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Interview Angelina, die Größere

20.12.2004 ·  „Ich bin nicht so gut darin, ein Opfer zu spielen“: Hollywoodstar Angelina Jolie über ihr Image als böses Mädchen, ihre Filmrolle als Mutter von Alexander dem Großen und die Erziehung ihres Adoptivsohns.

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Weil einen jeder fragt, wenn man Angelina Jolie interviewt hat, wie sie denn aussieht in echt, was natürlich eine seltsame Frage ist, weil ja jeder weiß, wie Angelina Jolie aussieht, sie arbeitet ja nicht beim Radio, aber gut, also: Angelina Jolie sieht wirklich so aus!

Sie ist sehr zierlich, hat diesen unwahrscheinlichen Luftkissenmund und riesige, weit auseinanderstehende grüne Augen. Sie sieht überhaupt nicht aus wie andere Menschen oder Frauen. Sie sieht aus wie ein wunderschöner exotischer Zierfisch. Im Gespräch ist sie konzentriert, schnell und genau. Sie hat eine Tätowierung auf dem Unterarm, und ihre Haare sind über der Stirn mit Haarspray hochtoupiert, was sie älter macht, als sie ist. Angelina Jolie ist 29 Jahre alt. Sie hat einen dreijährigen Adoptivsohn aus Kambodscha, ist Unicef-Botschafterin und eine der begehrtesten Schauspielerinnen Hollywoods, seit 2000 sogar oscargekrönt.

F.A.S.: In Oliver Stones „Alexander“ spielen Sie Alexanders Mutter. Im Film haben die beiden eine ungewöhnlich enge Beziehung. Ist das historisch belegt?

Jolie: Wir wissen, daß sie großen Einfluß auf ihn hatte. Ich glaube, sie hat ihren Sohn sehr geliebt.

Angelina Jolie im Interview

Im Film ist die Beziehung geradezu symbiotisch dargestellt.

Ich glaube, das interpretieren alle nur hinein.

Sie will, daß ihr Sohn König wird, damit sie glücklich ist.

Ich bin eine Mutter, und ich wehre mich gegen die Meinung, da könnte irgend etwas Ungesundes in der Beziehung der beiden zueinander gewesen sein.

Sagt sie nicht so etwas im Film?

Er soll König werden, um sie glücklich zu machen? Nein, sie will, daß er überlebt. Wissen Sie, anscheinend wollen die meisten Leute in ihr etwas Böses sehen. Sie ist eine sehr dunkle, starke Frau, aber sie hat im vierten Jahrhundert vor Christus gelebt, als Frauen keine Rechte hatten. Sie wurde aus ihrer Heimat herausgerissen und zur Königin gemacht. Sie wurde von ihrem Mann vergewaltigt, wann immer er sich danach fühlte. Und hätte ihr Sohn nicht den Thron bestiegen, wären sie wahrscheinlich beide getötet worden. Oder ins Exil geschickt. Hätte sie zu Alexander gesagt, wenn du einfach nur ein Dichter sein willst, dann ist das okay, wäre er getötet worden. Dann würden wir heute nicht über ihn sprechen.

Wahrscheinlich spricht Sie jeder darauf an: Colin Farrell, der Ihren Sohn spielt, ist nur ein Jahr jünger als Sie. Ich fand, im Film war eine sexuelle Spannung zwischen Ihren beiden Figuren zu spüren - war das beabsichtigt?

Nein. Das ist Ihre Interpretation.

Vielleicht ist es einfach ungewohnt, zwei gleichalte Menschen zu sehen, die Mutter und Sohn sein sollen.

Ich weiß wirklich nicht ... Die Leute sollen es interpretieren, wie sie wollen. Ich glaube, sie hat ihn zutiefst geliebt. Er war ihr Leben. Aber da war nichts Ungesundes.

Glauben Sie, Sie hätten die Rolle anders gespielt, wenn Sie kein Kind hätten?

Absolut. Tatsächlich hätte ich sie wohl gar nicht gespielt, ich hätte die Rolle nicht angenommen. Ich hätte nicht gewußt, was dieses extreme Gefühl ist - daß du wirklich für dein Kind sterben würdest. Wahrscheinlich verteidige ich sie auch deshalb so. Sie war eine Kämpferin in einer Zeit, in der eine Frau keine Macht hatte, und sie hat für ihren Sohn gekämpft. Wenn ich mir meinen Sohn an seiner Stelle vorstelle, dann kann ich sie sehr gut verstehen. Und die Vorstellung, daß der Sohn vor einem stirbt - wie schmerzvoll das sein muß, wie traurig.

Ich habe gelesen, daß Sie sich früher, bevor Sie Ihren Sohn Maddox adoptierten, nur vorstellen mußten, an Ihrer ausgestreckten Hand ginge ein kleines Kind, schon mußten Sie weinen.

Ja, ich war mir absolut sicher, daß ich nie ein Kind haben würde. Diese Vorstellung hat eine große Traurigkeit in mein Leben gebracht.

Sie haben das immer als Trick angewandt, wenn Sie in einer Rolle weinen mußten.

Heute ist es sogar noch intensiver, denn jetzt gibt es etwas, das mich zerstören würde. Wenn meinem Sohn etwas passieren würde, das könnte ich nicht ... Es gibt einem Stärke, sein Kind beschützen zu müssen. Und man wird weicher durch das Maß an Liebe, zu dem man plötzlich fähig ist.

Dann habe ich gelesen, daß für Sie immer feststand, wenn Sie doch je ein Kind haben würden, dann adoptiert. Warum?

Ich war in vielen Waisenhäusern, und ich fühle mich Waisenkindern instinktiv verbunden. Ich spüre nicht den Wunsch nach einem Kind, das mein Blut hat. Es macht für mich keinen Unterschied.

Die Macht von Müttern, heißt es immer, besteht darin, daß sie es sind, die die Männer erziehen. Fühlen Sie diese Verantwortung?

Klar. Absolut. Von so albernen Sachen wie, daß er bitte und danke sagt, bis dahin, daß er Damen Blumen bringt, was er bereits tut, daß er sein Land kennt, seine Kultur, daß er hilfsbereit ist, oh ja. Ich werde dafür sorgen, daß er ein guter Mann wird.

Wie ist es, von Angelina Jolie erzogen zu werden - sind Sie eher ruhig, sind Sie autoritär ...?

Ich bin seine Mutter und sein Vater. Ich bin die Person, zu der er kommt, wenn er sich das Knie aufgeschürft hat, aber ich bin auch die Person, die ihn diszipliniert. Natürlich nie physisch, aber wenn ich meine Stimme heben muß, muß ich meine Stimme heben.

Bringen Sie ihm dieselben Werte bei, die Ihre Eltern Ihnen beigebracht haben?

Ich denke ja. Ich bringe ihm mehr über die Welt bei. Wir reisen viel, er hat zwei Pässe, er ist drei Jahre alt, wir reisen von Uganda nach Griechenland nach Rußland, wir waren überall auf der Welt. Ich habe das Gefühl, das ist das Wichtigste, was man einem Kind geben kann: Toleranz, Verständnis und Respekt für andere Kulturen.

Bevor Sie Ihren Sohn adoptierten und Unicef-Botschafterin wurden, wirkten Sie - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - immer sehr wild und ein bißchen ... durchgeknallt. Ihre Liebesbeziehung mit Billy Bob Thornton haben Sie öffentlich zelebriert, Sie haben eine Kapsel mit seinem Blut um den Hals getragen, erzählt, daß Sie sich früher die Arme aufritzten. Hat Sie das Kind so verändert, oder sind Sie einfach älter geworden?

Ich glaube, vieles war auch einfach nur die Wahrnehmung der Leute. Ich war nie absichtlich wild, und ich finde, viele der Dinge, die ich heute tue, erfordern viel mehr Wagemut, mein Leben ist viel aufregender, viel wagemutiger als früher. Die Leute nennen es wild, wenn man sich ein Tattoo stechen läßt und von einer Brücke springt. Heute fliege ich Flugzeuge und gehe in die Grenzgebiete von Kriegen, ich finde das interessanter.

Haben Sie mit dem Image des bösen Mädchens gespielt, haben Sie es gemocht, für wild und gefährlich gehalten zu werden?

Nein, ich war eigentlich ziemlich wütend deswegen. Nein, nicht wütend ... Ich habe mich gewundert, daß Leute so ... Ich war einfach ehrlich. Und Journalisten vereinfachen die Dinge gerne - das ist das süße Mädchen, das ist das böse Mädchen, das ist das nette Mädchen ... Und so sind Menschen, vor allem Frauen, nicht. Ich kann sehr aggressiv und wild sein, aber ich liebe auch meine Mutter von Herzen und bin eine gute Tochter, ich bin sexuell, aber ich bin auch mitfühlend. Frauen sind, wie wir alle wissen, mehr als nur eine Sache.

Die Dinge, die Sie sagten oder taten, waren nicht unbedingt typisch für eine Frau, schon gar nicht für eine berühmte.

Ich weiß nicht, worauf Sie sich beziehen.

Andere weibliche Hollywoodstars geben sich braver, angepaßter - Sie haben immer auch eine dunkle Seite verkörpert, waren offen bisexuell, knutschten wild auf dem roten Teppich ...

Ich weiß immer gar nicht, warum man mich beschuldigt, so verrückt zu sein. Ich glaube, die meisten Leute identifizieren sich mit der Hälfte der Sachen, die ich getan habe.

Die waren sicher dankbar, daß jemand mal in der Öffentlichkeit dazu steht.

Ich habe halt nichts geheimgehalten.

Wurden Sie als Mädchen anders erzogen als Ihr Bruder?

Ich glaube nicht. Wenn es überhaupt einen Unterschied gab, dann war es vielleicht der, daß ich dazu erzogen wurde, stärker zu sein. Denn ich wurde von einer alleinerziehenden Mutter aufgezogen. Und wenn der Mensch, der den Haushalt schmeißt, eine Frau ist, inspiriert er wahrscheinlich vor allem die andere Frau. Und der Mann, der mit dem abwesenden Vater aufwächst - ich denke, das beeinflußt dich, weil du nicht ganz sicher sein kannst, was es heißt, ein Mann zu sein.

Ist das das Wichtigste, was Sie von Ihrer Mutter gelernt haben: daß Sie alles tun können, daß Sie nicht abhängig sind, von nichts und niemandem?

Ich denke, meine Mutter wollte schon, daß ich unabhängig bin, aber sie erinnert mich auch an den Wert der Liebe. Auch wenn du keinen Partner in deinem Leben hast. Sie wollte nie, daß ich zu unabhängig wäre, um nicht zu begrüßen, daß mich jemand liebt.

Ihr Vater ist der Schauspieler Jon Voight. Stimmt es, daß Sie beide kein Wort mehr miteinander sprechen?

Ja, das stimmt.

Warum?

Ich denke ... Da war nicht ... Ich bin in einer Scheidungsfamilie groß geworden, meine Eltern hatten ihre eigenen Probleme - es war kein perfekt solides Zuhause. Es gab viele Streitereien, viele Tränen. Und ich glaube, an einem bestimmten Punkt im Leben, und bei mir war der erreicht, kurz bevor ich Mutter wurde, mußt du dafür sorgen, daß die Menschen um dich herum alle gesund für dich sind. Mein Vater und ich, wir sind nicht gesund füreinander. Ich muß mich auf meinen Sohn konzentrieren und kann nicht mehr Zeit auf diese Kämpfe verwenden.

Ist das etwas, das Sie bereuen?

Nein. Ich glaube, es ist wichtig, Dinge zu ändern, die schlecht für einen sind. Zu viele Menschen verbringen ihr Leben mit Kämpfen. Vor allem wenn man ein Kind hat, sollte man das Negative aus dem Leben entfernen.

Es soll mal eine Zeit gegeben haben, in der Sie daran dachten, sich das Leben zu nehmen.

Wie die meisten Menschen, ja.

Als Teenager, meinen Sie?

Ja. Wenn wir nicht wissen, wo unser Platz im Leben ist. Oder, das war für mich das Entscheidende, wie ich später herausgefunden habe, wie wir uns nützlich machen können. Als ich begonnen habe, viel zu reisen, und gemerkt habe, daß ich mich um andere Menschen kümmern kann, daß ich für deren Rechte kämpfen kann ... Das hat mir geholfen, mein Leben zu schätzen und das, was ich damit machen kann - im Gegensatz zu einem Leben nur als Schauspielerin. Das hat mir nicht gereicht, um mit mir selbst glücklich zu sein.

Würden Sie sagen, in gewisser Weise war es heilend für Sie, ein Kind zu haben?

Sehr. Einfach weil ... Ein Kind gibt dem Leben einen Sinn. Sie verpflichten sich dazu, dafür zu sorgen, daß diese Person gesund aufwächst, egal was auch geschieht. Das ist das wichtigste. Und deshalb kann mich nichts mehr erschüttern, mich kann nichts wütend machen oder aus der Bahn werfen, solange es meinem Sohn gutgeht. Ja, Mutter zu sein ist schon eine komplett sonderbare Sache - du wirst total selbstlos.

Es stimmt also, was alle sagen.

Es stimmt total, es ist verrückt.

Wenn Sie zurückschauen, was denken Sie über die Person, die Sie einmal waren?

In mir war viel Kampf, aber ich wußte nicht, wogegen ich kämpfte. Jetzt habe ich eine sehr klare Vorstellung von den Sachen, für die ich mich einsetze. Ich hatte eben einfach meinen Platz noch nicht gefunden.

Müssen die Rollen, die Sie spielen, eigentlich immer starke Frauen sein?

Nein. Aber ich weiß, daß ich keine ... Jede Schauspielerin hat Rollen, mit denen sie sich wohler fühlt, die sie besser versteht. Ich kann Comedy nicht so gut wie andere Schauspielerinnen, und ich bin nicht so gut darin, ein Opfer zu spielen. Ich identifiziere mich leichter mit Frauen, die stark sind.

Gibt es eigentlich irgend etwas, vor dem Sie Angst haben?

Meine Angst war es immer, daß ich nicht so ehrlich und erfüllt leben würde, wie ich das sollte. Ich sehe so viele Menschen, die nicht so leben, wie sie gerne leben würden. Die Träume haben, die sie nie verwirklichen, Pläne, die sie nie umsetzen. Ich finde das sehr traurig. Ich lebe so erfüllt ich nur kann, um diese Angst zu besiegen.

Interview Johanna Adorján

„Alexander“ (Regie Oliver Stone) kommt am Donnerstag ins Kino.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 19. Dezember 2004
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