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Im Kino: „Winterdieb“ So kalt war mein Tal

Die Schweiz als Ferienparadies und Alltagshölle: Ursula Meier schickt in ihrem beeindruckenden Film „Winterdieb“ zwei Außenseiter in ein Duell der verlorenen Seelen.

© Arsenal Filmverleih Vergrößern So einsam, wie ein Kind nur sein kann: Kacey Mottet Klein in Ursula Meiers „Winterdieb“

Ein Skigebiet in den Schweizer Alpen. Der Schnee staubt, die Lifte surren, die Menschen stürzen aus den Gondeln auf die Piste, nur ein Junge bleibt zurück. An der Garderobe der Bergstation fleddert er hastig die Rucksäcke der Urlauber, schiebt Brillen, Mützen, Handschuhe unter seine Jacke; eine Provianttasche, die belegte Brötchen und eine Thermoskanne enthält, nimmt er mit.

Draußen am Skiständer klemmt er ein fabrikneues Paar Kinderski unter den Arm und läuft damit zur Station zurück. Während die Gondel ins Tal hinabgleitet, sichtet er seine Beute. Dann wirft er den Kopf zurück und lacht.

Er nennt sie „Sister“

Schon lange konnte man im Kino nicht mehr so deutlich den Schnee riechen wie in Ursula Meiers „Winterdieb“. Man spürt die Kälte der Hänge, die Feuchtigkeit der Kleider in den Liftkabinen, die klamme, stehende Luft über den braunen Feldern im Tal. Der Film ist sinnlich bis an die Schmerzgrenze, weil er von Dingen handelt, die über diese Grenze hinausgehen, von dem, was sich nicht im Schnee begraben lässt wie ein Paar geklaute Ski.

Simon heißt der Junge, und die junge Frau, die er „Sister“ nennt und mit der er ein Apartment in dem grauen Hochhaus mit dem blätternden Putz an der Bundesstraße bewohnt, heißt Louise. Louise hat gerade wieder ihren Job verloren, während Simons Geschäft mit dem Diebesgut aus dem Skigebiet floriert. Er verkauft seine Ski, Brillen und Handschuhe an die Kinder der Nachbarschaft und bald auch an die Angestellten des Bergrestaurants, Saisonarbeiter aus Nord- und Osteuropa.

Wenn Louise neue Jeans braucht, weil sie die alten auf ihren nächtlichen Streifzügen verschlissen hat, zahlt Simon. Und doch fehlt ihm etwas. Man sieht es an der Art, wie er sich um eine wildfremde englische Touristin kümmert, die mit ihren Kindern auf der Sonnenterrasse vor der Liftstation sitzt. Eine Mutter. Wie er sie nicht hat.

Heimatlos im eigenen Land

Dann passiert etwas, das eigentlich in der Luft lag, und doch sieht man es nicht kommen, es trifft den Zuschauer wie ein Schwall Eisluft, der durch die Fenster dieser Geschichte dringt. Es beginnt damit, dass Louise wieder einen Freund hat, etwas Ernstes, so scheint es, und dass dieser Freund Fragen stellt, nach Simon, nach Louise und nach der Familie, die sie offenbar nicht haben. Es ist der Augenblick der Wahrheit in „Winterdieb“, und als alles gesagt ist, versteht man erst, wie verzweifelt Simons Lage ist.

Er gleicht keinem der kindlichen Streuner, von denen das Kino sonst gern erzählt und die im Notfall doch immer irgendwo einen Onkel, einen Opa, einen Freund haben. Simon hat nichts, er ist heimatlos im eigenen Land. Seinem Alleinsein fehlt jede Romantik, es ist hart und kalt wie die Winterluft im Tal, kalt wie der Moment, in dem Simon Louise fragt, ob er bei ihr schlafen könne. „Nein.“ - „Und wenn ich dir hundert Franken gebe?“ - „Gib mir zweihundert.“

Ein vertikaler Film

Ein „vertikaler Film“ sei das, sagt die Schweizer Regisseurin Ursula Meier, nach dem horizontalen Planspiel ihres Kinodebüts „Home“, für das sie, neben dem Erfolg beim heimischen Publikum, internationale Preise und Kritikerlob bekam. Vor allem ist es ein Film, der ständig in Bewegung ist, hinauf, hinab, im Skilift oder auf der Straße. Selbst die Wohnung, in der Simon und Louise leben, ist nur eine Station unter vielen, ein Transitraum, und das bewahrt „Winterdieb“ davor, zu dem klassischen Sozialdrama zu werden, das Ursula Meier auf keinen Fall drehen wollte.

Und doch steckt das Soziale in der Geschichte, als Aussparung, als Negativ. Es liegt nicht in den Verhältnissen, sondern in der Verhältnislosigkeit der Figuren, in der Flüchtigkeit ihrer Worte, Gefühle, Beziehungen. „L’enfant d’en haut“ heißt der Film im frankoschweizerischen Original, „Das Kind von da oben“, und manchmal hat das Gesicht von Kacey Mottet Klein (der schon in „Home“ dabei war) tatsächlich etwas Unwirkliches, Engelhaftes, das einen seltsamen Kontrast zu seiner Verkaufstüchtigkeit bildet.

Léa Seydoux als Louise dagegen scheint geradezu gefesselt an die Erde des Tals. Am Morgen nach einer jener Nächte, in denen sie ihren Kummer zu ersäufen versucht, liegt sie bewusstlos auf einem Feld, und es ist, als wollte sie darin versinken. Die Kinder heben sie auf und tragen sie ins Haus.

Die Ungleichheit als ein Stück Natur

Wo „Home“ sich offen (und manchmal störend) allegorisch gab, treibt „Winterdieb“ ein hintergründigeres Spiel mit der Wirklichkeit. Die ganze Schweiz steckt in dem Film, aber nicht als Sinnbild, sondern als Geschäftsmodell und Aktionsraum. Die Landschaft ist selbst eine Sozialpyramide, sie sortiert die zahlenden Gäste nach oben ins Skigebiet und die Verlierer nach unten ins Tal, sie ordnet die Schicksale nach Einkommensklassen. Niemand weiß das besser als Simon, der an der Talstation einen Spind besitzt, in dem er seine Skikleidung aufbewahrt wie ein Soldat die Uniform.

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Das Wagnis dieses Films besteht darin, dass er die Ungleichheit wie ein Stück Natur aussehen lässt. Statt einer Moral, wie man sie bei Ken Loach oder Cédric Klapisch erwarten dürfte, zeigt er zwei ausweglos miteinander ringende Seelen, eine Frau und einen Jungen, allein unter dem Winterhimmel, in der kalten, schattigen Hölle des Tals. Und genau darin liegt seine Größe, seine wunderbare Präzision: Er ist ganz Kino, ohne Fußnote, ohne Zeigefinger, ohne Kommentar.

Dann ist die Skisaison vorbei. Die Arbeiter reisen ab, die Bergstation gehört jetzt Simon allein, der auf den schmelzenden Schneeflecken und verwaisten Liftsesseln herumtollt, als wollte er seine Kindheit in ein paar Stunden nachholen. Aber als es dunkel wird, holt ihn die Einsamkeit ein, und er weint sich in den Schlaf. Am nächsten Morgen fahren die Gondeln wieder, und er kehrt zurück ins Tal. Auf dem Weg hinab kommt ihm seine Mutter in einer anderen Gondel entgegen. Nicht die Mutter, von der er träumt, aber die, die er hat. Und der Film ist aus.

Quelle: F.A.Z.

 
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