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Interview: Harrison Ford Star und Zimmermann

07.03.2010 ·  Kein Schauspieler hat in so vielen großen Kassenerfolgen mitgespielt wie er: Harrison Ford im F.A.S.-Gespräch über Karriere im Alter, seine persönliche CO2-Bilanz, seine Oscar-Bilanz und seinen neuen Film „Ausnahmesituation“.

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Graue Haare, Jeans, blaues Hemd und ein kleiner Ohrring im linken Ohr – Harrison Ford ist leger, er ist entspannt, er spricht leise mit dieser unverkennbaren Stimme, und er sagt, dass er sich mit fast 68 Jahren nicht alt fühle. Kein Schauspieler hat in so vielen großen Kassenerfolgen mitgespielt; als Han Solo in „Star Wars“, als Indiana Jones oder „Blade Runner“ ist er in den Achtzigern zum Star des Jahrzehnts geworden, und ein Star ist er geblieben, auch wenn er jetzt in dem nicht allzu bemerkenswerten Film „Ausnahmesituation“ einen kauzigen Biochemiker spielt, der sich eher widerwillig mit dem verzweifelten Vater (Brendan Fraser) zweier Kinder zusammentut, die an einer schweren Muskelschwundkrankheit leiden, weil seine Forschungen Hoffnung auf Entwicklung eines Medikaments machen.

Sie spielen in „Ausnahmesituation“ einen griesgrämigen, schwierigen, aber genialen Wissenschaftler – sieht so eine Rolle aus, die Hollywood männlichen Stars in Ihrem Alter noch übriglässt?

In diesem Fall kann man das so nicht sagen, ich war auch ausführender Produzent, und meine Rolle bildet ja einen dramatischen Kontrast zu John Crowley, dem Vater, der um das Leben seiner Kinder kämpft und Verbündete sucht.

Harrison Ford im Gespräch: Star und Zimmermann

Generell gibt es aber die Fixierung auf junge Darsteller. Selbst für Stars wie Sie bleibt da nicht allzu Attraktives zu tun.

Man richtet sich nach einem jungen Publikum, das sich lieber in jüngeren Schauspielern wiedererkennt, das erscheint mir völlig normal. Ich glaube nicht, dass man mich unbedingt in einem Vampirfilm sehen will, und wenn man aufs College geht, schaut man sich auch lieber einen Film an, der vom Erwachsenwerden handelt. Aber man hat halt auch immer ältere Menschen gebraucht, die ältere Menschen spielen. Das gehört zum Geschäft.

Als Ihre Karriere begann, Fahrt aufzunehmen, war das Geschäft jedoch langsamer, das Schicksal von Filmen entschied sich nicht schon am ersten Wochenende.

Es gab vor allem nicht so viele Medien, es gab keine Videospiele, kein Internet. Vermutlich war es die gesündeste Zeit, die es im Filmgeschäft gegeben hat. Es war wunderbar, zu einer Zeit zu arbeiten, als so viele der besten Regisseure gerade ins Geschäft drängten. Ich habe unheimliches Glück gehabt.

Aber ein wenig vorsichtig waren Sie doch auch damals, Sie haben Zimmermann gelernt, als es mit dem Schauspielerberuf nicht so großartig losging.

Ich bin vier Tage vor der Abschlussprüfung vom College in Wisconsin abgegangen, weil man mir signalisierte, dass ich die akademischen Ansprüche wohl nicht erfüllen würde. Ich war nicht scharf auf einen festen Job wie die anderen in meinem Jahrgang, ich bin nach Los Angeles gegangen, weil ich die vage Vorstellung hatte, Schauspieler zu werden, und da lag es nah, an die Westküste zu gehen. Ich habe dann einen Vertrag bei Columbia Pictures unterschrieben, aber es gefiel mir überhaupt nicht, was für Rollen ich da spielen musste. Ich bin aus dem Vertrag ausgestiegen, ich hatte eine Familie mit zwei kleinen Kindern zu ernähren, also bin ich Zimmermann geworden, habe aber immer Ausschau nach besseren Rollen als Schauspieler gehalten.

In einer Jim-Morrison-Biographie kann man lesen, Sie hätten auch für The Doors als Handwerker gearbeitet.

Das stimmt nur so halb, ich war Kameraassistent bei einer Dokumentation, und das auch nur eine Woche lang auf einer Tournee in Kalifornien.

War das nicht ziemlich weit weg von Ihrer Welt als junger Familienvater und Handwerker?

Nein, ich fühlte mich schon als Teil der Kultur der Sixties, auch wenn ich vorher noch nie mit einer Rockband herumgereist war.

Hatten Sie denn damals eine Vorstellung, wie es mit Ihrer Schauspielkarriere weitergehen sollte?

Zuerst nicht, das begann erst nach dem ersten „Star Wars“-Film. Da habe ich beschlossen, so viel wie möglich vor dem zweiten Film zu arbeiten, weil ich der Einzige war, der keinen Vertrag für ein Sequel unterschrieben hatte. Ich wollte meinen Preis damit in die Höhe treiben, um mit einer besseren Position an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Ich habe dann meine Karriere sehr genau geplant, es war mir immer bewusst, was ich wollte. Mir war daran gelegen, verschiedene Rollen anzunehmen, mein Spektrum zu erweitern. Ich habe verschiedene Genres ausprobiert, ich wollte mich auf keinen Fall festlegen lassen. Der Erfolg war für mich immer ein Werkzeug, um etwas anderes versuchen zu können.

War das nicht schwierig, nachdem man Sie so sehr mit Han Solo und Indiana Jones identifizierte?

Das hat mich nie gestört und nie behindert. Dass ich Teil des Erfolgs war, hat mir nur genützt. Die Studios trauten damals ihren Stars, sie waren für sie eine Art Versicherung. Deshalb konnte ich „Der einzige Zeuge“ machen, „Mosquito Coast“ oder „Aus Mangel an Beweisen“. Letztlich gehören von den mehr als vierzig Filmen, in denen ich gespielt habe, nur sieben zu den „Star Wars“- und „Indiana Jones“-Sequels.

Dennoch sind Sie mit diesen Rollen verwachsen. Ist es deshalb nicht ein seltsames Gefühl, dass Kinder heute „Lego Star Wars“ oder „Indiana Jones“ spielen, dass Ihre eigenen Enkel sich mit Ihren Avataren beschäftigen?

Ich denke darüber nicht nach, geschweige denn, dass ich es persönlich nähme. Ich bin damit beschäftigt, mein eigenes Leben zu leben. Ich habe kein Bedürfnis, einen Sinn in diesen alten Rollen zu finden. Ich suche den Sinn in der nächsten Aufgabe, in der nächsten Schwierigkeit in meiner Beziehung, ich lebe nicht in der Vergangenheit.

Darin ähneln Sie ein wenig Ihrem Charakter in „Ausnahmesituation“, der sich einfach nur für seine Forschung interessiert.

Er behandelt die Pompe-Krankheit auf einer theoretischen Ebene, er schaut durchs Mikroskop, um etwas zu erfahren. Und in der Story ist er sowohl Verbündeter des Vaters als auch ein Hindernis. Er braucht Geld für seine Forschung, er findet jemanden, der nützlich ist für ihn. Daraus entsteht eine dramatische Spannung. Und es kommt hinzu, dass John Crowley, der Vater, eine reale Figur ist, wogegen mein Charakter völlig fiktiv ist. Darin lag die Herausforderung: einen Charakter zu entwickeln, der die Geschichte erzählen hilft. So arbeite ich immer. Ich versuche, der Geschichte zu dienen.

Sind Sie nach all den Jahren nicht manchmal der Schauspielerei müde?

Ich liebe noch immer Probleme, und Schauspieler zu sein heißt für mich, Probleme zu lösen. Sich zu verkleiden und etwas vorzuspielen macht mir auch immer noch Spaß, aber die wirkliche Arbeit besteht darin zu entscheiden, was man will. Wie legt man eine Figur an, wie dreht man eine Szene am besten? Diese handwerklichen Probleme machen mir einfach Spaß.

Und die langen Wartezeiten, das Herumsitzen am Set?

Das Hauptvergnügen sind doch die Arbeit und Energie, die man investiert. Was man zu einer Gruppe beiträgt, die sich zusammengefunden hat, um eine bestimmte Geschichte zu erzählen. Wie man ausgleichend wirkt, mit den Frustrationen klarkommt, die aus dem langen Warten entstehen. Ich mag das Gemeinschaftsgefühl, das sich bei einem Film ergibt.

Sind Sie deshalb auch zum zweiten Mal nach „K-19“ Produzent geworden?

In den siebziger Jahren haben die Studios noch Geld in Projektentwicklung gesteckt. Das passiert kaum noch, heute haben die Agenturen den Großteil dieses Jobs übernommen. Wenn man heute etwas Bestimmtes will, muss man sich selbst in den Produktionsprozess einschalten.

Neben dem Filmgeschäft sind Sie ein begeisterter Flieger! Was reizt Sie daran?

Die Mischung aus Freiheit und Verantwortung. Es ist aufregend, die Welt von oben zu betrachten, aber man kann es nur, wenn man Verantwortung übernimmt. Ich mag diese Spannung. Ich habe erst mit 52 angefangen, ernsthaft Flugunterricht zu nehmen, ich musste es von Grund auf lernen, und es war mir so fremd wie mein College-Hauptfach Englisch damals. Ich wollte ein anderes Gefühl für mich selbst, nach so vielen Jahren als Schauspieler.

Zugleich sind Sie im Umweltschutz engagiert. Wie geht das mit der Fliegerei zusammen?

Einfach ist das nicht. (Lacht.) Aber es lässt sich ausbalancieren. Ich versuche, meine CO2-Bilanz zu verbessern, indem ich unter anderem in den Erhalt von Wäldern investiere. Und ich glaube, dass viele Reiche oder finanziell Bevorteilte die Möglichkeit nicht nutzen, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Ich sehe den Konflikt, den Sie ansprechen, und ich versuche, ihn zu lösen.

Umweltschutz ist in Amerika nicht gerade eine einfache Sache, wenn man nur an das Kyoto-Protokoll oder den Klimagipfel von Kopenhagen denkt.

Amerika hat in der Tat in Kopenhagen keinen vernünftigen Vorschlag gemacht, obwohl man sich kaum verschiedenere Politiker vorstellen kann als Bush und Obama. Obama hatte nicht das politische Kapital, um etwas Vernünftiges zu tun, aber die anderen Industrienationen ja auch nicht. Das Problem ist von Natur aus ein ökonomisches. Für mich ist die zentrale Frage, inwieweit man auf die Wissenschaft hört. Ich propagiere nicht eine bestimmte Richtung, ich möchte nur, dass die Leute sich die Expertenmeinungen so unvoreingenommen wie möglich anhören.

Wir müssen, aus gegebenem Anlass, noch kurz über die Oscars reden. Sie haben viele Preise erhalten, nur den Oscar nicht. Haben Sie davon geträumt?

Nein. Es ist toll, wenn man ihn bekommt; aber wenn nicht, ist das auch in Ordnung. Ich glaube nicht an Wettkampf in den Künsten, weil ich nicht kapiere, warum von den nominierten Filmen einer der beste sein soll. Für mich lässt sich das nicht vergleichen. Mir ist die Anerkennung meiner Kollegen, der Branche wichtig.

Und wer wird in diesem Jahr gewinnen?

Keine Ahnung. Ich bin Mitglied der Academy, aber ich stimme aus Prinzip nicht ab.

Interview: Peter Körte

„Ausnahmesituation“: ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.
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