1931 in Berlin als Michael Igor Peschkowsky geboren wurde und 1939 mit seiner Familie nach Amerika floh, ist ein charmanter älterer Herr, der Emmys, Tonys und Oscars gewonnen und Filme wie „Die Reifeprüfung“ (1967), „Die Waffen der Frauen“ (1988) oder „Hautnah“ (2004) gedreht hat. Und bevor man ihn etwas fragen kann, möchte er erst einmal etwas wissen.

Wissen Sie, was mir an Berlin auffällt? Es ist alles so niedrig hier! Vier, fünf Stockwerke, und dann ist Schluss. Wie kommt das? Können Sie mir das erklären?

Es gibt ein deutsches Wort, das sich in keine andere Sprache übersetzen lässt: Traufhöhe! Der Senatsbaudirektor hat festgelegt, dass Häuser eine bestimmte Höhe nicht überschreiten dürfen. Außer am Potsdamer Platz, da gibt es etwas Ähnliches wie Hochhäuser. So ungefähr wie in Downtown San Jose. Das ist schon ziemlich einzigartig.

Sie sind ja 1931 hier in Berlin geboren. Haben Sie noch Erinnerungen?

Aber ja, ich habe mir das Haus angesehen, in dem ich gelebt habe, und den Park, in dem ich gespielt habe. In meiner Erinnerung war er so groß wie der Central Park in New York, heute kommt er mir kaum größer vor als der Couchtisch hier zwischen uns. Ich war halt klein, ich war sieben. Ich erinnere mich noch an manches, am meisten daran, wie ich die Stadt verlassen musste, 1939, wie wir in Hamburg aufs Schiff gehen wollten. Hitler hielt damals eine Rede, es gab keine Radios, nur riesige Lautsprecher, der ganze Verkehr war zum Erliegen gekommen. Ich erinnere mich noch an eine junge Mutter, deren Kind schrie, und sie konnte ihm nichts zu essen geben, weil die Babynahrung schon auf dem Schiff war. Danach konnten wir dann abfahren. Nicht einen Moment zu früh.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie nach Berlin kommen? Eher Erleichterung, damals entkommen zu sein? Oder auch ein leichtes Bedauern, nicht erlebt zu haben, wie es gewesen wäre, hier aufzuwachsen?

Das ist sehr interessant, ich habe so nie darüber nachgedacht, was aus mir geworden wäre, wenn ich in Berlin hätte aufwachsen können. Wie es hier gewesen sein muss, habe ich erst begriffen, als ich W.G. Sebalds „Die Ausgewanderten“ gelesen habe, ein großartiges Buch. Es hat mich sehr berührt, ich habe mich gefragt, warum ausgerechnet ich das Glück hatte, zu überleben. Wie kann ich darüber hinwegkommen? Natürlich gibt es darauf keine Antwort. Es ist seltsam, ich habe bei meinem letzten Film jemanden kennengelernt, den keiner mochte außer mir. Ich mochte ihn, weil ich dachte, das bin ich als Gescheiterter. Wir ähnelten uns sehr, außer dass ich Erfolg gehabt habe und er nicht.

Aber ich weiß nicht, was für ein Deutscher ich geworden wäre. Mir war damals nicht mal bewusst, was Länder sind. Ich erinnere mich aber noch an die Aufschrift „Made in Germany“ auf meinem Spielzeug. Ich habe nicht begriffen, warum es dort nicht auf Deutsch stand. Und ich erinnere mich an einen ganz besonderen Moment, als wir in New York die „Bremen“ verließen, und direkt gegenüber vom Anleger sah ich auf dem Neonschild eines Deli hebräische Schriftzeichen. Ich fragte meinen Vater sofort: Ist das erlaubt? Ich muss also gewusst haben, dass es in Deutschland verboten war. Ich habe dann natürlich eine Menge erfahren, weil ich auf eine jüdische Schule gegangen bin. Mein erster Eindruck von Amerika war, dass alles besser ist. Ich erinnere mich an Coca-Cola und an Rice Crispies. Mein Bruder und ich konnten es gar nicht fassen, dass es Essen gibt, das Geräusche macht. Ich mochte all diese Dinge von Anfang an, Kaugummi, Hotdogs, die U-Bahn, ich liebte New York. Und ich erinnere mich daran, dass wir anders waren und sofort etwas dagegen tun wollten, indem wir die Sprache lernten. Das dauerte nur ein paar Wochen. Aber so ganz war ich nie wie sie.

War das so etwas wie Liebe auf den ersten Blick?

Ja, aber ich habe auch schnell Dankbarkeit gelernt. Ich war immer dankbar, bis heute. Kennen Sie die Geschichte von der jüdischen Großmutter, die mit ihrem Enkel an den Strand geht? Er spielt im Sand, und plötzlich trägt ihn eine große Welle davon. Sie fleht Gott an, ihn zurückzubringen. Dann kommt eine zweite große Welle, und ihr Enkel sitzt wieder neben ihr. Und sie sagt: Aber er hatte doch einen Hut auf! Man kann so dankbar sein, wie man will, wenn es in der Natur liegt herumzunörgeln, hilft alles nichts. Und dieses Nörgeln ist auch eine Art, toi-toi-toi zu sagen, bitte, nimm nichts weg, ich meine es ja gar nicht so.

Es ist schwer, jetzt zu Ihrem Film „Charlie Wilson's War“ zu kommen ...

Finden Sie?

Versuchen wir es mal so: Sie haben im Prinzip drei Arten von Filmen gemacht: Komödien voller Sophistication wie „Die Reifeprüfung“, politisch-soziale Filme wie „Silkwood“ und Actionfilme wie „Catch-22“. „Charlie Wilson's War“ kommt einem vor wie eine Mischung aus allen drei Arten.

Ich bin dem Leben gefolgt, es gab diesen riesigen Materialberg, das Buch von George Crile, das denselben Titel hat wie der Film. Es gibt unzählige Charaktere darin. Die Credits am Ende des Films dauern fast fünf Minuten. Ich habe mich gefragt: Wer sind bloß all diese Leute? Aber im Ernst: Wenn man in diesem Geschäft ist, fragt man zuerst: Wo ist das Leben in einem Stoff? Wo ist der Spaß? Wo ist der Punkt, an dem das Publikum sich fragt, ob ihm das auch passieren könnte? Gibt es da jemanden, mit dem man alle sechs Monate ins Bett geht und sich sagt, ist ja nicht so wichtig, um eines Tages zu begreifen, was derjenige einem bedeutet?

Es ist diese Art von Zwiesprache mit dem Publikum, die essentiell ist bei einem Film. Ich gucke zunächst auf die Dinge, die mir vertraut sind, und dann versuche ich, sie mit dem Publikum zu teilen, auch wenn das ein schreckliches Wort ist. Aber es ist genau diese Verbindung, die wir suchen, dass jemand sagen kann: Ja, ich weiß genau, was du meinst, und zu lachen beginnt. Lachen ist ein Moment der Übereinstimmung.

Ihr Film ist ein wenig wie eine Achterbahnfahrt. Er beginnt wie eine Satire, dann kommt ein bisschen „Rambo“ in Afghanistan. Es gibt sehr verschiedene Tonlagen.

Sie sind vielleicht verschieden, aber es ist die Geschichte eines Mannes. Sie wissen aus Ihrem eigenen Leben, dass es radikale Veränderungen gibt, auch wenn sich scheinbar nicht viel ändert. Sie leben in derselben Stadt, heiraten ihre erste Liebe, nehmen den erstbesten Job, essen jeden Sonntag mit ihrer Familie, und doch sind sie in der Zeit ein ganz anderer geworden. Das ganze Leben ist voller radikaler Veränderungen. Es sind diese Veränderungen, von denen der Film erzählt, weniger stilistische Wechsel.

Aber Sie benutzen auch, nur zum Beispiel, dokumentarisches Material aus dem Afghanistan-Krieg, um dann auf einmal ziemlich unvermittelt selbstgedrehte Kriegsszenen dazwischenzuschneiden.

Manchmal braucht man halt Dinge, die im Nachrichtenmaterial nicht enthalten sind. Wenn Sie den Eindruck haben, dass das nicht zusammenpasst, habe ich auch keine wirkliche Antwort darauf. Und ich finde Ihren Einwand legitim. Aber wenn man einen Mann wie Charlie Wilson hat, der erst auf einer großen Party in Houston ist und dann in einem Whirlpool, der dann reiche Frauen vögelt, verstümmelte Kinder in Afghanistan sieht, zurück in den Kongress kommt und die Nachrichten im Fernsehen sieht - das sind alles die Erfahrungen einer einzigen Person. Und wenn man sieht, wie Fellini - mit dem ich mich keinesfalls vergleichen will - auf einmal Zellophan aufspannt und behauptet, das sei Wasser, ist das auch eine Veränderung. Ist das nun ein Stilwechsel, oder ist es Ausdruck der Erfahrung eines seiner Charaktere? Es ist ein Versuch. Sie können mir sagen, ob er gelungen ist. Das zu beurteilen, ist nicht mein Job.

Was wussten Sie über Charlie Wilson vor dem Film?

Gar nichts.

Ihre Frau, die Journalistin Diane Sawyer, hat um 1980, lange bevor Sie sie kennenlernten, ein paar Dates mit ihm gehabt.

Zweimal, und sie sind nur zusammen in seinem Auto gefahren, mehr war da nicht. Sie war eingeschüchtert von ihm, er war betrunken, er lenkte das Auto mit den Füßen vom Rücksitz aus, der Wagen hatte Stierhörner an den Stoßstangen. Und sie dachte nur, nein, der Typ ist nichts für mich. Sie war eine etwas schüchterne Schönheitskönigin damals, die das renommierte College Wellesley besucht hatte und sofort spürte, dass er nicht das richtige Date für sie war.

Hat es dem Film denn geholfen, dass sie ihn kannte?

Es hat geholfen, dass sie wusste, wie er in betrunkenem Zustand ist. Eine seiner erstaunlichsten Eigenschaften ist es, dass er völlig offen ist. Seine Präsenz ist der Grund, warum ich diesen Film gemacht habe. Er ist der einzige Politiker, den ich je kennengelernt habe, der im Moment agiert, der nicht irgendwelche vorgestanzten Phrasen aufsagt. Er hört zu, er antwortet, er denkt nach. Er ist sanft und höflich, außer wenn er betrunken ist.

Und Tom Hanks war Ihre erste Wahl als Charlie Wilson?

Er kam schon mit dem Buch, er hatte die Rechte gekauft. Dann rief er mich an. Er wollte es unbedingt machen.

In der Szene im Whirlpool ganz zu Anfang sieht er nicht gerade so aus, als ob er großen Spaß hätte.

Das ist genau der Punkt.

Sie haben als Regisseur mit drei der größten Stars gearbeitet. Neben Tom Hanks waren es Julia Roberts und Philip Seymour Hoffman, der den beiden im Grunde die Show stiehlt. Gibt es da mal das Gefühl: Mit denen kann nichts schiefgehen?

Nein. Aber es ist eine große Erleichterung, sie überraschen einen ständig mit ihrem Erfindungsreichtum.

Geben Sie uns doch mal ein Beispiel!

Nehmen wir die Szene im Badezimmer, nachdem Julia Roberts' und Tom Hanks' Charaktere Sex hatten. Ich dachte, ich kann nicht noch eine dieser Schlafzimmerszenen drehen, wenn das Betttuch diskret ihre Brust verhüllt und er aus dem Bett steigt und Boxershorts trägt, ich will diesen Bullshit einfach nicht. Das habe ich den beiden gesagt. Das war's erst mal, dann haben wir uns verschiedene Häuser angesehen, die als Drehorte in Frage kamen. Wir fanden eines, das Schlafzimmer war okay, das Badezimmer fand ich sehr interessant. Wie wäre es damit, fragte ich: Wir könnten Julia zeigen, wie sie ihr Make-up erneuert nach dem Sex und Tom währenddessen ein Bad nimmt. Julia fand es gut und kam mit ihrem Make-up-Assistenten auf die Idee, mit einer Sicherheitsnadel direkt am Auge zu hantieren - das war eine großartige Idee. So kommt etwas zustande, in kleinen Schritten, jeder steuert etwas bei. Und je großartiger ein Schauspieler ist, desto hilfreicher ist er in diesen kleinen Dingen.

War Julia Roberts denn nach ihrer langen Pause weniger Julia Roberts oder eher mehr?

Sie ist immer Julia Roberts. Sie ist so schön und liebenswert und unglaublich intelligent. Gott gibt einem den Körper und das Gesicht, aber es ist ihr Verstand, der sie erstaunlich macht. Sagen Sie mir eine Schauspielerin, die gerne eine Frau spielt, die älter ist als sie! Die finden Sie nicht, und Julia ist gerade mal vierzig. Sie hat sich so frisieren lassen, dass ihre Haut ganz angespannt wirkte und sie aussehen ließ, als habe sie sich liften lassen. Einfach toll!

Und die Szene am Pool?

Das war ein Geschenk an mich. Als wir „Closer“ drehten, durfte ich ihren Rücken nicht filmen, wenn sie sich einen BH anzieht. Ich bat sie: Gib mir wenigstens eine Minute! Sie sagte: Okay. Und dann zog sie sich so schnell an, dass nichts zu sehen war. In „Charlie Wilson's War“ wollte ich sie im Bikini zeigen. Sie war einverstanden. Sie besuchte mich in Malibu, wo ich im Haus eines Freundes wohnte, und wir saßen am Pool. Sie trug einen Bikini und fragte, ob das so okay sei. Mehr als okay, sagte ich. Sie war im vierten Monat schwanger. Zeigen Sie mir eine Frau, die derart ihren Bauch einziehen kann!

Das Gespräch führten Andreas Kilb und Peter Körte

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3. Februar 2008
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Babelsberg, mon amour?

Von Andreas Kilb

Einhundert Jahre wird das Studio Babelsberg alt. Doch Rührung und echte Nostalgie wollen sich nicht einstellen. Babelsberg ist weder eine nationale Ikone noch ein Haus der Träume. Mehr