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Im Kino: „Zerrissene Umarmungen“ : Mit den Augen eines Blinden

Die hübsche Sekretärin Lena heiratet ihren reichen Chef, wird aber mit ihm nicht glücklich Bild: ddp

In seinem neuen Film erzählt Pedro Almodóvar von einer romantischen Passion, die zugleich auch eine Liebeserklärung an die Welt des Kinos ist. Entstanden ist ein betörender, wenn auch ein wenig zu selbstverliebter Bilderrausch um Schauspiel-Muse Penélope Cruz.

          Dieser Film dreht sich, wie ein Planet um seine Sonne, um ein einziges Bild. Es stammt aus einem Film von 1954: „Viaggio in Italia“ von Roberto Rossellini. Darin besuchen Ingrid Bergman und George Sanders die Ausgrabungen in Pompeji. Sie sehen den Gipsabdruck eines Paares, das sich im Tod umarmt hält, und Ingrid Bergman erkennt, dass sie diese Innigkeit in ihrer eigenen Ehe nie erleben wird. Sie reißt sich von George Sanders los und rennt davon. Da sind sie: die zerrissenen Umarmungen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Regisseur Mateo Scuro und sein Star, die Schauspielerin Lena Rivero, betrachten diese Szene in einem Hotel auf Lanzarote. Sie sind ein Liebespaar, das sich auf die Insel geflüchtet hat, um der Eifersucht von Lenas Mann Ernesto zu entkommen, der Scuros jüngsten Film produziert hat. Als „Viaggio in Italia“ im Fernsehen läuft, legt Lena ihre Hand auf den Bildschirm und sagt, sie habe diesen Film immer geliebt. Dann umarmt sie Mateo, so wie Ingrid Bergman George Sanders umarmt hat, und die beiden machen ein Foto von ihrem Glück. Wochen später, kurz nach Lenas Tod, wird die Fotografie zerrissen und in einer Kiste begraben. Das ist der zerrissenen Umarmungen zweiter Teil: die Wiederholung.

          Eine einzige große Wiederholung

          Pedro Almodóvars Filme sind eine einzige große Wieder-Holung des klassischen Kinos. Darin ist er der prototypische europäische Filmemacher, genauso wie Aki Kaurismäki in Finnland, Giuseppe Tornatore in Italien, Wim Wenders in Deutschland, Rivette und Chabrol in Frankreich. Sie alle haben das Kino ihrer Kindheit, das Kino der großen Tonfilmzeit der dreißiger bis fünfziger Jahre in ihren Filmen wiederbelebt. Und sie alle haben das gleiche Problem. Denn inzwischen sind sie selbst zu Klassikern geworden, zu Objekten kultischer Verehrung. Sie können ihren Kindheitshelden nicht mehr kindlich gegenübertreten. Die Kinogeschichte, vor der sich ihre Filme verneigen, hat sie längst eingeholt.

          Almodóvars Film schwelgt in melancholischer Selbstbespiegelung

          In „Zerrissene Umarmungen“ wird diese Verwandlung im Bild einer Verstümmelung gespiegelt. Regisseur Mateo Scuro ist seit dem Unfall, bei dem seine Muse ums Leben kam, erblindet, er schreibt jetzt Drehbücher und nennt sich Harry Caine - Harry wie Harry Lime, die Orson-Welles-Figur aus „Der dritte Mann“, Caine wie der Krimiautor James M. Cain oder der Held aus „Citizen Kane“. Rückblickend erzählt der Blinde (Lluís Homar) seinem Sohn, der sich von einer Drogen-Überdosis erholt, die Tragödie seines Lebens. Sie beginnt mit der Liebe des Finanzmagnaten Ernesto Martel (José Luis Gómez) zu seiner Sekretärin Lena (Penélope Cruz). Die Sekretärin braucht Geld, um ihren krebskranken Vater behandeln zu lassen, und außerdem will sie Schauspielerin werden; also heiratet sie ihren Chef.

          Ein Paar aus einer anderen Zeit

          Das Paar Lena-Ernesto stammt selbst aus einer anderen Zeit. In der heutigen Fernsehserienwelt würde es nur noch als grelle Parodie funktionieren, aber bei Almodóvar hat es eine strenge und grausame Würde. Als der alte Martel entdeckt, dass seine junge Frau ihn betrügt, stößt er sie die Treppe hinunter wie ein Patriarch in einem Noir-Thriller. Nun muss Lena im Gipsverband auf den Set, wo sie für den berühmten Regisseur Mateo Blanco die Hauptrolle in einem Film spielt, der sie unsterblich machen soll.

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