24.03.2006 · Daniel Cohn-Bendit kann auch anders. Gar nicht feurig tritt er als Moderator einer neuen Talkshow im kleinen Sparten-Sender Terranova auf. Im Interview lästert er über Talk-Kollegen und schildert seine ganz eigene Philosophie des Moderierens.
Daniel Cohn-Bendit kann auch anders. Gar nicht feurig tritt er als Moderator einer neuen Talkshow im kleinen Sparten-Sender Terranova auf. Im Interview lästert er über Talk-Kollegen und schildert seine ganz eigene Philosophie des Moderierens.
F.A.Z.: Herr Cohn-Bendit, wie sind Sie eigentlich Moderator im Fernsehen geworden? Als Politiker?
Ich habe neun Jahre lang eine Literatursendung im Schweizer Fernsehen moderiert und davor ab und zu bei Arte Presseschauen gemacht. Als Elke Heidenreich damals in der Schweiz ihre Sendung abgab, hat sie mich empfohlen. Das Schweizer Fernsehen fragte an, und wir haben das zu Hause diskutiert. Meine Frau hat mich gewarnt: Paß auf, du bist kein Literaturkritiker. Was ich aber leisten konnte, war, als „Normalleser“ eine Diskussion anzuregen. Und das hat gut geklappt. Zu Beginn war die Schweizer Presse sehr skeptisch; als ich aufgehört habe, hieß es: Warum macht er das nicht weiter? So habe ich das Moderieren in der Schweiz gelernt. Die Wette war: Du mußt moderieren, nicht diskutieren, die anderen müssen reden. Mir macht das Spaß.
Aber juckt es Sie nicht, selbst Position zu beziehen?
Selbstverständlich verpacke ich bestimmte Positionen in meine Moderation. Aber es geht mir darum, eine Diskussion zu organisieren. Ich habe mir bei den vielen Talkshows im Fernsehen immer gesagt: Der Moderator macht das einfach schlecht. Man muß erreichen, daß die anderen sich aufeinander beziehen, nicht nur dabeisitzen oder Monologe halten. Die Überwindung war nicht groß. Und viele Gäste haben mir gesagt: Das ist erstaunlich, du hast wirklich moderiert.
Und das zunächst bei einem Thema, von dem Sie „keine Ahnung“ hatten.
Die Literatursendung im Schweizer Fernsehen war für mich geistige Ökologie: Wenn Sie Politik machen, wenn Sie im Europaparlament sitzen, erscheint die Welt mitunter eindimensional. Man verliert die Sensibilität für andere Dinge.
Warum gibt es eigentlich in Deutschland keine gute politische Talkshow?
Das klingt jetzt vielleicht etwas blöd, da ich es sage: weil die Leute, die Talkshows machen, zu sehr von Interessen und ideologisch geleitet sind. Vor einem Jahr kam übrigens der Geschäftsführer von Sat.1, Roger Schawinski, auf mich zu und fragte, ob ich die Gegenveranstaltung zu „Christiansen“ bestreiten wolle.
Den „Talk der Woche“.
Genau.
Und?
Schawinski hatte meine Literatursendung in der Schweiz gesehen. Er sagte mir: So etwas möchte ich auf politischer Ebene haben. Ich habe ihm gesagt: Ich würde das unheimlich gerne machen, aber es geht nicht, denn dann müßte ich aus dem Europaparlament ausscheiden.
Warum?
Es wäre für die Öffentlichkeit wohl kaum möglich, die Grenzen zwischen meiner Politik und mir als Moderator der Talkshow zu ziehen. Aber ich habe es mir lange überlegt. Ich wollte gerne beweisen, daß man eine politische Talkshow anders machen kann. Eine Talkshow, die Auseinandersetzung bietet, aber auch Wissen in der Sache vermittelt. Mit Gästen aus der Politik und Sachverständigen gesellschaftliche Aufgabe formulieren. Wer recht oder unrecht hat, das entscheidet sich erst in Jahren. Im deutschen Fernsehen haben wir das leider nicht, wir haben nur organisierten Parteienproporz.
Die üblichen Verdächtigen mit den üblichen Statements.
Eben. Deshalb gehe ich da auch nicht mehr hin, nicht zu „Christiansen“ und nicht zu „Berlin Mitte“ mit Maybrit Illner. Die Einschaltquoten stimmen zwar, aber das ist für mich kein Argument. Ich denke, es gibt keine Vermittlung ohne Erkenntnisinteresse. Daran fehlt es.
Und warum geht bei Terranova, was bei Sat.1 nicht ging?
Der Sender ist viel kleiner. Ich bin nicht so exponiert. Hier geht es ohne Proporz. Und wir haben keinen Quotendruck. Ich diskutiere interessante Themen, vor allem aus der Umweltpolitik, mit allen, die etwas dazu zu sagen haben. Das ist eine Besonderheit des Europaparlaments: Hier gehen die Kontroversen quer durch die Fraktionen. Ich kann hier mit allen reden. Terranova ist eine Nische, eine Spielwiese, auf der ich viel lerne. Ich muß keine politische Rücksichten nehmen. Bei Sat.1 würden die Zuschauer sich doch immer fragen: Ist er jetzt Journalist oder Parteipolitiker?
Sind Ihre Themen in Straßburg denn auch die Fragen, die Europa bewegen?
Manche haben Aktualität in den Nachrichten, andere nicht, sie stehen aber im Parlament auf der Agenda. Letzte Woche ging es um das Wasser, davor um Atompolitik, nächste Woche geht es um die Mohammed-Karikaturen und den Islam. Aber es geht immer um Europa.
Fürchten Sie nicht, daß, was in der Straßburger Nische stattfindet, in den Ländern niemand wahrnimmt?
In Europa können Sie - neben der Kommunalpolitik - noch wirklich etwas bewegen. Ich finde die nationale Politik einfach oldfashioned. An die richtigen Themen kommt man im Bundestag nicht mehr ran. Die Öffentlichkeiten sind zwar national organisiert, eine europäische Öffentlichkeit gibt es noch nicht - aber sie entsteht, ganz langsam. Dazu leisten wir einen kleinen Beitrag.
Sie moderieren auch für Arte - zum zweitwichtigsten Thema nach Europa: Da geht es um Fußball. Spielen Sie eigentlich selbst noch im Frankfurter Ostpark?
Nein, leider nicht. Ich kann nur noch joggen. Mein Knie erlaubt mir den Fußball nicht mehr. Ich habe mit der französischen Sportzeitung „L'Equipe“ einen Vertrag über sieben Kolumnen zur WM vereinbart. Das Honorar ist: Karten für drei Spiele: Endspiel, das Spiel Holland gegen Argentinien und das Viertelfinale in Frankfurt. Dafür schreibe ich sieben Kolumnen a 4000 Anschläge, das ist ein fairer Handel. Mit Arte bin ich in der Diskussion über eine Kultursendung aus Berlin, die drei- oder viermal im Jahr laufen soll, der Arbeitstitel ist „Pariser Platz“. Da geht es um den Sport, um Wettbetrug, um Doping, um Geld und die Frage, inwieweit Fußball überhaupt noch als sportlicher Wettkampf möglich ist. Und es geht um Fußball als Kulturgut, da soll Andre Heller dabeisein.
Ihre Prognose für die WM: Wer holt den Titel?
Brasilien, eindeutig. Wenn man sachlich argumentiert, ist es Brasilien. Es können sechs Mannschaften gewinnen, plus Brasilien.
Alle außer Deutschland.
Na ja, Griechenland hat auch die EM gewonnen.
Aber wie.
Sie haben gewonnen. Brasilien ist zwar schon in Schönheit gestorben, aber wenn sie so spielen wie im Endspiel des Confederations Cup - dann schlägt sie niemand. Und die Deutschen? Ich finde, der Trubel ist nicht mehr nachvollziehbar. Wenn die dritte Meldung in der „Tagesschau“ davon handelt, wo sich Jürgen Klinsmann gerade aufhält, das ist schon ziemlich irre. Kennen Sie eigentlich schon den neuesten Vogelgrippe-Virus?
Nein.
I4D1: Italien vier, Deutschland eins. Der hat alle angesteckt. Und dann kam noch M4B1: Mailand vier, Bayern eins. Und das, obwohl der Bayern-Trainer Magath doch in Deutschland wohnt und nicht in den Vereinigten Staaten.
Aber besser ist doch D4USA1. Als nächstes kommt dann CR3D1: Costa Rica 3, Deutschland 1.
Wer weiß? Costa Rica hat das Freundschaftsspiel gegen Frankreich nur 3:2 verloren, die haben bis zur Halbzeit 2:0 geführt. Nachdem Beckenbauer - ein Unding - gesagt hat, Kahn müsse spielen, ist alles möglich: zwei Kullerbälle durch die Beine. Polen wird auch noch spannend. Die Fehler im deutschen Fußball hat nicht Klinsmann, die hat Rudi Völler gemacht. Man hätte nach der WM in Japan und Korea machen müssen, was Klinsmann jetzt unternimmt - so wie Jacquet die Franzosen auf die WM 1998 vorbereitet hat. Klinsmann kommt leider zwei Jahre zu spät.
Könnten Sie nicht vielleicht auch noch die „Sportschau“ übernehmen?
Warum nicht!