11.09.2009 · Anders als bei seinen früheren Mythenadaptionen nimmt Michael Herbig in „Wickie und die starken Männer“ seine Vorlage durchaus ernst. Die liebevolle Behandlung der tief im kollektiven Gedächtnis verankerten Trickfilmserie tut dem Film entschieden gut.
Von Tilman SpreckelsenEs gibt Streitfälle, die scheinen so überdeutlich von Anfang an entschieden, dass man sich schon wundert, dass überhaupt noch gestritten wird: Wenn ein großer starker Wikinger und sein äußerst schmächtiges Söhnchen allen Ernstes wetten, wer von ihnen einen Haufen schwerer Felsbrocken als Erster ans andere Ende der Wiese trägt, könnte man sich im Grunde zurücklehnen und schon mal den Pokal für den Vater putzen.
Genau das tut die kleine Ylvi nicht, als sie sich zu den anderen Bewohnern des Wikingerdörfchens Flake auf eine rasch errichtete Tribüne setzt, und schon das qualifiziert sie zur heimlichen Heldin von Michael „Bully“ Herbigs Kinofilm „Wickie und die starken Männer“. Anders als Herbigs Adaptionen populärer Stoffe von Winnetou bis Enterprise (siehe auch: Im Kino: „(T)Raumschiff Surprise - Periode 1“) nimmt dieser Film seine Vorlage trotz einiger Blödeleien durchaus ernst, und diese liebevolle Behandlung der tief im kollektiven Gedächtnis verankerten, seit 1974 immer wieder ausgestrahlten Trickfilmserie tut dem Film entschieden gut.
Dabei scheut Herbig nicht davor zurück, zentrale Szenen der Romanvorlage wie auch der Fernsehserie ins Zentrum seines Films zu stellen und etwa dem Wettstreit zwischen Wickie und Halvar breiten Raum zu geben: Während der Vater schuftet und prahlt, denkt sein Sohn, ausgezeichnet gespielt von Jonas Hämmerle, erst einmal nach. Und baut dann eine Art Schleuder, mit deren Hilfe er auch ganz richtig den Wettstreit gewinnt.
Der Homo Faber unter den Nordmännern
So oder so ähnlich geht es weiter: Wickie ist der Homo Faber unter den Nordmännern, der Tüftler, dessen ungeheure Wolfsangst, die im Vorspann zur Trickfilmserie noch lautstark besungen wird, im Zuge der 78 Folgen immer stärker hinter dem Ingenium dieses Jungen zurücktritt. Er erfindet praktisch im Alleingang alles, was unsere Moderne ausmacht, vom Fluggerät über die hölzerne Wasserleitung bis hin zu biologischen Waffen. Nebenbei ist er ein genialer Manipulator, und wer sich auf ein argumentatives Streitgespräch mit ihm einlässt, hat schon verloren. Die Ambivalenz aber zwischen dem schwächlichen Körper und dem ungeheuren Geist geht dabei verloren, und das ist auch der Grund dafür, warum die Fernsehserie am Ende immer aberwitzigere Situationen ersinnen muss, um Wickie halbwegs zu fordern.
Tatsächlich liegt auch dieses Bild der Wickie-Gestalt in Herbigs Film zugrunde. Der Knabe erstreitet sich das Recht, auf große Wikingerfahrt zu gehen, der „Schreckliche Sven“, Halvars Erzfeind, entführt die Kinder von Flake, und ohne Wickies Einfälle hätte man sie nie befreien können. Das Wikingerschiff ist groß und schön, das Dorf Flake verwunschen, wenn Wickie eine Idee hat, sprüht sein Kopf Funken, und selbst das Titellied der Serie („Heyhey Wickie, Hey, Wickie, Hey“), damals gesungen von einer früheren Inkarnation der Bläck Fööss, findet irgendwann in Herbigs Film, als letztes nostalgisches Element, das ihm bis dahin noch gefehlt hatte.
Und natürlich Ylvi, deren Rolle als gar nicht so naive Inspirationsquelle des klugen Knaben kräftig ausgeweitet wird. Für sie begibt er sich freiwillig in die Höhle des Wolfs. Und Herbig, der genau weiß, was er tut, setzt damit ein Signal, das dezent den Unterschied zwischen dem Wickie seines Films und dem der Serie markiert.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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