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Anti-Ausländer-Krawalle in Rostock : Chronik einer bösen Nacht

  • -Aktualisiert am

Der junge Körper will sich beweisen: Robbie (Joel Basman) sucht Bewegung, vielleicht sogar eine politische. Bild: ZDF/Ufa Fiction

Die Ausschreitungen gegen Ausländer in Rostock-Lichtenhagen liegen über zwanzig Jahre zurück und hinterlassen noch viele offene Fragen. Mit seinem Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ versucht der junge Regisseur Burhan Qurbani eine Rekonstruktion damaliger Befindlichkeiten.

          Einen Augenblick zögert Robbie, bis er das Feuerzeug an den Zündlappen des Molotowcocktails hält. Er gibt ihn an Stefan weiter, und der zögert wieder, bis er den Brandsatz gegen ein Fenster des Sonnenblumenhauses schleudert. Die jungen Männer und ihre Clique, Beschäftigungslose und Gymnasiasten, haben schon den ganzen Tag über nicht recht gewusst, wohin sie sich wenden sollten. Mittags fuhren sie zur nahen Ostsee, haben Sonne und Meer und ein Gefühl der Freiheit genossen. Wie sie so dasitzen, lassen die Gesichter fast an die jungen Leute in Robert Siodmaks Film „Menschen am Sonntag“ von 1929 denken. Aber Stefan, Robbie und die anderen erfüllt keine Zuversicht, keine Hoffnung. Was sollen wir tun? Die Frage scheint in ihre Gesichtern auf, in ihrem Sich-hierhin-und-dahin-Wenden, da ist ein Vakuum, in das jetzt die braune Gesinnung fließt. Und da kommt er auch schon, der stramme Neonazi, um sie mitten in den Trubel zu fahren.

          Wir sind im Rostocker Neubaubezirk Lichtenhagen, an einem warmen Augusttag im Jahr 1992. Die Roma und andere Asylbewerber sind unter den Drohrufen der Anwohner in Busse gesetzt worden, doch ein Dutzend Vietnamesen, von der DDR angeworbene Vertragsarbeiter, gegen die bisher kein Volkszorn aufflammte, wohnen noch in dem überlangen, an einer Stirnseite mit Sonnenblumen bemalten Plattenbau und spähen ängstlich aus dem Fenster auf die von einer Reihe Polizisten gerade noch in Schach gehaltene Menge. Eine von ihnen, Lien, ist vom Chef der Wäscherei, in der sie arbeitet, gewarnt worden, umsonst.

          In dieser Nacht werden sie alle das Fürchten lernen. Mit dem Feuer haben der sonst eher bedächtige Stefan (Jonas Nay), der gern herumkaspernde Robbie (Joel Basman) und die anderen die letzte Hemmschwelle überwunden. Wie im Rausch brechen sie über die Wohnung von Liens Familie her, in einem wilden Exzess, in dessen Verlauf die Vietnamesen, auch das ist überliefert, mit knapper Not über das Dach in einen Nebenaufgang entkommen.

          Unfähigkeit auf Amtssesseln?

          Warum die Polizei abzog und damit im entscheidenden Moment den von dreitausend Zuschauern angefeuerten Randalierern freie Bahn gab, ist seinerzeit heftig diskutiert worden. In der Figur von Stefans Vater, mit dem der damalige Oberbürgermeister von Rostock oder der Polizeipräsident gemeint sein könnten, wird diese beamtete Ratlosigkeit zur lebendigen, wenn auch, trotz Devid Striesows Darstellungskunst, nicht völlig glaubwürdigen Anschauung gebracht. Als er gebraucht wird, zieht sich der Mann ins Eigenheim zurück, als es zu spät ist, ruft er mit wenigen getreuen Demokraten verzweifelt „keine Gewalt!“ - die Losung vom November 1989. War allein Unfähigkeit auf Amtssesseln die Ursache, oder sollten hier Argumente für ein verschärftes Asylgesetz (das ein Jahr später tatsächlich kam) geschaffen werden? „Wir brauchen eine neue Mauer“, ließ in jenen Tagen der Justizminister von Mecklenburg-Vorpommern verlauten. Dabei waren die Folgen der erst knapp drei Jahre zuvor demontierten Mauer noch längst nicht überwunden: die Angst vor Fremden, die Sorge, sein Leben nun selbst in die Hand nehmen zu müssen.

          Als in Deutschland aufgewachsener Sohn afghanischer Eltern dürfte Burhan Qurbani, der sich bei seinem zweiten Spielfilm auf ein Drehbuch von Martin Behnke stützte, jede - nun abermals grassierende - Ausländerfeindlichkeit fast hautnah empfinden. Doch wie die pogromähnlichen Zustände erzählt werden können, wenn es denn keine Dokumentation sein sollte (für die reichlich Material vorhanden sein müsste, da das Fernsehen die Ereignisse damals fast live übertrug), war die schwierigere Frage. Qurbani wählte die Form einer Tageschronik. Ein Heer von Statisten wurde aufgeboten, das die Ereignisse zwischen Morgen und Nacht nachspielte. Der Kameramann Yoshi Heimrath schuf die Puzzlestücke, die zusammen ein Ganzes ergeben sollen und die doch nur eine Außenansicht bieten.

          Im Presseheft zitiert Qurbani einen Satz von Elias Canetti: „Der wahre Henker ist die Masse.“ Man mag die Absicht akzeptieren, den Zuschauer, der allerdings auch zu einer Masse gehört, das Fürchten zu lehren. Von einem aufklärerischen Willen zeugt der Film indes nicht. Weil er alles zeigen will, zeigt er von allem nur etwas, vor allem von dem, was den Zuschauer anrührend verstören könnte: die Verlorenheit einer Jugend in einer Umbruchsituation, die Unsicherheit der Politik in den Fragen der Zuwanderung oder auch die lauernde Bosheit des Kleinbürgers, die hier eine bloße Fratze bleibt.

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